
Der neue Minimalismus: Less, Please!
Wie Web-Aktivisten dem Konsum den Kampf ansagen
Ein neues Jahr, haufenweise gute Vorsätze und Vorhaben. Zum Beispiel mal den Kleiderschrank ausmisten. Und wenn man schon dabei ist, dann doch auch den Schreibtisch. Oder gleich das Leben?

Der eigentliche Gedanke dahinter führt allerdings weiter als der bloße Wunsch, Ordnung zu halten. Es geht darum, das immer komplexer werdende Leben in der modernen Gesellschaft wieder auf ein überschaubares Gesamtkonzept herunter zu brechen, das man managen kann, ohne sämtliche Energie dafür aufzuwenden.
Nicht umsonst gibt es den schlauen Spruch, der fragt: „Besitzt du noch die Dinge oder besitzen sie bereits dich?“ Es scheint etwas dran zu sein an der logischen Schlussfolgerung, dass man sich befreit, wenn man sich von unbrauchbarem, überflüssigem Ballast trennt. Wer braucht schon zehn Paar Schuhe, Regale voller ungelesener Bücher oder einen extra Fernseher im Bad?
Leben mit 40 Dingen
Eine recht junge Bewegung, die ihren Ursprung in den USA hat, sagt nun dem unreflektierten Besitz den Kampf an: die Minimalisten. Die lose Community von Aktivisten und Bloggern tauscht sich im Netz über Wege einfacherer Lebensführung aus.
Der gemeinsame Nenner lautet „Downsizing“ – weniger ist mehr. Die Minimalisten beschränken ihren Besitzstand, reduzieren ihre Habe von durchschnittlich über tausend Gegenständen auf die „Essentials“, die wenigen wirklich wichtigen Sachen, die sie zum Leben und Glücklichsein brauchen.
Wie viele das letztlich sind, muss jeder selbst herausfinden, der eine kommt mit 40 Dingen zurecht, ein anderer schafft's nicht unter 200. Auch welche Gegenstände am Ende übrig bleiben, unterliegt keinem Dogma. Während der eine nur noch Zahnbürste und iPhone braucht, mag der andere nicht auf seine Spielkonsole verzichten.

Ein weiterer gemeinsamer Nenner der modernen Minimalisten ist ihre starke Affinität zum Web und zu modernen Medien. Egal, wie viele Dinge sie aufgeben – ihren Laptop und ihr Smartphone behalten die meisten. Denn es geht der Bewegung nicht nur um die Befreiung von den Dingen, sondern auch um die Freiheit, jederzeit überall sein zu können, ohne fest an einen Ort gebunden zu sein.
Viele der Minimalisten bezeichnen sich als „Tech Nomads“ oder „Digital Nomads“, moderne Nomaden, die als Freelancer um die Welt ziehen, nirgends gebunden, aber immer über das WWW miteinander, mit ihren Auftraggebern und dem Rest der Welt verbunden.
"Die fetten Jahre sind vorbei"
Einer der ersten Minimal-Aktivisten, der seine Entscheidung gegen den geistlosen Konsum auch öffentlich in dem Blog Cult Of Less thematisierte, ist der New Yorker Kelly Sutton. Der Programmierer entschloss sich nach einem längeren Aufenthalt in Berlin, die wenig vermissten Sachen, die er bei Freunden zwischengelagert hatte, gar nicht erst auszupacken sondern direkt zu verkaufen.
Auf seinem Blog stellte er eine Liste sämtlicher Gegenstände in seinem Besitz online und ließ seine Leser an der Reise Richtung essentielles Leben teilhaben. Nun besitzt er nur noch seinen Computer, ein paar Klamotten und eine einzige DVD: „Die fetten Jahre sind vorbei“.
Beispielloser Warenkonsum
Ihm folgten weitere wie der Freelancer Carvin Young, der in seinem Blog „Less Please“ über seinen Weg zum Minimalismus reflektiert, ebenso der Brite Tim Lewis, der Minimalismus mit Umweltschutz-Engagement verknüpft, oder der Berliner Sebastian Michel alias „Mr. Minimalist“.
Auch wenn der Minimalismus für seine Anhänger meist keine direkten politischen Implikationen besitzt, sondern es ihnen eher um ihre ganz persönliche Freiheit und Entfaltung geht, ist die politische Dimension einer Entscheidung gegen den Konsum nicht zu verleugnen.
Die wichtigen Entscheidungen werden heute schließlich nicht mehr an der Wahlurne, sondern an der Supermarktkasse getroffen, und internationale Konzerne haben durch ihren Lobbyismus eine Gesellschaft erschaffen, deren extreme Fokussierung auf den Warenkonsum beispiellos ist.

Wenn also bei den Minimalisten aus dem kritischen Konsum eine Konsumverweigerung wird, sagen sie damit dem Marxschen Warenfetisch den Kampf an und reagieren gleichzeitig auf die steigende Komplexität des modernen Lebens.
Damit ist die gedankliche und ideologische Grundlage des modernen Minimalismus ähnlich wie bei den „neuen Grünen“, den so genannten LOHAS ("Lifestyle of Health and Sustainability"): man will nicht komplett aussteigen, sondern weiterhin in der Gesellschaft leben – nur bewusster, kritischer, nach eigenen, selbst gesetzten Maßstäben.
Ein moderner Ansatz, der in die heutige Zeit und ihre Wohlstandsgesellschaften passt. Auch ein gepflegter Hedonismus ist dabei nicht verpönt – ein jeder verzichte auf das, was er nicht braucht und behalte, was ihn wirklich glücklich macht.
Fotos: Sven Neidig
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