Euromayday 2011 (c) Michael Blatt

Der Ruhr sei Dank - Alles bleibt im Fluss

Die Bedeutung von Kultur im Armenhaus des Westens - Ein Kommentar

Wenige Tage vor Weihnachten gab es nochmal einen kräftigen Nackenschlag für das Ruhrgebiet. Eine Studie des Paritätischen Wohlfahrtsverbands hatte die Region als eine der Armutskammern Deutschland klassifiziert. Nicht wirklich überraschend, vorneweg die Städte Dortmund und Duisburg. Sogar der Name Essen fiel. In Berlin sieht die Situation zwar nicht besser aus, doch deren Oberbürgermeister Klaus Wowereit hatte bereits vor Jahren die Zeichen der Zeit erkannt und auf den Slogan „Arm, aber sexy“ Patent angemeldet. Doch taugt die Kultur auch in der Kulturhauptstadt a.D. als Ablenkungsmanöver?

 

„Es gibt sie, die pulsierende Künstlerszene zwischen Duisburg und Dortmund, die kreativ und willig ist, in Industriedenkmälern und Neubauten gleichermaßen zu agieren, auszustellen und zu performen.“ Diese Aussage ist jetzt zwölf Monate her. Würde ich sie heute wiederholen? Ja, wenn ich an ein gewachsenes Netzwerk wie die Duisburger „I Heart Ruhr York“-Bewegung denke. Nein, wenn ich mich an eine gescheitere Zwischennutzungsaktion vor nicht allzu langer Zeit in der gleichen Stadt erinnere.

 

Wie groß die Schere mitunter zwischen Establishment und freier Szene auseinandergeklappt ist, zeigte sich gleich Anfang 2011. Die Ruhrkunstmuseen hatten in Mülheim zum Empfang gebeten. Alles war schön hergerichtet, Oberbürgermeisterin Dagmar Mühlenfeld sprach einleitende Worte, aus Bochum war Kulturdezernent Michael Townsend geladen und auch RUHR.2010-Geschäftsführer Oliver Scheytt hatte auf dem Podium Platz genommen. Im Anschluss an den offiziellen Teil flanierten die Kulturorganisatoren entspannt um das angerichtete Buffet.

 

Zur gleichen Zeit froren sich mehrere Dutzend Kulturschaffende neun Kilometer weiter in Essen den Arsch ab. Die Initiative „Freiraum“, einige Monate zuvor durch eine kurzfristige Besetzung eines Gewerkschaftshauses erstmals öffentlich in Erscheinung getreten, hatten von einer privaten Immobiliengesellschaft eine ehemalige Kirche zum temporären Gestalten zur Verfügung gestellt bekommen und organisierte in der Folge zwei sehenswerte und gut besuchte Ausstellungen. Zum Heizen fehlte allerdings das Geld. Mag sein, dass die eingeladenen Kulturverwalter sich deshalb nicht blicken ließen, weil sie fürchteten, sich einen Schnupfen einzufangen.

 

Dass die Städte im Ruhrgebiet wie viele ihrer Bewohner bettelarm sind, ist Fakt, dass deshalb immer weniger Geld für Kultur zur Verfügung steht, nicht überraschend. Doch statt mit den wenigen Möglichkeiten, die noch vorhanden sind, zu arbeiten, wird eine Mauer der bürokratischen Ignoranz hochgezogen. Die Aktivisten von DU it yourself, die Anfang Dezember eine seit drei Jahre leer stehende Schule besetzen, um für ein sozio-kulturelles Zentrum in ihrer Stadt zu werben, kommentierten den Polizeieinsatz, der nach wenigen Stunden zur Räumung führte, treffend: „Statt Lösungen zu präsentieren, bediente man sich der üblichen sicherheitspolitischen Totschlagargumente, die Kulturschaffende in Duisburg inzwischen zu genüge kennen.“

 

Die Initiativen, die Leerstand mit kultureller Zwischennutzung begegnen wollen, sind nur ein kleiner Teil im künstlerischen Betrieb, doch der Umgang mit ihnen sagt viel aus über das Verständnis von Kulturverwaltern im Ruhrgebiet. Zuerst die Verwaltung, dann die Kultur. So werden die Schlagzeilen rund um das Prestigeobjekt Dortmunder U gefühlt durchweg bestimmt von Kosten, Kosten, Kosten. Um Inhalte geht es oft nur am Rande.

