Das Menschliche im Alltäglichen

Ein Interview mit Nadejda Koseva, aufgezeichnet von Tamar Noort.


Die Geschichte von Omelette spielt in 1996, das Jahr, indem die bulgarische Wirtschaft kollabierte. Warum hast Du Dich für diese Thematik entschieden? Spielte die Finanzkrise zur Entstehungszeit des Films schon eine Rolle?

Omelette ist Teil des Kompilationsfilms 15. Der Film setzt sich zusammen aus 15 Kurzfilmen, die sich mit der postkommunistischen Übergangszeit in Bulgarien in den vergangenen 15 Jahren beschäftigen. Als ich gefragt wurde, ob ich an dem Projekt teilnehmen möchte, musste ich ein Jahr wählen. Für mich lag 1996 auf der Hand: Es ist das Jahr der Hyperinflation. Und ich glaube fest daran, dass sich in Zeiten der Krise das Menschliche am meisten zeigt – weil es am stärksten herausgefordert ist. Die Parallele zur Weltwirtschaftskrise ist Zufall – das Drehbuch gab es schon, bevor die Krise sich entfaltete.

Trotz der politischen Komponente ist Dein Film sehr persönlich. Was hat Dich besonders interessiert an einer Geschichte über eine Mutter, die ihr Kind versorgen will?

Dieser Film ist tatsächlich besonders persönlich – nicht nur aufgrund der Thematik, sondern auch für mich. Meine Mutter hat mich großgezogen in einer krisenhaften Zeit, in der sie es wahnsinnig schwer hatte. Trotzdem hatte ich nie das Gefühl, dass etwas nicht stimmt. Ich hatte eine großartige Kindheit. Jetzt, als Erwachsene, kann ich halbwegs nachvollziehen, wie hart es für sie gewesen sein muss. Deshalb ist der Film meiner Mutter gewidmet. Diese persönliche Art, Filme zu machen, ist die einzige, die ich mir vorstellen kann.

In Deinem Film The Ritual erzählst Du ebenfalls eine Geschichte von Eltern, die sich um ihr Kind kümmern. Sind Familiengeschichten für Dich auch Mittel, etwas über Dein Land zu erzählen?

The Ritual und Omelette beruhen beide auf wahren Begebenheiten, Geschichten, die mir mal erzählt wurden. Beide Filme transportieren somit auch wichtige Dinge über mein Land – und verhandeln Probleme, die in der heutigen bulgarischen Gesellschaft virulent sind. Aber die Bindung zwischen Eltern und Kind ist der Archetyp für menschliche Beziehungen überhaupt. In den Filmen geht es also weniger um das Land, sondern vor allem um die Menschen, die in dem Land leben.

Wie kamst Du zu dem ästhetischen Konzept für den Film?

Mir wurde klar, dass es um sehr einfache Dinge geht, die für die Hauptfigur sehr wichtig sind – und dass der Film einen mikroskopischen Einblick bieten soll in den Alltag der Figur. Für mich lag die ästhetische Umsetzung dann sehr nah. Ich wollte ganz dicht an der Mutter dran bleiben, die nur darauf konzentriert ist, ihre Einkäufe zu erledigen. Die Kamera, die Ausstattung, alles folgt ihr in dieser Konzentration. Ich wollte herausfinden, ob man mit einer solchen Nahaufnahme der Realität auch eine größere Metapher bedienen kann. Die gesamte Erzählweise korrespondiert mit dieser reduzierten Welt, in der die Mutter lebt. Es braucht keine Dialoge, um der Figur Ausdruck zu verleihen, und keine Musik, um ihre Situation zu unterstreichen.

Einkäufe heile nach Hause zu bringen wird zu einem Kraftakt – ein eigentlich simpler Vorgang wird mit großer Spannung aufgeladen. Wie hast Du diese Atmosphäre erreicht?

Mich hat an der Geschichte vor allem interessiert, wie sich in den kleinsten Dingen des Alltags plötzlich unüberwindbare Hürden zeigen. Wie aus einem einfachen Einkauf für ein Omelett ein Kampf um Leben und Tod werden kann. Die Schauspielerin hat diese Gratwanderung verstanden und trotz der simplen Handlungen eine düstere Atmosphäre geschaffen.

Eier können eine große symbolische Bedeutung haben – neues Leben, sie können aber auch die Fragilität einer stabilen Situation symbolisieren. Spielte die Symbolik eine besondere Rolle für Dich?

Eigentlich habe ich keine zweite, tiefere Bedeutung der Eier beabsichtigt. Aber grundsätzlich denke ich schon, dass selbst so simple Dinge wie ein einfacher Tisch in einem leeren Raum metaphorische Bedeutung entwickeln können – wenn man sich nur genug auf den Film einlässt.

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Sa, 20.02.2010 0

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29.01.2010

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