
Der Traum vom Eis
Von Tamar Baumgarten-Noort. An der Wand hängt eine ganze Ahnengalerie, Poster von Eiskunstlaufstars in Siegerposen. Geradezu zärtlich überklebt der Mann die Gesichter der Stars – mit einem Ausschnitt seines eigenen Konterfeis, das sich etwas fremd, zu groß und grobschlächtig, an die abgebildeten athletischen Körper schmiegt. Die Galerie befindet sich in einer verkommenen Wohnung in einem Abrisshaus, doch in diesem Raum ist nicht Alter und Zerstörung präsent, sondern hoffnungsvolle Erwartung und unbedingter Gestaltungswille. Denn hier macht der Mann nicht nur sich selbst anhand der Poster zum gefeierten Star – er baut sich seine eigene Eiskunstlaufbahn. Er hat sich ein Becken gebastelt und kühlt das Wasser darin mit alten Kühlaggregaten herunter. Gelegentlich fühlt er nach, ob sich schon Eis gebildet hat. Eine Engelsgeduld scheint er zu haben, und er strahlt vor allem eines aus: absolute Zuversicht. Dabei ist es nicht die Gewissheit, dass sein Traum irgendwann Wirklichkeit wird – sondern der feste Glaube daran, bereits in dieser vorgestellten Realität verankert zu sein. Die Vorkehrungen, die er trifft, um sich die lästigen Arbeiter vom Hals zu halten, die das Haus abreißen wollen; die Arbeit, die zu verrichten ist, bis seine Eisbahn entstehen kann – für den namenlosen Protagonisten in Andrey Gryazevs ICE AGE sind all diese Handlungen selbstverständlich. Er ist nicht auf dem Weg zu seinem Traum, er lebt ihn bereits – auch wenn es nach außen hin so scheint, als wäre sein Vorhaben zum Scheitern verurteilt.
So melancholisch der Grundton des Films daherkommt – diese Erkenntnis wird zum poetischen Dreh- und Angelpunkt des Films. Ein Traum, der mit Phantasie und gestalterischer Kraft zu erfüllen ist, entfaltet seine Wirkung bereits, sobald die Idee in der Welt ist – das ist die Botschaft, die der schrullige Protagonist in ICE AGE dem Zuschauer mit auf den Weg zu geben scheint. Die Idee eines Traums reicht schon aus, ihn zu leben –wenn man nur stark genug daran glaubt. Meist heften sich an solche Erzählungen kiloweise Kitschmomente, doch nicht bei Gryazevs eleganter Mischung aus nüchterner und zugleich liebevoller Inszenierung. Man merkt Gryazevs Film an, dass er den Eiskunstlauf liebt – er ist selbst Eiskunstläufer gewesen. Denn seine Schilderung des Protagonisten wird niemals schräg, geht nie auf Kosten der Figur. Er nimmt den Traum seiner Figur ernst und gibt ihm den Raum, diesen Traum zu leben.
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