
Das Spezielle verschwindet im großen Freizeitpudding
Die Sehnsucht nach dem Kern – Kulturangebote im Kleingedruckten
Mit wird schwindelig. Die Augen tränen. Es flimmert. Ich schlage das Veranstaltungsmagazin zu, fahre den Rechner runter und renne auf die Terrasse und erlege mit einem Schlag sieben Schmeißfliegen mittels eines Szenemagazins. Was ist passiert? „Was ist los?“ habe ich mich gefragt, „Wo gehe ich hin? Was kann man machen?“ Ich habe Zeit und ein Auto, ein Fahrrad und eine Haltestelle der Öffentlichen vor der Tür, eine grandiose Ausgangssituation also. Im Ruhrgebiet gibt es an Wochenenden ca. 300 angekündigte Veranstaltungen unter den Rubriken „Musik, Theater, Comedy, Ausstellungen, Sonstiges“. Wobei sich nicht alles in den einschlägigen Magazinen und den Online-Portalen findet. Parties lasse ich aus. Parties würden mich nur betrüben, ob meiner dafür bis dato abgelaufenen Lebenszeit.

Auswahl-Qual
Okay, ich bleibe in der Nähe, in meiner Stadt. Ich blättere und klicke. Bis ich alle Hinweise und Links gefunden und zur Kenntnis genommen habe, ist es längst zu spät für einen Ausgang. Ich entscheide mich für eine Folge von „Boston legal“ und wünsche allen Künstlern viel Applaus, draußen in den Hallen, auf den Bühnen und in den Galerien. Ich hätte mich natürlich für einen „Renner“ entscheiden können, eine Premiere oder einen berühmten Pianisten. So wäre ich Teil einer großen Menge geworden, umgeben von Kennern und Angst hätte sich meiner bemächtigt. Das will ich nicht. Wäre ich zu einem Außenseiterort gegangen, um mir ein völlig unbekanntes Programm anzusehen, hätte es passieren können, dass ich zusammen mit den vier anderen Zuschauern Mitleid entwickelt hätte. „Uns vier wird es auch noch dahinraffen und die Künstler auf der Bühne werden unter Brechreiz ihre Vorstellung durchstehen“, hätte ich gedacht und das hätte mir Kopfschmerzen und Bauchweh eingebracht.
Buntheit als Heilung
Die Buntheit des Ruhrgebiets wird gepriesen. Also nach dem Grau das Bunt. Das klingt wie „bunter Abend“ oder „Ein Kessel Buntes“. Will man das – besser gefragt – soll man das wollen? Das ach so vielfältige Freizeitangebot kann auch zu Turbulenzen führen, die in einem Kellerloch münden. Da sitzt der Einheimische und sehnt sich nach klaren Strukturen. Früher war mehr Ausgehen? Wo lässt sich denn im Revier flanieren, entlang von Kneipen und Restaurants? Mal abgesehen vom berühmten Bermuda-Dreieck in Bochum, ist da noch was? Die Innenstädte sind in der Regel nachts leer gefegt, wenn sie nicht auch tagsüber schon längst als Science Fiction Locations dienen können wie Mülheim oder Oberhausen. Der öffentliche Nahverkehr ist ein rudimentäres Abfahren von Strecken, die in den 60er Jahren noch wichtig waren. Und dennoch tobt hier der kreative Overkill. Massenhaft Veranstaltungen locken uns in Clubs, Hallen und Hinterhöfe. Ist das gut für die Mentalhygiene des Freizeitjunkies?
Ist denn was los?

Das Dorf geht zum Schwoof
Ich sitze in meinem Dorf, irgendwo am Biederrhein. Am Wochenende ist „Humbtata“, überall angekündigt auf mit eigenem Layout gestalteten Schockplakaten, beim Dorfmetzger, beim Bäcker, im Lotto-Toto-Laden, an Bäumen und den vier Laternen. Da gehe ich hin, weil ich immer dort hingehe. Die Dorfband macht die Mucke und ein DJ aus der Stadt legt irgendwas auf. Ich treffe dort all die, die ich treffen will und – vor allem – treffe ich all die, die ich auf keinen Fall treffen will. Live. In zwei Wochen kommt das Landestheater. In der Zwischenzeit schreibe ich an meinem Buch, bin ständig online, um die neuesten Nachrichten aus Singapur zu verfolgen. Andere designen Handtaschen aus Hühnerfell und Portemonnaies aus Baumrinde. Bin ein bisschen froh, aus der Verwirrung der Städte geflohen zu sein.
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