Der Wunsch, sich auszutauschen

Ein Interview mit Stefan Chernev, aufgezeichnet von Werner Busch.

Können oder möchten Sie uns erklären, was das titelgebende Stück des Regenbogens ist?

Der Film ist als einfache Beobachtung des realen Lebens gedreht, es gibt kaum Störungen, kaum Subjektivität. Diese Geschichte könnte sich gerade irgendwo auf der Welt abspielen. Und dieses Ereignis wäre wie alles, was in unseren Leben passiert. Eine einfache Begebenheit. Wenn jede Farbe des Regenbogens ein solches Ereignis in unserem Leben wäre, dann ist diese Geschichte eben ein Teil davon. Für mich ist der Kern der Geschichte nicht das, was mit den Charakteren passiert, sondern das, was sie vereint. Das ist das Thema, das Hauptmotiv das alles bestimmt. Und es ist der einfache Wunsch jedes menschlichen Wesens, sich mit anderen auszutauschen.

Der Film basiert auf einer Kurzgeschichte von Kolyo Nikolov mit dem Titel „Der Junge“. Eine deutsche Übersetzung des Textes findet sich in einer Anthologie bulgarischer Kindergeschichten. Aber: Ist es wirklich eine Kindergeschichte? Wie sind sie auf diesen Text gestoßen und warum haben Sie ihn für Ihren ersten Film ausgewählt?

Nein. Für mich war das nie eine Kindergeschichte. Der Text wurde mir von einem Freund angetragen, einem Regisseur, der später mein Dozent an der Filmhochschule werden sollte. Ich hielt es für eine großartige Geschichte, erzählerisch einfach und logistisch nicht schwer umzusetzen. Das sind gute Vorrausetzungen für den ersten Studentenfilm.

Könnten Sie uns Näheres zu den Produktionsbedingungen sagen?

Alle Schauspieler waren auf verschiedene Weise mit meinem Dozenten verbandelt, der Junge ist beispielsweise sein Neffe. Wir haben also gesprochen, uns mit jedem getroffen, und für mich passte alles zusammen. Stoyan Aleksiev, der im Film den Dirigenten spielt, ist in Bulgarien ein bekannter Name, und ich war unglaublich geschmeichelt, dass er bei dem Film mitmachen wollte. Das war beinahe surreal für mich. Ich erstellte ein sehr genaues Shooting Script. Es war so genau, dass es exakt doppelt so viele Einstellungen wie der fertige Film hatte. Das war eine Lektion für mich. Der Film hat lediglich 350 Euro gekostet, fast alles waren Beistellungen. Auch die Schauspieler arbeiteten umsonst – außer der Kuh, für die habe ich bezahlt. Wir drehten den Film an zwei aufeinander folgenden Tagen im Oktober 2007. Das Wetter war absolut gegen uns, und ich begreife das als eine Art Taufe für meine zukünftige Karriere. Falls ich eine haben werde, natürlich.

Man sieht dem Film diese zweigeteilten Wetterbedingungen deutlich an, aber dramaturgisch würden Sie sogar Sinn ergeben. Die Sonne etwa sehen wir zum ersten Mal in der ersten gemeinsamen Einstellung mit den beiden Protagonisten.

Am ersten Tag, dem regnerischen, drehten wir zehn Einstellungen mit einem Kran, der manchmal auch einen Dolly imitiert. Am zweiten, dem sonnigen Tag, drehten wir ungefähr 80 Einstellungen. Als ich die Sonne am Morgen dieses Tages sah, reagierte ich darauf, und wir drehten sofort die Sequenz, in der sich der Dirigent verabschiedet, zu Fuß weiter geht und von der Frau verfolgt wird. Ich wollte, dass die tiefstehende Sonne auf den Dirigenten scheint, ich wollte ein Gefühl von Glück und Katharsis. Alles andere ist Zufall.

Sie haben den Film selbst geschnitten?

Leider ist der beste Job, den man als Filmregie-Student in Bulgarien überhaupt kriegen kann, der eines Video-Editors. Ich bestreite mit dem Schneiden in einer Postproduktionsfirma meinen Lebensunterhalt. Dort habe ich auch die durchaus begabten Leute kennengelernt, die mir bei meinem Film halfen. Sei es bei der Farbkorrektur, den Titeln, dem Dubbing, dem Sounddesign oder der wirklichen großartigen Musik, die übrigens auch kostenlos war.

Viele Kurzfilme sind auf eine Schluss-Pointe, einen finalen Twist hin konzipiert. Und das spürt man zum Nachteil des Films häufig auch. Die finale Wendung in Ihrem Film traf mich hingegen völlig unerwartet, und obwohl ich sie sehr mag, habe ich mich doch gefragt, ob der Film sie wirklich braucht?

Diese Frage wurde häufig gestellt. Ja, der Film braucht sie. Man erwartet sie nicht, da es diesen Abschluss mit dem Dirigenten gibt. Aber das ist nicht sein Film. Ohne diese Wendung hätte der Junge kein Ende und der Film hätte einen weniger narrativen Schluss, wenn der Abspann mit der Weiterreise des Dirigenten beginnen würde. Das Ende des Jungen schließt alles ab und ist der notwendige finale Akkord, den der Film braucht.
 

Ähnliche Beiträge:

Mo, 23.08.2010 0

Kommentar hinzufügen

Anmelden oder Registrieren um Kommentare zu schreiben

Ähnliche Beiträge

Über den Autor

29.01.2010

Thema

Branche

Aktuelle Tweets

[CNB] Impressionen des 'The New Job Circus 2012' in #Köln @bethausCNG http://t.co/g8DpKhGL #cnb12 #njc12 /RT @schwarzesgold
[DECISION] Is Kapoor's #Olympic Sculpture #Art at its best? wild, unexpected, not consensual - http://t.co/jHFCFy7W /RT @Bernd_Fesel
[URBAN] Werner Ruhnau aus @Essen erschafft morderne Nachkriegs- #architektur http://t.co/eAMaycWf #LABKULTUR
[DESIGN] #WDCD in #Amsterdam What Design Can Do conference. From #food to #technology. http://t.co/3hcmnBIo #LABKULTUR