Boris Mercelot (c) J. Hendricksen

"Der Wirklichkeit eine Parallelität entgegensetzen"

Boris Mercelot und sein 99cent-Theater

Boris Mercelot realisiert theateraffine Formate im Ruhrgebiet. Das von ihm begründete „99cent Theater“ machte Furore in der Bochumer Kneipe Goldkante, bis es ihn und seine Truppe dann auf Ruhrgebietserkundungstour führte. Sein Theater-Projekt „Eintagsfliegen“ machte Theater zum kurzen Prozess: Einen Tag ausschwärmen, einen Tag proben, einen Tag aufführen – in sechs Ruhrgebietsstädten. Ein Gespräch.

Was ist deine Berufsbezeichnung?

Theaterfremden würde ich sagen, dass ich Regisseur bin. Ich bin auch nicht selbst auf der Bühne, oder ganz selten. Ich leite Darsteller an, zum Beispiel mit dem 99cent-Theater. Die Projekte entstehen aus meinen Kopf.

Wie lange gibt es das 99cent-Theater?

Dieses Jahr haben wir Fünfjähriges. Enstanden ist das Projekt aus einem Experiment. Wir haben in Bochum in einer kleinen Kneipe angefangen. Wir hatten ungefähr fünf Folgen angedacht, als Serie alle zwei Wochen donnerstagsabends um 22 Uhr. Da war vorher Kneipe und nachher Kneipe.
Mit einem guten Kollegen von mir, der Drehbuchautor ist, habe ich dann ein Setting entwickelt. Es gab zwei Hauptcharaktere und immer einen Gast. Wie gesagt, wir hatten fünf Folgen geplant, dann kamen aber immer mehr Leute. Erst 15, dann 20, 25, und es sind immer mehr geworden. Die Leute sind da geblieben, haben Bier getrunken und sind wiedergekommen. Es gab Soap-Elemente, Sitcom- Elemente, der Plot war ein bisschen abstrus.

Es ging um ein Mädchen, dass Serienkillerin werden will. Sie hat aber noch keinen umgebracht und hat sich dann ein erstes Opfer ausgesucht. Sie will die Opfer aber vorher kennen lernen. Bei einem Gespräch behauptet ihr erstes Opfer „Schumann“, dass er ein Außerirdischer sei. Sie verlangt, dass er ihr ein neues Opfer bringt, weil sie ihn nicht umbringen will, und so kommt die Geschichte in Gang.

Wie lange lief das?

Das lief zwei Jahre. Im zweiten Jahr haben wir dann auch ein bisschen Geld von der Stadt bekommen. Wir haben dann die „Die Stunde der Unruhe“ gemacht, nach Fernando Pessoa. Das war ein Einmannstück. Es spielte komplett im Schaufenster, die Zuschauer sitzen hinterm Schaufenster und gucken raus. Es fallen auch nur drei Sätze im gesamten Stück. Das haben wir dann auch an verschiedenen Orten gespielt und letzten Herbst kam dann das Projekt „Eintagsfliegen“. Und dazwischen andere kleine Projektchen.

Damit schlägst du dich durch?

Nicht ausschließlich. Ich mache Projekte mit Jugendlichen. In letzter Zeit vermehrt am Duisburger Theater

Was ist für dich wichtig bei der Entwicklung von Theaterformen?

Wichtig ist eine Auseinandersetzung mit aktueller Lebensrealität. Es geht um die Entwicklung von Parallelität. In Bezug auf „Schöne Unruhe“ hieß das zum Beispiel: Ich muss nicht noch kommentieren, was man durch das Schaufenster sieht, das ist das alltägliche Leben. Das, was künstlerisch passiert, muss eine eigene Ästhetik haben. Das Theater muss sich zur Wirklichkeit verhalten, nicht sie verdoppeln.

Es geht dir also darum, sich auf den Alltag zu beziehen, aber diesem eine eigene Ästhetik entgegenzusetzen?

Genau. Um so die Wirklichkeit neu erlebbar zu machen, so dass ein Perspektivenwechsel entsteht – eine Parallelität mit einer definierten Ästhetik.

 

Danke für das Gespräch.
 

Do, 09.02.2012 0

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27.02.2010

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