 

Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass die „Verfremdung“, manch einer sprach von „Zerstörung“ eines im U ausgestellten Kunstwerks von Martin Kippenberger durch eine tüchtige Reinigungskraft im letzten Jahr für mehr überregionales Echo sorgte, als das Japan Media Arts Festival an gleichen Standort. Dass Kippenbergers Werk mit einem Wert von 800.000 € versichert gewesen ist, zeigt obendrauf das für den Laien nicht nachvollziehbare irrwitzige Werteverständnis von Kunst. 800.000 € für eine aufgemöbelte Badewanne. Pardon, da klinkt es bei mir aus.

 

Aber hey, trotz aller trüben Aussichten: das Pfingst-Open-Air in Werden wird 2012 wieder stattfinden, die Essener „Freiraum“-Aktivisten haben Räumlichkeiten in Aussicht, von der einst von Dortmunds Oberbürgermeister Ullrich Sierau versprochenen eine Millionen Euro soll am Ende die Hälfte des Betrags tatsächlich in der freien Szene landen, Dinslaken hat jetzt ein Literaturcafé, die Polizei in NRW soll qua Innenminister-Beschluss mehr gegen Nazis unternehmen und Konsumtempel wie die Thier-Galerie in Dortmund hätten nicht zig mal mehr Besucher, als alle Theater der Stadt zusammen, wäre gar kein Geld mehr im Umlauf. Alles bleibt also im Fluss, der Ruhr sei Dank.

 

Teaserfoto: Euromayday 2011 (c) Michael Blatt

So, 01.01.2012 6

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Kommentare

Freiraum-Pressemitteilung

Liebe Damen und Herren der Presse, da es in letzter Zeit vermehrt zu Missverständnissen hinsichtlich der Beteiligung der Initiative "Freiraum2010" am Projekt "Atelierhaus Schützenbahn" gekommen ist, lassen wir Ihnen die offizielle Stellungnahme unseres Plenums zukommen. Mit freundlichen Grüßen Ihr Freiraum /////////////////////////////////// Sehr geehrte Damen und Herren, um Mißverständnissen und Spekulationen vorzubeugen, möchten wir hiermit kurz begründen, weshalb die angebotenen Immobilien in der Essener Nordstadt für uns als Freiraum nicht geeignet sind: Die Räume sind nur als Atelierflächen gedacht und bieten uns keine Möglichkeiten unser künstlerisches Spektrum in seiner Breite abzubilden. Um einen interessanten Raum als Anziehungspunkt für Kunstinterssierte zu schaffen, ist es nach unserer Erfahrung wichtig, ein breites Programm von bildender Kunst über Musik bis hin zu Theater präsentieren zu können. Hierfür ist die Durchführbarkeit von Abendveranstaltungen mit einem gewissen Besucherstrom und Lautstärkepegel unerlässlich, um auch Gelder zur Finanzierung erwirtschaften zu können. Da die Rahmenbedingungen hierfür nicht gegeben sind, ist das Immobilienangebot im konkreten Fall für uns als Gruppe trotz Mietvergünstigung nicht von Interesse. Einzelne bildende Künstler, die mit entsprechendem Budget auf der Suche nach reinen Atelierräumen sind, finden sich in unseren Reihen ebenfalls nicht in ausreichender Zahl, um die Räume zu finanzieren. Unser Interesse ist es, die Stadt mit künstlerischem Programm zu bereichern und Menschen zur kreativen Aneignung ihres Lebensraumes zu ermutigen. Es gilt, kreative Potentiale in unserer Stadt zu wecken und zu halten. Wir werden in diesem Sinne weiter arbeiten und aktiv sein und freuen uns über ernst gemeinte Unterstützung. Mit freundlichen Grüßen Nils Andersch im Namen des Freiraum-Plenums

Fehlermeldung

Sorry, hab es durchgestrichen. Wo liegt der Fehler? Kann sein, dass ich aus verschiedenen LAB- (von Jens K. "Leerstand war gestern" & dir "Die Rahmenbedingungen sind schlecht") sowie WAZ "Kunst als Entwicklungsmotor"-Beiträgen die falschen Schlüsse gezogen habe. Pardon!

