Der Wert eines Polaroids
Ein Blick nach Essen: Was verbirgt sich hinter 'Schnittplatz 1' in der Schützenbahn?
Essen-City, Schützenbahn: Die ersten Künstler haben in diesem Frühjahr ihre Räume und Ateliers in dem von der Stadt Essen für Kreative geöffneten, lange leer stehenden Gebäude in der Innenstadt bezogen. LABKULTUR begleitet das Projekt.
Es ist bis jetzt das kleinste Atelier, das seine Pforten öffnet, der ehemalige RTL-Schnittplatz 1. Gut gefüllt mit einem kleinen Ikeasofa, großen Kisten und Lichtschirmen für Fotos, die hier auf konzentriertem Raum in konzentrierter Stimmung von Philipp Krug und Katrin Lingen geschossen werden.
Das Paar sitzt zufrieden im Foyer des großes Hauses in der Schützenbahn, rührt im Instantkaffee und genießt die Frühlingsstimmung. Philipp Krug, ein ehemaliger Folkwangstudent, freischaffender Fotograf und Kunstlehrer, erzählt gelassen von seinem Werdegang an der Folkwanguniversität:
„Ich dachte mir, so mit 14, 15, da habe ich mir meine erste Kamera gekauft, aber da entstand dann schon der Wunsch, immer mehr, immer besser zu fotografieren! Nach dem Abitur habe ich mich dann an der Uni hier beworben und wurde dann angenommen, von 800 Bewerbern für 60 Plätze, und da dachte ich, das muss doch ein Zeichen sein!“
Seine Frau Katrin Lingen hört ihm zu, als hätte sie die Geschichte noch nie gehört, schmunzelt und legt los: „Ich habe in Dortmund an der FH Fotodesign studiert, bin aber in Essen geboren. Ich habe irgendwann mal mit acht oder neun Jahren eine Polaroidkamera gewonnen und hab dann meine ganze Familie fotografiert. Das war ja ganz teuer, zwei Mark für so ein kleines Bildchen, da musste man dann genau überlegen, wen man aufnimmt und wen nicht!“

Zwischen Panoramen und alten Jeans
Die beiden nutzen ihr Studio vor allem für ihre Herzensprojekte: „Wir haben hier im Moment dieses gemeinsame Projekt, wo wir Kleidung fotografieren, die uns wichtig war, mit einer Jeans verbindet man ja immer viel. Oder auch Schuhe, mit denen man viel erlebt hat, die haben wir fotografiert, bevor wir sie weggeworfen haben! Quasi als Andenken an die Geschichten, die damit zusammenhängen“, erklärt Lingen. „Ansonsten finde ich, ist Porträtfotografie eines der spannendsten Genres überhaupt, um auch Entwicklungen zu sehen, an Freunden und Familie, wie sich Menschen verändern.“
Das Paar beschäftigt sich vor allem mit Dokumentarfotografie, doch auch riesige Panoramen deutscher Städte stapeln sich in einer Ecke. „Das werden wir wohl noch in 20 Jahren machen“, sagt Krug hintersinnig.
Das Atelier ist für die beiden ein Fluchtpunkt, von zu Hause arbeiten wollten sie nicht, eine klare Trennung musste her. Doch die letzten Monate arbeiteten sie unter der Prämisse, die Abwesenheit von Wasser, Heizung und Licht zu ignorieren. „Ich sage nur Goethebunker“, setzt Krug an und untermauert damit die Aussagen des Schützenbahn-Organisators Uwe Schramm, dass die meisten Künstler in Essen unter unzumutbaren Umständen arbeiten müssen.
Denn ein Raum, noch so klein und chaotisch, sagen beide, ist einfach unerlässlich:
„Wir machen eigentlich immer mehrere Sachen gleichzeitig, es gibt Bilder, die man nur alle paar Monate machen kann, es wird immer wieder etwas fertig, dafür brennt dann etwas anderes an... aber hier haben wir jetzt eine gute Basis!“, verallgemeinert Krug, seine Frau erklärt es so:

„Das wichtigste an einem Atelier ist eigentlich die Möglichkeit, stundenlang und immer wieder an einem Projekt zu arbeiten, ohne sich auf die Außenwelt konzentrieren zu müssen. Es ist ruhig hier, man vergisst alles, was man so zu Hause um sich herum hatte, außerhalb von Zeit und Raum des Normalen. In Essen hat man gar nicht so viele Möglichkeiten, auch wenn ich glaube, es werden immer mehr, aber wir haben immer nach einem schönen Raum gesucht, den man so nutzen kann wie hier.“
Ihr Mann fällt ihr ins Wort: „Hier stehen sehr viele Gebäude, Wohnungen, Ladenlokale leer, seit Jahren. Und das ist so erschreckend, wie wenig man davon mitbekommt, denn gleichzeitig wird immer neu gebaut, immer mehr, und der Leerstand verkommt. Als ich mitbekommen habe, dass die Stadt hier mit drin ist und hilft, war ich schon überrascht. Ohne Neid kann man wohl sagen, dass die Stadt Düsseldorf da einfach mehr unternimmt. Ich meine, es gibt hier eine Uni wie die Folkwang Hochschule und genug Leute, die etwas suchen.“
Paris ist auch nur eine große Stadt
Lingen ist gebürtige Essenerin, ihr Mann zog fürs Studium vom Land in die Stadt – dass beide geblieben sind, dafür finden sich schnell Erklärungen: „Das Ruhrgebiet ist ein großer Ballungsraum, hier passiert unheimlich viel. Ich hab auch mal eine Zeit lang in Paris gelebt, und das ist auch letztendlich nur eine große Stadt, da verändert sich natürlich auch unheimlich viel, aber das Ruhrgebiet ist mit das Ballungszentrum in Europa! – Projekte wie hier sind ja nur eins von vielen Zeichen, wie viel hier los ist. Das war ja vor 15 Jahren noch nicht so“, erklärt Krug.
An das raue Ruhrgebiet haben beide ihr Herz verloren, Lingen schwärmt von der breiten Kunstszene, den kleinen Galerien und der offenen Stimmung. Trotzdem findet Krug auch nachdenkliche Worte über seine Wahlheimat... und hat eine fromme Idee:
„Es ist wichtig, dass die Leute anfangen, Essen als Kunststadt wahrzunehmen. Wenn ich mir was wünschen dürfte, würde ich sagen: Eine Werkschau im Folkwangmuseum. Man könnte sich bewerben, alle Essener. Das wäre klasse!“
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