Das ungeliebte Berti Vogts T-Shirt

Die Tugenden der deutschen Spiele waren in den letzten Jahrzehnten vor allem durch Kampfgeist, Moral und die gute Stimmung im Team geprägt. „Wir können lang anhaltend auf ein Ziel hinarbeiten“, so resümiert Nationalstürmer und Ex-Teamchef Rudi Völler noch heute in Interviews. Als kleinen Rückblick nach dem Motto „Tore, Terrier und Trillerpfeifen“ gibt es hier ein kleines und persönliches Andenken an alle Fußball-Weltmeisterschaften seit dem Jahr 1974.

WM 1974. Ich bin fünf Jahre alt und gehe in den Bonifatius-Kindergarten. Die Mannschaft der Niederlande spielt während des Fifa-Turniers im neu gebauten Dortmunder Westfalenstadion drei Partien. Die in ‚oranje’ gekleideten Fans bestimmen eindeutig das Bild in Dortmund-Mitte. Speziell im Alten Mühlenweg und der näheren Umgebung, da, wo wir wohnen. Ich kann mich sehr gut an eine Szene erinnern, wo ein dunkelblauer Pritschenwagen eine Ladung wild jubelnder Holland-Fans auf der Ladefläche die Hohe Strasse hoch in Richtung Westfalenhalle transportiert. Im Baugeräte-Geschäft meiner Eltern kaufen sich mehrere holländische Fans orangefarbene Bauhelme als Kopfbedeckung für ihr Schlachtenbummler-Outfit. Am Ende erhält Spielführer Franz Beckenbauer den Weltcup aus den Händen von Bundespräsident Walter Scheel.

WM 1978. Ich bin neun Jahre alt und besuche die Liebig-Grundschule. In meiner Parallelklasse gibt es einen Jungen, der im Sportunterricht ein Trikot vom argentinischen Goalgetter Mario Kempes trägt. Die taubenblauen Längsstreifen, die sich mit weißen abwechseln, faszinieren mich total. Tagelang hänge ich meiner Mutter in den Ohren, dass ich nichts sehnlicher wünsche, als ein Mario-Kempes-Trikot. „Das ist zu teuer“, so zumindest die Worte meiner Mutter, außerdem würde ich viel zu schnell daraus wachsen. Sie hat eine bessere Idee und schenkt mir ein T-Shirt mit dem Konterfei von Berti Vogts, den alle nur den „Terrier“ nennen. So sind Mütter, sie haben zwar keine Ahnung, meinen es aber immer gut. Am Ende wird Argentinien unter der Leitung von Trainer und Kettenraucher Cesar Luis Menotti Weltmeister.

WM 1982. Ich bin 13 Jahre alt und trage gerne Badges an meiner Jeansjacke. Neben Lieblingsbands wie Trio oder AC/DC, prangt vor allem das verschmitzte Naturburschengesicht von Hans Peter Briegel an meinem Kragen. Die deutsche Fußballnation wankt am 25. Juni, als die Nationalmannschaft nur ein müdes Spiel gegen Österreich präsentiert. In der 11. Minute trifft Horst Hrubesch zum 1:0, danach passiert so gut wie nichts mehr auf dem Spielfeld. Der ARD-Kommentator Eberhard Stanjek weigerte sich ab einem gewissen Zeitpunkt, das Spiel weiter zu kommentieren. „Was hier geboten wird“, so Stanjek, „das hat mit Fußball nichts mehr zu tun.“ Die rund 41.000 Besucher in Gijón wedeln fast die gesamte zweite Halbzeit mit weißen Tüchern. Ein typischer Brauch auf der iberischen Halbinsel, um Unmut zum Ausdruck zu bringen.

WM 1986. Ich bin 17 Jahre und habe durch den starken Einfluss amerikanischer Punkmusik wenig für den Kapitalismus und seine sportlichen Auswüchse über. Vor allem die Rekord-Ablösesumme von 24 Millionen DM, die der SSC Neapel für Diego Maradona ausgibt, erschüttern mein Weltbild zutiefst. In einer asketischen Zäsur entledige ich mich meiner kompletten Fußballsammlung, als seien dies Machenschaften des Teufels oder noch schlimmer: heuschreckhafte Hedge-Fonds. Die Phase reicht sogar bei mir bis zum Vegetarismus, ein derart überambitioniertes System konnte ja nur kläglich scheitern. Inzwischen habe ich mir über die Jahre alles essentiell Wichtige wieder zusammengesammelt, die Autogrammkarten von Erwin Kostedde oder Branco Zebec wurden ersetzt. Ich besitze heute sogar ein Maradona-Kartenspiel und esse gerne mal eine Bratwurst zu viel.