Nuja, ich habe so in etwa

Nuja, ich habe so in etwa geschrieben, dass die Freiraum-Besetzung ein Auslöser für die Koop zwischen Kulturbüro, Kunsthaus und WiSchafö etc. war. Wie ich inzwischen hörte, ist Joscha ja auch im Zuge dessen in den Kulturbeirat der Stadt eingetreten. Ich hatte das schon immer so verstanden, dass die Freiraum-Leute eigene Räumlichkeiten für sich (oder unter ihrer Leitung/Verantwortung) haben wollen. Aber das ist natürlich nur ein Partikularinteresse unter so einigen, daher bin ich im Artikel nicht speziell weiter darauf eingegangen. Und Freiraum hat ja kein Monopol auf "Kunst als Entwicklungsmotor", insofern muss ich da sogar die Leute von der WAZ mal in Schutz nehmen. ;)

Hallo

Der WAZ Artikel hat uns traurig gemacht. Es ist irgendwie schade, dass irgendwie keiner glaubt, dass wir einfach gerne ein mehr soziales Ding machen wollten, als son Existenzding. Ach weisse, ich hab keine Lust mich aufzuregen. Ist doch alles super. Das Schiff ist eh abgefahren. Danke Diskurs! Lab-Artikel von mir hier: http://www.2010lab.tv/blog/keine-raeume-fuer-freiraum2010-essen Richtigstellung hier: http://www.ruhrbarone.de/essen-freiraum-initiative-fuehlt-sich-nicht-ausgeschlossen/ Konzept und Antrag da: http://ris.essen.de/document/MgyPhzIfuFYn8Rn6Me.LfxEfw8aq8Xi0MgyPe.EawAWn8Sq9Qm4PcwCfuEUqAQm1Oi4Pg0KfsASvASi0Ok.Ke1CWsASv6Si1MmyPc-CasASvBOn6MiyHc0CfsFSq6Wi9Ne.LdwGfs9TsASi0Ok.Ke1CWGJ/Vorlage_1707-2011-4.pdf http://ris.essen.de/document/MgyPhzIfuFYn8Rn6Me.LfxEfw8aq8Xi0MgyPe.EawAWn8Sq9Qm4PcwCfuAUrBOn6Re1MewEbuCav9Pq4Pn.Pe-IXw8aqBOn6Qm4PcwCfwCSm8Uk4OnyGcwCfsCSn7Qm9MgyPhuHcsCSn7Qm9Nf-McxCasBSq6Pj6QiyGe.EauHSmGJ/Anlage_Raum_fuer_Kunst.pdf

Lesen und Schreiben

Ich les das ja alles. Das Grotkamp-Blatt mal beiseite: Ausgerechnet in der Essener Innenstadt etwas mit sozialem Anspruch machen, diese "Funktion" ist wohl ausschließlich den Glaubensgeschwistern zugeteilt. Insofern geht Dein vorletztes Traktat ja in eine passende Richtung. Halt! Weststadt-Halle fällt mir noch ein, denn Jugendarbeit ist ja entweder "Fallbehandlung" (s.a.: funky Sozialarbeit) oder eventorientiert (denn das macht auch dem Onkel vom Jugendamt Spaß). Ich - und nicht alleine - sehe aber genau dieses Innenstadt-Ding als Problem: Alles ist recht fix so semi-glam bzw. c-promi da, und nach Rüttenscheid und Bredeney kann man demnächst auch von Frohn- und Holsterhausen wohl nichts mehr an Räumen erwarten, an und in denen man sich und anderes in Ruhe entwickeln kann. Insofern finde (fand?) ich persönlich an dem Sturm auf die City echt vor allem den daraus entstandenen Diskurs gut - und der geht auch ohne Lokalblatt weiter. Aber den gewählten Ort unglücklich. Klar ist Innenstadt praktisch - aber banal. Passt alles ganz witzig zu der Veranstaltung hier (bitte festhalten): http://www.imorde.de/termine/termin/tagung-innenstadt-2012-findet-freiraum-innen-statt-netzwerk-innenstadt-nrw/08618a43b8093ba0f4267a5d53c2cfe0/

Ein für alle mal

Nein...Die Freiraum-Initiative in Essen hat keine Räume in Aussicht--- pass auf--- ich schreib jetzt eine Richtigstellung und poste gleich den Link.

Über den Autor

05.01.2010

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Metropole Ruhr
Mehr als 5 Millionen Einwohner erleben zurzeit, wie ihr postindustrielles Ruhrgebiet im Westen Deutschlands sich zum spannenden europäischen „place to be“ wandelt. Eine werdende Metropole im Selbstfindungsprozess nach der Kulturhauptstadt 2010. Besondere Kennzeichen: Industriekultur als Teil des kollektiven Gedächtnisses – und als inszeniertes Massenereignis.

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