
Das Rasen-Theater
- Serie: Ökonomie
Am Freitag ist es wieder soweit. Nein, nicht der Geburtstag von Johnny Cash (es wäre übrigens der 78. des „Man in Black“). Wir reden vom Fußball. Langweilig, wird da aufgestöhnt? Mitnichten.
In der Region entlang der Bundestrasse 1/A 40, den knapp 35 Autobahnkilometern zwischen Dortmund und Gelsenkirchen, aber auch im restlichen Ruhrgebiet gibt es diese Woche kein anderes Thema an den Stammtischen, seien sie nun digitaler oder analoger Natur. Das ganze Drama ist mehr als nur ein Fußballspiel: Schalke gegen Dortmund, königsblau gegen schwarzgelb, Herne-West gegen Lüdenscheid... Wie das so ist im Pott, die Tradition verpflichtet.
Halbherzige Appelle an die Vernunft der Fans
Es ist zwar das ewig gleiche Spiel: Elf gegen Elf, 90 Minuten lang - aber natürlich jedes Mal mit einem anderen Ergebnis. Trotzdem ist das Procedere im Vorfeld seit Jahrzehnten dasselbe. Außerdem sind wir in Deutschland, Zahlenfreunde, Buchhalter und vor allem Klugscheißer haben Hochkonjunktur: Da werden die unsinnigsten Statistiken aufbereitet, von der sogenannten Verantwortlichen beider Vereine halbherzige Appelle an die Vernunft der Fans verfasst und Interviews gegeben, die noch weniger Inhalt transportieren als die üblichen 90-Sekunden-Statements vom Schlage „Ja, gut, äh, wir haben nicht so richtig ins Spiel gefunden, zum Schluss hatten wir kein Glück, dann kam noch Pech dazu…“
Mit jedem Tag steigt die Fieberkurve an, Banalitäten werden zu weltbewegenden Wichtigkeiten „hochsterilisiert“ (O-Ton Bruno Labbadia, Ex-Profi u.a. beim FC Bayern, dem 1. FC Köln und Werder Bremen, jetziger Trainer des Hamburger Sportvereins). Die Vorfreude ist bekanntlich der größten einer. Da kann man schon mal die Nerven verlieren.
„Mit dieser Fragestellung provozieren Sie oberflächliche Antworten“
Auch keine neue Erkenntnis: Fans sind überall gleich. Es gibt peinliche Videos im Internet, da schämt man sich sowohl als Königsblauer als auch als Schwarzgelber fremd. Merke: Auf der Tribüne sind sie alle gleich. Jeder will gewinnen. Das ist auch sein gutes Recht. Solange diese Neckereien zwischen den Anhängern beider Vereine sich auf der verbalen Ebene bewegen, muss, kann und darf man als Außenstehender kein Problem damit haben. Wenn aber irgendwelche Vollidioten (und die gibt es in beiden Lagern!) selbst vor der Gewalt gegen Kinder nicht zurückschrecken, dann sind wir wieder da, wo das Derby seinen Ursprung hat, nämlich im 19. Jahrhundert.
Da flogen in England die Fetzen. Von der Insel stammt übrigens auch das Zitat des Liverpool-Trainers Bill Shankly: „Es gibt Leute, die denken, Fußball ist eine Frage von Leben und Tod. Ich mag diese Einstellung nicht. Ich kann Ihnen versichern, dass es noch sehr viel ernster ist.“ Und deswegen ist es auch kein Wunder, wenn sich Spieler provozieren lassen und auf die Frage, was passiere, wenn sein Sohn Anhänger des anderen Vereins werden, er diesen ins Heim geben würde. Es ist schade und traurig zugleich, dass 20-Jährige nicht die Schlagfertigkeit und Souveränität eines Helmut Schmidt besitzen: „Mit dieser Fragestellung provozieren Sie oberflächliche Antworten.“ In diesem Sinne: Möge der Bessere gewinnen.
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