WM 1990. Ich bin 21 und absolviere den Zivildienst in den städtischen Kliniken an der Beurhausstrasse. Im Garten meiner Mutter organisieren wir mit ein paar Freunden ein Grillfest, die Spiele werden auf meinem alten tragbaren Schwarz-weiß Fernseher geschaut. Ab und zu wackelt das Bild. Strotz Schnee und Bildstörungen bleibt vor allem die Vorstellung von Guido Buchwald als Manndecker von Diego Maradona unvergesslich. Deutschland wird durch eine kompakte Mannschaftsleistung am Ende Weltmeister. Guido Buchwald nahm das gelassen und philosophierte federleicht: „Am schwersten trägt man eben meist an dem, was man auf die leichte Schulter nimmt.“ Schwer zu verstehen war für mich im neu geeinten Deutschland die Mode, zum WM-Sieg die Deutschlandfahne zu schwenken. Das machen doch eigentlich nur die politischen Rechtsaußen, oder?

WM 1994. Ich bin 25 und studiere in Dortmund vor allem Wirtschaftswissenschaften und das Nachtleben. In der Hafenschänke subrosa sehe ich viele Spiele. Marcel Reif kommentiert am 10. Juli die Partie Deutschland gegen Bulgarien und sagt nach wenigen Minuten über den Gegner vom Balkan: „Man darf sich nicht von Ihnen einlullen lassen.“ Obwohl das Nationalteam unter der Leitung von Bundestrainer Vogts in der 48. Spielminute in Führung geht, musste sich der Deutschland-Adler am Ende geschlagen geben. Die Bulgaren besiegten Völler & Co. in diesem Viertelfinale mit 2:1 durch Tore von Stoitchkov (76.) und Letchkov (78.). Auch der inzwischen 33-jährige Diego Maradona hat einen skandalösen Auftritt während dieser WM. Er wird nach der Partie gegen Nigeria des Dopings überführt und für den Rest des Turniers gesperrt.

WM 1998. Ich bin 29 und bin nach Jahren in der Dortmunder Nordstadt an den Westpark gezogen. In meiner Küche hängt eine riesige Fahne vom brasilianischen Fußballverband, ein ehemaliger WG-Kumpel hat mir diese geschenkt. Die brasilianische Mannschaft startet zwar schwach ins Turnier, schafft es aber ins Finale gegen Frankreich. In dieser Partie scheiterten die Brasilianer. Insbesondere Ronaldo, der zuvor zum besten Spieler des Turniers gewählt worden war, wirkte streckenweise lethargisch. Als deutsche Hooligans im nordfranzösischen Lens den Polizisten Daniel Nivel lebensgefährlich verletzten, stockt der Atem der Bundesrepublik. Nivel überlebt den Vorfall, ist heute schwerbehindert und kann sich an nichts mehr erinnern.

WM 2002. Ich bin 33 und wohne in der Bochumer Innenstadt, wo die Szenekneipe Gräfen & König schon ganz früh morgens öffnet. Schließlich will man als Zuschauer schon ganz früh morgens in den Genuss der Quartalsdroge Fußball-WM kommen. Deutschland steht im Finale gegen Brasilien und verliert durch zwei Ronaldo-Tore. „War es der angefeuchtete Boden oder die Handverletzung von Oliver Kahn? Unser kleines Drama hat den ersten Höhepunkt“, so kommentiert Sat1-Reporter Werner Hansch den ersten Brasilien-Treffer in der 67. Minute für die deutschen Fernsehzuschauer. Dieses Endspiel wurde vom kahlköpfigen Schiedsrichter Pierluigi Collina geleitet. „Ich habe immer versucht“, sagte der italienische Referee in einem Interview, „jede Partie – und dazu gehört auch das Finale einer Weltmeisterschaft – als ein ganz normales Spiel zu betrachten.“

