Die A40 in dir

Die Männer mit dem Gespür für den richtigen Augenblick haben gleich erkannt, was der wichtigste – weil nachhaltigste – Effekt der Kulturhauptstadt war: Die verbindende Energie des A40-Stilllebens.
Und so kam es, dass sich der Dortmunder Oberbürgermeister Ullrich Sierau (SPD) noch am Tag des originellen Massenereignisses im vergangenen Juli mit dem Vorschlag zu Wort gemeldet hat, das Volksfest auf der gesperrten Ruhrgebietsautobahn alle zwei Jahre zu wiederholen. Einige seiner hiesigen Amtskollegen, sowie ein Vertreter des Regionalverbandes Ruhrgebiet, beeilten sich, diesem Vorschlag zuzustimmen. Denn im Ruhrgebiet selbst, sowie darüber hinaus, war diese lebendige Performance mit drei Millionen zeitweiligen Autobahnwandlern das sichtbarste Zeichen der Kulturhauptstadt Ruhr.2010.



Sie war spektakulär und (bislang) einzigartig, noch dazu von einem Symbolwert wie ihn die angebliche Metropole Ruhr höher nicht zu Markte hätte tragen können. Selbst nach dem Drama um die Loveparade, das sich in der Woche darauf in Duisburg zutrug, ist dieser Wert nicht verfallen. Wenngleich die Tragödie nach der Massenpanik mit 21 Toten für die Öffentlichkeit außerhalb des Ruhrgebiets gleichsam das Ende der Party mit Namen Ruhr.2010 darstellte. Spätestens seit diesem traurigen Tag sind die Menschen im Ruhrgebiet wieder unter sich. Und genau dort, also untereinander, passierten die Dinge, die auch nach diesem Kulturhauptstadtjahr ihre Fortsetzung finden werden: Die Identitäts- und Sinnsuche für ein gemeinsames Ruhrgebiet, das sich dauerhaft als solches darstellen sollte.

Wie auch immer man dieses Kulturhauptstadtjahr bewertet - und es gibt Anlass für mannigfaltige Kritik (die ich hier nicht erörtern will), hat es das verbindende Element gestärkt, das Wir-Gefühl im Ruhrgebiet, das auch im kommenden Jahr weiterarbeiten wird. Vielfältig und dezentral. Zum Beispiel im Internet, wo im Ruhrgebiet in den vergangenen Jahren eine artenreiche Informations- und Meinungslandschaft trotz – oder gerade wegen – der öden Medienmonokultur entstanden ist, die dem verbindenden Element einer neuen Ruhrgebietsidentität eine Ausstellungsfläche bietet.



Schauen Sie da mal rein, in die lokalen Blogs und Foren, dort finden sie kritische Debatten, eine produktive Streitkultur, Ideen und Anstöße, die das Ruhrgebiet weiter bringen als eine Zeitungsöffentlichkeit, die an der Stadtgrenze halt macht. Hier, im Netz, lebt die Kulturhauptstadt weiter, und zwar derjenige Teil, der ohne Pomp, Sichvergleichen und Lokalfürsten auskommt, die das Ruhrgebiet in seiner Entwicklung hemmen, seit sie die Macht von den Industriebaronen übernommen haben. Im Internet bewegt sich ein durchgehender demokratischer Meinungsfluss, der sich wie die A40 quer durch das Ruhrgebiet zieht, und von einem unsichtbaren Konsens lebt, der alle Akteure miteinander verbindet. An diesem Ort lebt die Kulturhauptstadt weiter, ganz ohne Geschäftsführung und Meinungsführerschaft.

Fotos: Sandra Anni Lang

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Mi, 17.11.2010 0

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11.02.2010

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Metropole Ruhr
Mehr als 5 Millionen Einwohner erleben zurzeit, wie ihr postindustrielles Ruhrgebiet im Westen Deutschlands sich zum spannenden europäischen „place to be“ wandelt. Eine werdende Metropole im Selbstfindungsprozess nach der Kulturhauptstadt 2010. Besondere Kennzeichen: Industriekultur als Teil des kollektiven Gedächtnisses – und als inszeniertes Massenereignis.

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