Das Möbiusband der Geschichte

Von Matthias Wannhoff. Es gibt kein Richtiges im Falschen, heißt es. Manchmal gibt es aber immerhin ein Leichtes im Schwierigen. Eine Filmgeschichte Estlands zu schreiben etwa erweist sich als schwierig und einfach zugleich:
Schwierig, da man es hier mit einer Zeitspanne voller Brüche und Rapturen zu tun hat, in deren Angesicht jedes historiographische Kontinuitätsversprechen wie ein Treppenwitz wirkt. Leichter wird es jedoch, wenn man sich bewusst macht, dass mit einem modernen, sprich apolitischen Kunstbegriff in der estnischen Bewegtbild-Historie nicht viel zu holen ist. Politik- und Filmgeschichte, diese scheinbar schrillen Gegensätze – an der baltischen Küste fielen sie mehr als einmal zusammen.

Pionierwerk des estnischen Kurzfilms

Das neue Medium hatte es bei den Esten, deren Herz zuvorderst für den kulturellen Verbund aus Theater, Oper und Literatur schlug, zunächst überaus schwierig. Als Pionierwerk gilt der 1914 entstandene Kurzfilm Karujaht Pärnumaal von Johannes Pääsuke, eine Satire über den Zwist zwischen Landleuten und Vertretern der städtischen Verwaltung. Der Erste Weltkrieg wirkte als retardierendes Moment in der ohnehin schweren Geburt einer estnischen Filmkultur, weshalb erst 1924 mit Konstantin Märskas – verschollenem – Mineviku varjud der erste abendfüllende Spielfilm in die Kinos kam.

Das goldene Jahr 1969

Mit Gründung der UdSSR nahm der estnische Film an Fahrt auf und war bald jener kulturelle Bereich, der am stärksten in den Genuss von Fördergeldern kam. Sein propagandistisches Potenzial wurde durch die kommunistische Partei in eine rege Produktion von Wochenschauen und filmischen Konkretionen der sozialistischen Utopie verwandelt, die nach dem Zweiten Weltkrieg unter Stalin zu ihrem Höhepunkt fand. Erst mit dem Tod des Diktators war es Filmemachern möglich, die enge Verästelung von Ideologie und Kino zu lockern und Themen jenseits der gegenwärtigen sozialen Realität aufzugreifen. In diese Phase fällt das goldene Jahr 1969, in dem zwei der wichtigsten estnischen Filme entstanden: Kevade von Aaro Kruusement und Viimane reliikvia von Grigori Kromanov, beides Literaturadaptionen und letzterer mit einer Auswertung in 60 Ländern außerhalb der UdSSR auch ein wirtschaftlicher Meilenstein. Fünf Jahre später begann die Karriere des Zeichentrick-Regisseurs Priit Pärn, dessen Filme seitdem auf Festivals von Cannes bis Ottawa Preise einstrichen.

Den jüngsten Einschnitt in der Filmhistorie Estlands markierte der Zusammenbruch des Ostblocks. Diese Zäsur hinterließ gewaltige Trümmer, denn mit der Inanspruchnahme der filmischen Kunst durch die politische Führung schwand auch ihre üppige Subventionierung, was einige traurige Schicksale wie jenes der Regisseurin Leida Laius zeitigte: Einst gefeiert als größte Filmemacherin des Landes, verdingte sie sich nach der Öffnung als Verkäuferin in einer Lottoannahmestelle. Den Tiefpunkt markierte das Jahr 1996, in dem kein einziger neu produzierter Spielfilm das Licht estnischer Projektoren erblickte.

Staatliche Filmförderung seit 1997

Im Jahr darauf wurde die staatliche Filmförderung „Eesti Filmi Sihtasutus“ ins Leben gerufen, und seitdem zeigt der Trend wieder nach oben. Zwar mögen die 3,43 Millionen Euro, die das Budget für 2010 bereithält, ein wenig knauserig erscheinen, wenn man es in Bezug setzt zu einem Land, das seine Bewohner flächendeckend mit kostenlosem W-Lan versorgt – in den letzten Jahren macht Estland auch international durch kleine, aber kunstvolle Filme von sich Reden: Genannt seien hier vor allem die kultige Gegenkultur-Apotheose Sigade revolutsioon (2004) und Ilmar Raags Mobbing-Drama Klass (2007).

Mit drei Hochschulen, die ein praktisches Filmstudium anbieten, sowie dem jährlich in Tallinn stattfindenden „Pimedate Ööde Filmifestival” sind die Weichen für eine lebendige Filmkultur gelegt. Den Weg dahin wird eine originelle Idee auf vier Rädern begleiten, denn seit 2001 bringt ein eigens dafür gebauter Bus das bewegte Bild an Orte, wo die Menschen den Begriff „Kino“ bloß vom Hörensagen kennen. Das Leichte im Schwierigen, oft entdeckt man es erst im Ausnahmezustand.


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29.01.2010

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