Ruhrgebiet

Der scheußliche Geruch von Panhas

Kritische Liebe: Konrad Lischkas und Frank Patalongs "Wunderbare Welt des Ruhrpotts"

Wer ein Buch über das Ruhrgebiet schreibt, muss sich nicht selten vorwerfen lassen, am Ende eine unreflektierte Liebeserklärung verfasst zu haben. Dabei kann man das Unterfangen auch ganz anders angehen: mit kritischer Distanz und Liebe zur Heimat. Den ausgewanderten Spiegel-Autoren Konrad Lischka und Frank Patalong ist mit "Die wunderbare Welt des Ruhrpotts" genau dieser Spagat gelungen. Und das auch noch erfreulich subjektiv. LAB-Autor Marcus Römer sprach mit Wahl-Rheinländer Patalong und Wahl-Hamburger Lischka über falsche Klischees, Mentalitäten und die schönen, schlimmen Seiten ihrer Heimat.

 

Sie leben seit längerer Zeit nicht mehr im Ruhrgebiet. Was vermissen Sie?

Frank Patalong: Die Brotschnauze.

 

Was'n das?

Konrad Lischka: Hab' ich auch noch nie grhört.

 

Patalong: Ich komme aus Duisburg, also eher vom Niederrhein. Kann sein, dass man den Begriff in Essen oder Bochum schon wieder gar nicht kennt. Brotschnauze bedeutet, jemandem etwas direkt "vor'n Kopp" zu sagen, ohne dass er pikiert ist. Wenn ich das woanders tue, also geradeheraus bin, gucken die Leute manchmal etwas geschockt.

 

Lischka: In Hamburg kommt man mit den Leuten nicht so leicht ins Gespräch wie im Revier. Als ich letztens dort war, hab' ich Wasser an der Bude gekauft. Die Besitzerin hat gefragt, warum ich denn kein Bier kaufe. So etwas passiert in Hamburg nicht. Im Revier sind die Leute kontaktfreudiger, an der Tankstelle, beim Bäcker . . .

 

Patalong: Ich vermisse den scheußlichen Genuss von Panhas, der in meiner Kindheit durch das Haus meiner Eltern wehte. Damals konnte ich Panhas nicht ausstehen, heute liebe ich es. Das ist ein Stück Heimat, in das man reinbeißen kann.

 

Lischka: Auch sinnliche Eindrücke, die ich seit meiner Kindheit und Jugend nicht vergessen kann. Zum Beispiel Rost und Teeröle. Nächtliche Geräusche. Die Autobahnen, die mitten durch die Städte führen. Das Dauertuckern der Diesel. Das sind für mich Ruhrgebietsgeräusche, Ruhrgebietsgerüche. Als Kind hab' ich auf dem Brachgelände der Krupp-Stadt gespielt. Das gibt's nicht mehr, da steht jetzt eine Verwaltung. Auch die Köttelbecken verschwinden. Ich vermisse sie.

 

Patalong: Ich vermisse die Bami-Scheiben. Die gibt's in Duisburg und in Holland.

 

Lischka: In Hamburg habe ich bislang keine Krupnioki gefunden. Das sind polnische Graupenwürste, deren Füllung beim Anbraten eine wunderbare Kruste ergibt.

 

Klischees haben den Vorteil, oft einen wahren Kern zu bergen. An welchen wahren und falschen Klischees trägt das Revier?

Lischka: Falsch ist bestimmt, dass den Ruhrgebietlern eine prinzipielle Offenheit und Toleranz unterstellt wird. Ich glaube eher, das spiegelt eine falsch verstandene Gleichgültigkeit. Die Leute leben doch mehr nebeneinander.

 

Patalong: Ja, urbane Indifferenz. Dennoch denke ich schon, dass die Leute im Pott schon herzlicher sind als anderswo. Aber wir sind auch das, was die Amerikaner "streetwise" nennen. Dieses Gespür für Situationen, die brenzlig werden könnten, ist im Revier ausgeprägter als in anderen Regionen. Und dann gibt's noch diese Vorstellung von "Arbeiterehre", die typisch für den Pott sei. Das mag mal gestimmt haben. Ich komme aus einer Bergmannsfamilie, früher spielten Begriffe wie Stolz und Ehre, gekoppelt mit dem Beruf, durchaus eine Rolle. Heute gibt's kaum noch Leute, die im Bergbau oder in der Stahlindustrie beschäftigt sind. "Arbeiterehre" läuft da an der Lebensrealität völlig vorbei.

 

Lischka: Ein Klischee, das tatsächlich stimmt, ist, dass es weniger schmutzig geworden ist.

 

Patalong: Man darf nur nicht so genau hingucken

 

Lischka: Das Ruhrgebiet ist wirklich sehr grün.

 

Was ist schön, was schlecht am Revier?

Lischka: Dass man fünf Kilometer geradeaus gehen kann und dabei an 1000 verschiedenen Sachen vorbeikommt.

 

Patalong: Bei Duisburg gibt's die Alsumer Halde, eine Auenlandschaft mit schwarzen Schwänen, wunderbar.

 

Lischka: Das total enge Beieinander hat eben auch was für sich.

 

Patalong: Wie heißt der noch? Hm. Frank Goosen. Der hat gesagt: "Man muss das mögen wollen."

 

Lischka: Nicht so toll finde ich, dass die Leute eher geneigt sind, alles schlecht zu reden. Wie auch das Kulturhauptstadtjahr. Da mag ja eine Menge Mist gelaufen sein, aber Hauptsache: Es passiert was.

 

Patalong: Der Grundoptimismus geht den Leuten ab. Es herrscht eher die Haltung "Was können wir schon tun". Die Natur der hängenden Schultern. Doch auch da tut sich etwas, im Vergleich zu früher. Dass jetzt so viele Menschen - parteiunabhängig - gegen den Duisburger OB Sauerland protestieren, das ist ein aufkeimendes Wutbürgertum, das es so früher im Revier nicht gab.

 

Konrad Lischka / Frank Patalong: Die wunderbare Welt des Ruhrpotts, Lübbe, 270 S., 16,99 Euro

Fotos: privat

 

Mi, 30.11.2011 0

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23.08.2011

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Mehr als 5 Millionen Einwohner erleben zurzeit, wie ihr postindustrielles Ruhrgebiet im Westen Deutschlands sich zum spannenden europäischen „place to be“ wandelt. Eine werdende Metropole im Selbstfindungsprozess nach der Kulturhauptstadt 2010. Besondere Kennzeichen: Industriekultur als Teil des kollektiven Gedächtnisses – und als inszeniertes Massenereignis.

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