Das unscheinbare "wie": Warum Einkaufszentren keine Fußgängerzonen sind

In der Bochumer City plant der Shopping Mall Betreiber ECE ein weiteres Einkaufszentrum im Ruhrgebiet, auf stolzen etwa 25.000qm Grundfläche, auf denen sich derzeit noch das Land- und Amtsgericht sowie der Telekomblock (Foto) befinden. „Wir wollen offene Strukturen, wie bei einer kleinen Fußgängerzone, von der aus die Läden, Cafés und Restaurants erreicht werden können“, wird Projektdirektor Torsten Kuttig in der WAZ Bochum zitiert. Was bedeutet dieses kleine "wie"? Was unterscheidet eine Fußgängerzone von einem Gehweg in einem Einkaufszentrum?

Die Behauptung, das beides doch in erster Linie Orte zum Einkaufen und Wohlfühlen seien, greift viel zu kurz und blendet Unterschiede aus. Deren wichtigster ist, dass geplante Einkaufszentren in aller Regel auf privatem Boden entstehen. Einkaufsstraßen sind (ebenfalls in der Regel) anders aufgeteilt. Während die Geschäfte privat bewirtschaftet werden, ist die anliegende Straße, Fußgängerzone oder der Platz öffentliches Eigentum. Aus der Antike entstammt der Begriff des Forums, der in erster Linie der Konversation und dem Treffen dient. Die komplette Architektur des Raumes dient dabei auch nicht dem Konsum, sondern vor allem der Konversation. Er hat dabei auch eine juristische oder religiöse Funktion, seine Rolle als Markt war nicht immer zwingend Teil eines Forums. Als öffentliches Eigentum darf auch niemand ohne Grund von diesem Ort verwiesen werden.

"They're screaming at us, we don't need your kind"

Anders verhält es sich bei Einkaufszentren. Sie entstehen auf eigens erworbenen Flächen, die der Öffentlichkeit oft genommen, aber, und das ist der wesentliche Unterschied, ihr nicht zurück gegeben werden. Zwar steht das Einkaufszentrum für das Publikum offen, der vormals existente Forum-Charakter geht allerdings verloren. Dadurch, dass nun die Wege und Flächen zwischen den Geschäften in privatem Besitz sind, hat der Eigentümer der Fläche von nun an das Hausrecht über den vormals öffentlichen Raum gewonnen. Sicherheitsdienste und Kameras zeigen die neue Hoheit über den Raum, die sofort einsichtig wird, wenn man sich einmal vorstellt, was passieren würde, wenn sich eine Gruppe Punks oder Obdachloser in einem ECE-Gebäude treffen würden.

"Dead shopping malls rise like mountains beyond mountains"

Dabei ist der Limbecker Platz ein interessantes Beispiel. Als „Platz“ trägt das Essener Einkaufszentrum seinen ursprünglich öffentlichen Charakter noch mit im Namen. Er wird von Einkaufszentren gerne noch betont, unter anderem auch durch integrierte Park- oder Erholungsanlagen. Er ist aber reine Illusion, weil der Zweck des Ganzen allein der Konsum ist.

Im Gegenzug und in Reaktion auf die neue Konkurrenz im eigenen Haus haben sich auch die Innenstädte dieser Entwicklung angepasst: Veränderungen in den Stadtzentren stehen selten im Zeichen der Steigerung der Aufenthaltsqualität. Die negativen Konsequenzen sind klar: Kreativität, Wildwuchs, Ungeplantes, Überraschendes, Unökonomisches wird aus den Stadtzentren verdrängt und verbleibt in der Peripherie. Kreative Impulse in den Städten entstehen meist in Randlagen.

"I need the darkness, someone please cut the lights"

Verantwortlich sind hier die Stadtoberen: Sie müssen politische Rahmenbedingungen schaffen, die Freiraum in den Innenstädten ermöglichen. Dazu gehört aber nicht einmal nur die Erkenntnis, dass öffentlicher Raum sich nicht nur selbst Zweck genug ist, sondern ein freies, buntes Straßenleben Standortfaktor für kreative junge Menschen ist.

Arcade Fire bringen es auf den Punkt:

„On the black river, the city lights shine
They're screaming at us, we don't need your kind
Sometimes I wonder if the world's so small
That we can never get away from the sprawl

Living in the sprawl
Dead shopping malls rise like mountains beyond mountains
And there's no end in sight
I need the darkness, someone please cut the lights.“
(Arcade Fire - „Sprawl II – Mountains beyond Mountains“)

 
 

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Di, 15.02.2011 0

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06.01.2010

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Mehr als 5 Millionen Einwohner erleben zurzeit, wie ihr postindustrielles Ruhrgebiet im Westen Deutschlands sich zum spannenden europäischen „place to be“ wandelt. Eine werdende Metropole im Selbstfindungsprozess nach der Kulturhauptstadt 2010. Besondere Kennzeichen: Industriekultur als Teil des kollektiven Gedächtnisses – und als inszeniertes Massenereignis.

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