WM 2006. Ich bin 37 und zwei Monate nach der WM wird meine Tochter Lola geboren. „Wenn es schon kein Junge ist, bekommt deine Kurze wenigstens den Namen einer Spielerfrau“, unkt mir ein fußballverrückter Gefährte entgegen. Mit ein paar Arbeitskollegen kommen wir an heiß begehrte Tickets für das Halbfinale im Dortmunder Signal-Iduna-Park – Deutschland gegen Italien. Vor dem Spiel sehe ich in Höhe der Westfalenhalle noch Breiti von den Toten Hosen, nach dem Spiel treffen wir am Bahnhof im Vorbeigehen noch den Merchandiser der besten Band der Welt: Die Ärzte. Das Spiel ist dann alles andere als Funpunk. Deutschland verliert in der Verlängerung mit 2:0 gegen Italien. Mit Müh und Not bekommen Freund Tommy und ich noch im Regionalexpress unsere Fahrräder nach Bochum verklappt. Tommy ertränkt den Abend in der Bochumer Kneipe Freibeuter. Ich gehe nach Hause und habe unglaublich schlechte Laune. 

WM 2010. Ich bin 41 und freue mich über die tolle Spielweise des deutschen Teams. Wie Khedira, Müller und Özil fast schon „brasilianisch“ kombinieren, ist in der nationalen Fußball-Historie nahezu einmalig. Meine Tochter Lola freut sich auch. Mit der Nagelschere hat sie die Startelf mit Neuer, Podolski und Schweinsteiger aus dem Kicker ausgeschnitten und mit Lillifee-Aufklebern an ihre Zimmertür geheftet. Vor allem schwärmt sie für Cacau. Jedes mal wenn wir in der Fußgängerzone sind und einen Afrikaner sehen, sagt sie: „Schau mal Papa, da ist schon wieder Cacau.“ In einem Sportgeschäft will ich für Lola ein Original-Adidas-Trikot vom Nationalteam kaufen. Der Preis von 54 Euro schreckt mich ab und ich lasse erschrocken den Sweater hängen. So sind Väter, sie haben zwar keine Ahnung, meinen es aber immer gut. 

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Do, 01.07.2010 3

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Kommentare

Vollmond am 7.7.

Hömma Pedder, wo ich doch zuletzt auch am Alten Mühlenweg gewohnt habe: wo habt ihr denn Baugeräte verkauft?
Und: 1974 am Finaltag war Vollmond, ein fetter gelber runder Käsemond, der über der Flottmannstraße in Herne-Süd hing, wo ich (14) damals wohnte. Ich hab das mit Bleistift gezeichnet, weil der war wirklich soo fett. Und diese blassen 70er TV-Farben!
Den Rumpelfußball der nächsten 30 Jahre wollte ich nicht sehen, unsere Nati hat mich nicht gekickt. Am Schlimmsten fand ich 1990, das Finale hab ich auf einem Campingplatz in Südfrankreich gesehen, wo wir so eine Skategruppe leiteten. Bis heute schüttelt es mich beim Gedanken an Briegel, Brehme, Bratthäus. War das langweilig!
Golden Goal durch Olli Bierhoff bei der EM 96: per Hurra-Geschreie aufm Zeltplatz in Holland aus den Nachbarzelten mitgekriegt; Interesse: null.
Angstgefühle in der Völler-Ära: dass der Kommentator irgendwann in der zweiten Halbzeit die Auswechselungen bekannt gibt: Jeremies und Jancker. Die sind ja 2002 noch auf dem Rasen rumgeturnt, wo sie schon seit Jahren nix zu suchen hatten! Wache heute noch schweißgebadet auf, wenn ich von diesen beiden Teutschen träume. Nachhaltiges Trauma!
Prince Kevin (so heißen die Ossis nun mal...) sei Dank, können wir heuer endlich ohne diesen Pomaden-Michl spielen und kriegen endlich mal auch spielerisch was gebacken und nicht immer nur mit völkischen Vokabeln wie Teamgeist, Kampfgeist, Turniermannschaft. Ich jubele! Und denke nicht daran, mir für 54-74-90 Euro ein bedrucktes Sportleibchen zu kaufen oder mir Farben aufs Jochbein zu malen. Aber sie sollen gefälligst gegen Holland ins Endspiel kommen! (Und gewinnen, logen.)

"Daumen rauf"

@ Peter Hesse: Klasse Artikel! Wir haben uns erlaubt noch einige Links einzufügen.

@ Susanne:
In absehbarer Zeit planen wir einen Ausbau der Community und deren Funktionen. Da wird es dann auch so nette kleine Features geben.

Viele Grüße aus der Redaktion

wow!

sehr cool! schade, dass es hier keine "Daumen rauf"-Funktion (ähnlich bei facebook) gibt.

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22.06.2010

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