
Der Frisör und ein Leben ohne zu warten
Oder : Die Geschwindigkeit der Welt
„Heute war ich beim Frisör.“ Das ist sicher weder ein guter Romananfang, noch eine Meldung, die von Interesse sein könnte, wenn sie nicht darauf hinauslaufen würde, ein Stück Wirklichkeit einzufangen, die jeder Produzent zurückweisen würde, würde sie in einem Drehbuch vorkommen. „Das ist zu übertrieben“, sagt der Redakteur und schiebt das Manuskript vom Tisch.
Aber hier geht es um Musik, um amerikanische 
Kopfprobleme

Also muss man mal eben zum Frisör und der ist in der Nähe. Warum in die City fahren und in einem Haarstudio zunächst Espresso schlürfen, in Hochglanzillustrierten blättern und Köpfchen waschen, wenn es hier gleich losgeht?
Hard to handle
Mein letzter Spaziergang mit „vollem Haar“ führt mich also zum Kuafför an der Ecke, dem türkischen Dienstleister für Damen und Herren. Alle Frisierstühle sind leer. Ich öffne die Tür und rein akustisch könnte es eine Ü50-Party sein, denn es läuft Otis Reddings „hard to handle“ in einer Lautstärke, die tänzerische Bewegungen provozieren muss.
Ich tanze also in den Behandlungsstuhl und schon wird ein rosafarbener Umhang über mich geworfen. Im Nebenraum höre ich irritierende Frauenstimmen, im Spiegel sehe ich die Umkehrung der Landschaft, im Hintergrund ein Hochhaus, Straßenbahnen und Autos, Manhattan Transfer.
Der Sensenmann mit der Schere
Und dann sehe ich Sean Penn, der seinen Kamm wetzt. „Kurz“, schreie ich. „Aber nicht so kurz“, sagt Shawn Penn als Cheyenne, „ist kein Winter.“ Ich sage: „Der Winter kommt im Mai.“ Er sagt: „Ich habe Erkältung.“ Dann legt er los. Schnippschnapp und wisch und phön! Und in legendären Nullkommanix ist er fertig und zeigt mir meinen Nacken. Ich nicke und zahle, und inzwischen hat türkische Musik auf mich eingeschlagen und im Spiegel sah ich den Bosporus und die Schiffe aus Java, aus Chile, aus Rio und Shanghai. Und Cheyenne schiebt sich ins Nebenzimmer, um zu rauchen.
Ich atme, also lebe ich, und draußen liegt das gleiche Grau in einer Warteschleife, durch die ich mich vorher eilig geschoben hatte. „Ich werde was essen müssen“, denke ich und bestelle in einem Imbiss mit Namen „Kohldampf“ eine Portion Bratkartoffeln, die mir sekundenschnell, frisch dampfend, auf einem Teller serviert wird. Und es handelt sich nicht um einen Schnellimbiss. Obwohl - ist ein Imbiss nicht eigentlich immer ein schneller? Nun gut. Zuhause angekommen, entziehe ich mich den Geschwindigkeiten der heutigen Dienstleistungsgesellschaft und lege mich auf mein Sofa, die frische Frisur pflegend.
Warten
Währenddessen warten andere fleißig weiter auf die Schließung von Guantanamo, auf den arabischen Frühling in Syrien, den Sommer in der Ukraine und den Winter vor der Haustür, warten auf Zuschauerentscheidungen im Fernsehen, die Bahn, auf den jüngsten Tag und die Genehmigung zur Verabreichung von warmen Speisen in einem Galeriekiosk. Zeit wäre ohne Uhr einfach eine unendlich große Fläche.
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