Das Wort ward Fleisch

Von Daniel Bickermann. Es beginnt harmlos genug: Zu schleppendem Lounge-Geklimper beobachten wir ein prototypisch gelangweiltes Ehepaar am Esstisch ihres Jugendstil-Wohnzimmers. Die Szene gleicht dem ernüchternden Abschluss der berühmten „Ehe im Schnelldurchlauf“-Montage bei CITIZEN KANE: Sie liest mit hochgesteckten Haaren Zeitung, er brütet mit gelockerter Krawatte vor sich hin und scheint sich zu fragen, wie sein Leben nur so tief absinken konnte. Das Ganze wird gefilmt in kühlem Schwarzweiß mit harten Kontrasten – Bonjour, Tristesse!

Ein Kampf auf Leben und Tod

Als entweder nicht mal mehr die Zeitung Ablenkung hergibt oder die Langeweile am eigenen Ehemann unerträglich wird, holt die Frau das Scrabble-Spiel, traditionelle Vergnügung des gehobenen Bildungsbürgertums, und plötzlich dreht die Stimmung: Thrillermusik erklingt in Form zitternder Streicher, kreischende Kreide fixiert auf einer Schiefertafel den Punktestand zwischen den Eheleuten, und orale Ersatzbefriedigungen wie Zigaretten oder das traditionell nicht ungefährliche Lutschen von Scrabblesteinen drücken die Nervosität aus. Das hier ist kein Gesellschaftsspiel, verstehen wir, sondern ein Kampf auf Leben und Tod.

Denn aus Spaß wird Ernst, und das Spiel hat Rückkopplungen an die Realität: Als die Ehefrau das Wort „verschwitzt“ legt, muss er sich spontan seines schweißnassen Hemdes entledigen, und als er in ihrer Abwesenheit die Tasche mit den Buchstabensteinen plündert, gelingt ihm damit nur das Wort „schummeln“ – doppelter Wortsinn trifft dreifachen Wortwert. Und so manipuliert die Wirklichkeit das Spiel und das Spiel die Wirklichkeit – nur dass nicht jedes mal das herauskommt, was sich die fleißigen Buchstabierer dabei so vorgestellt haben.

Homozidale Neigungen auf dem Scrabble-Brett

Diese Szenen einer Ehe bleiben vollkommen stumm – und wenn es mal eine Zeit gab, da die (englischen) Scrabble-Worte die einzige eheliche Kommunikationsmöglichkeiten in dieser Verbindung des Grauens waren, dann sind inzwischen auch diese längst zu Ausdrücken des hasserfüllten Subtexts der Protagonisten geworden. Wobei der Mann dabei von Anfang an einen denkwürdigen Nachteil hat: Er beschränkt seine lüsternen Mordphantasien an der frigiden Ehefrau auf die eigene Gedankenwelt (solche Szenen werden immer wieder aus der Perspektive des Mannes als eine Art filmischer „Stream of Consciousness“ gezeigt) – seine Frau dagegen lebt die gleichen homozidalen Neigungen direkt auf dem Scrabblebrett aus. Und nachdem in diesem Film am Anfang das Wort war und das Wort mächtiger war als das Bild, und nachdem das Wort in diesem Film Fleisch ward, ist es natürlich sie, die letztlich den Sieg davontragen wird.

Ihr irres Lachen danach ist noch einmal ebenso verstörend und abrupt wie das gesamte Beckett-artige Setting, dieses Wohnzimmer am Ende aller Zeiten, bevölkert mit verendenden Figuren in ihrem tödlichen Endspiel. Barbara Seiler von der Zürcher Hochschule der Künste hat hier auf bildschön ausgeleuchteter Oberfläche, mit eleganten Inszenierungsmitteln und absichtlich hölzernen Figuren einen seltsam zeitlosen Zweikampf erzählt, der keinen wirklichen Gewinner kennt – aber dafür einem beinahe vergessenen Brettspiel noch mal einen furiosen Auftritt verschafft.

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Sa, 19.06.2010 0

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29.01.2010

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