Keine Gute-Nachtgeschichten aus dem Ruhrgebiet: Toms Schreibendes Taxi

Thomas Müller, einstmals Unternehmer, dann Pleitier mit Anstand, wurde Taxifahrer und nächtlicher Zuhörer: Aus Nacht-Geschichten im Ruhrgebiet wurde eine Ruhrgeschichte. Bald will Müller nach Schottland ins Exil und schweigen. Vorher sprach 2010LAB mit ihm über sein neues Buch "Der Bingo Man"  - und sein Engagement für Mädchen in Entwicklungsländern und gegen Rechts.

2010LAB: "Geschichten aus dem Leben der Nacht" heißt dein Buch. Sind die Geschichten der Nacht andere, als die des Tages?

Müller: Ein alter kroatischer Freund hat mir mal gesagt, wenn du eine Frau für‘s Lebens suchst, geh morgens um acht zum Markt. Bei den Frauen der Nacht ist keine für‘s Leben dabei. Das find ich einen weisen Spruch. Tagsüber kriegt man ein ganz anders Bild vom Menschen. Nachts zeigen die Menschen einfach mehr von sich, allein durch Alkohol und Drogen.

Die meisten Geschichten hast du im Taxi aufgeschnappt oder erlebt. Hast du den Eindruck die Bewegung und auch die Tatsache, dass ihr nur kurz zusammen wart, ändert etwas daran, was die Leute erzählen?

Die reden sich zum Teil die Seele aus dem Leib. Du kriegst verschiedene Zustände der Menschen, von „Ich hab keine abgekriegt, der Abend war Scheiße“ oder Traurigkeit, „der Typ geht mit `ner anderen“ - verschiedene Situationen auf engstem Raum und in kürzester Zeit. Wenn du die Leute dann öfters fährst - ich hab ja viele Stammkunden gehabt - um so mehr kriegst du auch Bilder und die Entwicklung über Jahre hinweg und sogar eine gewisse Vertrautheit. Das ist dann wie eine Beichte.

Ganz technisch gefragt: Haben die Leute öfter bei dir vorn oder auf der Rückbank gesessen und ändert das was daran, wie sie erzählen?

Kommt drauf an, ob es einzelne sind oder mehrere, durch das englische Taxi war das ohnehin getrennt, da konnten die nicht mit mir plauschen. Fanden die nicht so gut. Manchmal ist es mir lieber, die sitzen hinten; manchmal auch lieber vorn, damit man sie im Griff hat. Egal ob Weibchen oder Männchen. Eher ein Gefühl. Man merkt aber auch, ob jemand reden will oder nicht. Ich hab immer gewartet, was kommt. Du kriegst nach 21 Jahren ein Gefühl dafür, ob sie reden wollen oder ob du besser die Schnauze hältst.

Der Weg vom Zuhören zum Schreiben ist ja weit. Man hört viele Geschichten jeden Tag von Freuden, Familie, Arbeit usw. Die wenigsten wollen die aber aufschreiben und weitergeben. Warum wolltest du das?

Ich bin ein Einzelgänger und was ich mach, tu ich gern. Ich schreibe und meine Geschichten sind sehr authentisch und direkt. Viele Geschichten sind eine Reise, vom Taxifahren, über die Zeit mit Svetlana, auf der Flucht vor Geldeintreibern, wo ich die Firma hatte - und dann bin ich beim Zirkus untergekommen, war in Irland - also immer unterwegs. Da kommen die Geschichten her. Und die Form der Kurzgeschichte ist nicht so schwerfällig dachte ich.
Jetzt kommt bald mein neues Buch raus, Der Stumme, ein Mensch der nach dem Bingo-Man erscheint, der will nicht mehr reden. Es ist alles gesagt und es geht auch um die Bedeutungslosigkeit vieler Gespräche, die ich in meinem Leben geführt habe. Der Stumme bin ich, denn ich hab keinen Bock mehr, ich geh nach Schottland bald. Ich will auf `nem Acker in Schottland stehen und laut schreien: „Ich bin frei!“, und abends in der Kneipe mein Bier trinken. Wenn du 20 Jahre nicht Weihnachten und Sylvester gefeiert hast, reicht‘s irgendwann.

Du bist ja engagiert hier in Dortmund um Aktionen gegen Rechts und Nazis zu organisieren. Wie kam es dazu?

Mein Großvater war im Widerstand in Göttingen, ich bin einfach ein Nazihasser durch die Geschichte meiner Familie. Ich bin aber auch kühl berechnend jemand, der sagt, wir haben doch ganz andere Probleme, wir brauchen doch diese dummen Nazidemos nicht mehr. Klar hat jeder das Recht auf die Straße zu gehen, aber IHR habt das nicht mehr. Jetzt ist mal Schluss, wenn so ein Polizeieinsatz 5 Millionen für so eine Demo von den Nazis.

Manchmal bist du nachts mit 30 Euro nach Hause gegangen, trotzdem hast du ja immer viel gespendet für Kinderheime, krebskranke Kinder usw. Wie kam es dazu?

Ich hab nichts mehr zu verlieren, ich hab mit der Spedition 1,8 Millionen Schulden gemacht und mir macht das nichts mehr aus. Ich gebe gerne jetzt. Ich mach mir nix mehr aus Geld. Und Erwartungen hab ich auch nicht mehr: ob jetzt Leute kommen zur Lesung oder nicht, ich mach einfach mein Ding. Ich teil mein bisschen Geld auf und mache, was ich machen kann. Mir reichen 5 Euro fürs Buch, den Rest gebe ich ab.

Du bist so lang gefahren, da hat man viele Geschichten gehört. Wie siehst du denn den Menschen heut? Wird man da nicht zum Zyniker nach dem Motto: Ist eh alles Kacke?

Man erkennt ein Schwein am Gang, sag ich immer. Wenn du bei mir einsteigst, kann ich in kürzester Zeit erkennen, was du für einer bist. Weil bei dem Schauspiel des Lebens, das wir aufführen, mit teilweise recht schlechten Schauspielern, irgendwann doch jeder sein Gesicht zeigt. Bei einem Prozent, freu ich mich dann, wenn die mich überraschen und ganz anders sind als ich dachte. Aber es werden immer mehr Arschlöcher - so 70/30 nach meiner Schätzung.

Was sind denn die nächsten Projekte, jetzt wo das Taxi weg ist.

Erstmal die Lesereise durch Deutschland. Mein Ziel ist 20 Tausend Bücher zu verkaufen und dann 20 Tausend Euro an Plan e.V. abzugeben für einen Mädchenfond. Der Stumme wird fertig geschrieben, danach kommt dann noch ein Kinderbuch Taxi Tom und sein Freund Pax und ein Hörspiel. Ich würde gerne wieder als Clown arbeiten, ich war ja recht bekannt als Clown Peppino beim Zirkus Busch und dann Solo, das würde mir wieder Spaß machen. Und in Schottland hab ich mit Freunden zusammen einen kleinen Hof, wo ich die Landwirtschaft betreibe, Galloways züchte, ein paar Ziegen und Schafe, denen ich dann wahrscheinlich allen einen Namen gebe. 'Ach, bleibt auf der Wiese', werde ich dann bestimmt sagen, 'Ich schlachte Euch nicht, ihr seid meine Freunde.'

Vielen Dank Tom für das Gespräch.

Fotos: Anna Brandt u. Christian Westheide

So, 09.05.2010 0

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25.03.2010

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