
Der letzte Tanz
- Serie: EUROPE IN SHORTS
Von Tamar Baumgarten-Noort. Die Apfelsine ist eine stolze Frucht. Sie kullert nicht einfach, sie dreht eine Pirouette. Die Donuts hingegen sind deutlich schwerfälliger. Ihnen fehlt einfach die Eleganz; sie robben eher durchs Bild. Wenn die Würstchen kommen, ist allerseits Aufregung angesagt. Niina Suominen inszeniert die Nahrungsmittel wie Bühnenauftritte gefeierter Stars. Man möchte applaudieren, wenn die Kiwi explodiert oder der Kuchen sich in Matsch verwandelt. Denn das bunte Treiben gleicht einem Jahrmarktspektakel, ein letztes, hemmungsloses Vergnügen, bevor die Bulldozer kommen und sich die Stars wieder in abgedanktes Essen verwandeln.
Das geheimnisvolle Leben der Gegenstände
Die Belebung der unbelebten Materie als Gegenstand der Kunst haben Fischli und Weiss berühmt gemacht – das Schweizer Künstlerduo enthüllt das geheimnisvolle Leben der Gegenstände, indem sie einen Prozess in Gang setzen, der mit Hilfe einer minutiös geplanten Energiezufuhr die Belebung der Materie immer wieder erneuert. Die Energie wird weiter getragen und setzt die Materie in Bewegung, verändert aber die Objekte grundsätzlich nicht.
Bei Niina Suominen steht auch die Auseinandersetzung mit Energie und Materie im Vordergrund. Sie interessiert sich jedoch nicht für die Bewegung der Materie an sich – denn die führt sie in dem Animationsfilm schließlich selbst herbei – sondern dafür, wie Oberfläche und Textur sich durch eben jene Energiezufuhr verändern. Die Verwandlung ihrer Lebensmittel in belebte Materie verfolgt das Ziel, die Wahrnehmung zu verschieben.
Latente Schuldgefühle der Wohlstandsgesellschaft
Haben wir bislang Kiwis als Vitamin-C-Spender und Donuts als Dickmacher gesehen, so bricht GOOD STUFF diese Kategorien auf und öffnet Wege für neue Wahrnehmungsstrukturen. Farben werden wichtig, Formen und Oberflächen verändern sich. Indem Niina Suominen den Lebensmitteln Rollen zuschreibt, die sich grundlegend unterscheiden von der bloßen Einordnung als Nahrungsmittel, erzwingt sie einen neuen Blickwinkel und problematisiert auf diese Weise geschickt die Berge weggeworfenen Essens, die tagtäglich von der Wohlstandsgesellschaft ausgespuckt werden. Der Film rührt vielleicht latent vorhandene Schuldgefühle an – doch moralisch oder belehrend kommt er niemals daher. Dafür ist der letzte Tanz von Kiwi und Co. viel zu vergnüglich.
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