Das Gold der Berlinale-Bären

Ohne Subventionen und Sponsorengeld könnte die Berlinale nicht stattfinden. Sie lebt von der üppigen deutschen Filmförderung.

Nun ist es schon ein paar Jahre her, dass ich in (langen) Fahrradhosen und Mountainbikeschuhen mit Metallcleats unter den Sohlen auf dem roten Teppich am Buffet der Berlinale-Eröffnungsfeier stand. Damals wehte noch ein Hauch von Rohbau durch das neu errichtete, kathedralenartige Paul-Löbe-Haus am Spreeufer, zwischen Reichstag und Kanzleramt gelegen, wo tagsüber Bundestagsabgeordnete, deren Mitarbeiter, Besucher und Journalisten die politische Bühne besetzen.

An diesem Abend im Februar nun fanden sich einige von ihnen, manche ganz bewusst, andere völlig unvermittelt, zu dem festlichen Anlass ein. Und so stand ich, meinen Rucksack unter den Arm geklemmt, eine Crème brûlée löffelnd – von der ich bis heute nicht weiß, wer sie eigentlich spendiert hat – glotzend vor dem Defilee der schönen und ausufernd gestikulierenden Filmschaffenden. Jedenfalls war ich froh, dass meine Cleats an diesem Abend nicht auf dem dunkelgrauen Naturstein knirschten, mit dem das Gebäude ausgelegt ist. So konnte ich lautlos über die vorübergehende Teppichauslegeware zum Seitenausgang schleichen, vor dem mein Fahrrad stand.

 

Die Berlinale und das ZDFPolitische Macht sichert den Kinostandort Berlin

Damals wurde mir klar, dass die Berlinale ein tatkräftig politisch unterstütztes Ereignis ist. Mit der buchstäblichen Macht sichert man den Kinostandort. Das lockt auch Sponsoren an, die bei der Berlinale in drei Kategorien eingeteilt werden: Principal Partners, Co-Partners, Third  Partners. Angeführt vom gebührenfinanzierten ZDF, das dort in diesem Jahr – neben BMW – als Principal Partner hofiert wird.

Tatsächlich ist die Berlinale, wie die gesamte Kinobranche in Deutschland, eine hochsubventionierte Angelegenheit, in der sich Unternehmen und öffentliche Einrichtungen gleichermaßen finanziell engagieren. Da wiegt der Einsatz der Berliner „Wirtschaftsförderung und Hauptstadtmarketing“ noch am geringsten, die auf einem riesigen Zaun um die Siegessäule für den „Filmstandort Berlin“ und für die „Berlinale“ wirbt. Und zwar mit dem Satz: „Filmförderung ist preiswert!“; demzufolge die Subventionen für die Berlinale ihr Geld wert sind.

Anlass für diese Werbeaktion ist sicherlich die immer lauter werdende Kritik an der staatlichen Filmförderung, die sich – für jedermann sichtbar – in der Gigantonomie der Berlinale manifestiert. Die staatliche Filmförderung liegt hierzulande bei über 300 Millionen Euro, knapp ein Drittel davon kommt vom Bund. Den Rest schütten der Deutsche Filmförderfonds (DFFF) sowie die Filmstiftungen der Länder aus. Diese speisen sich aus einem hochkomplexen Gewirr, das zu entflechten die Expertise eines Wirtschaftswissenschaftlers mit dem Schwerpunkt Filmwirtschaft bedürfte.

 

Filmförderung, die nicht zurück gezahlt werden muss

Inglourious BasterdsKurzum: Filmförderung ist intransparent, aber Deutschland ist ein Subventionsparadies für die Branche. Das ist einer der Gründe, warum sich ihre Protagonisten so gerne in den Februartagen in Berlin tummeln: Alleine der zuletzt auf der Berlinale gefeierte und hochprofitable Film Inglourious Basterds hat sich sieben Millionen Euro vom DFFF reingezogen. Der Fonds bezuschusst Dreharbeiten, wenn ein deutscher Mindestanteil an der Wertschöpfung garantiert ist. Das zieht internationale Produzenten an. Zumal dieses Geld – auch im wirtschaftlichen Erfolgsfall – nicht zurückerstattet werden muss.                                  

Allerdings argumentieren die Kulturfunktionäre damit, dass jedem Euro Filmförderung bis zu sechs Euro Ausgaben für den Filmdreh in Deutschland hinterher geworfen werden. Und damit sind wir wieder in Berlin, dem Drehort zahlreicher Kinofilme, die zusätzlich auf die bewährte Infrastruktur der Studios in Potsdam-Babelsberg zurückgreifen können. Die öffentlichen Kosten für die Berlinale – so argumentiert die Investitionsbank Berlin – würde sich gleich mehrfach rechnen: Die brächten schon die über 20.000 Fachbesucher wieder ein, sowie die Zuschauer dieses weltweit größten Publikumsfilmfestivals, für das erwartet 275.000 Karten verkauft werden.

Die Investitionsbank Berlin (IBB) macht sich gerne die Mühe, all jene aufzuzählen, die an dem Filmfest partizipieren: „Neben den Filmproduktionsfirmen und den Synchronstudios profitieren vor allem das Hotel- und Gaststättengewerbe, der Einzelhandel, öffentliche und private Kultureinrichtungen, Eventdienstleistungen wie Sicherheits- und Ordnungsdienste, Sekretariats-, Schreib- und Übersetzungsdienste, Friseursalons, Ausstellungs- und Messeeinrichter, Kraftfahrzeug-Verleihfirmen, Parkhäuser, Tankstellen, Telekommunikation und Fotografisches Gewerbe sowie das Kredit- und Versicherungsgewerbe.“

Die IBB behauptet, dass die Besucher der Berlinale das Bruttoinlandsprodukt jährlich um 40 Millionen Euro bereichert. Die Gegenprobe wäre ebenfalls eine wissenschaftliche Herausforderung.

 

Die Berlinale ist Hochsaison für Taxifahrer, Sicherheitsdienste, Kellner und Friseure

Ganz sicher bleibt ein bisschen vom mittelbaren Berlinale-Ertrag bei meinem Kumpel Ahmad hängen. Für ihn als Taxifahrer bedeutet die Berlinale Hochsaison. Für Berlin ist sie das, was für Köln der Karneval ist. Die Fashionweek im Januar war schon nicht schlecht für Ahmad, auch das Zug- und S-Bahnchaos haben sich bezahlt gemacht, aber die Berlinale war bislang einzig von der der WM 2006 zu toppen.

Der anhaltende Boom großer Kulturveranstaltungen in Berlin gleicht für ihn die Einbußen bei den Krankenfahrten aus. „Die meisten Fahrgäste in diesen Tagen sprechen kein deutsch, sie sagen nur `Berlinale` – im Zweifel fahre ich sie dann einfach zum Potsdamer Platz“, sagt er. „Berlinale“, was für ein wertvoller Begriff.
 

Foto oben: Berlinale
Berlinalefoto/Text: Dirk Ingo Franke (Flickr)

 
Sa, 11.02.2012 0

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11.02.2010

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