
Das ganze Leben ist ein Spiel: Gamification
Silja Gülicher, Leiterin Pressestelle Nintendo Deutschland, über "Storytelling"
"Das ganze Leben ist ein Spiel: Gamification" lautet das Thema von Silja Gülicher auf der "StoryDrive"-Konferenz im Rahmen der Frankfurter Buchmesse 2011. Gülicher ist Leiterin der Pressestelle Nintendo Deutschland und ist für Nintendos Öffentlichkeitsarbeit in Deutschland verantwortlich. LABKULTUR.TV befragte sie zur Zukunft des Geschichtenerzählens.

Silja Gülicher: Von einer Geschichte erwarte ich vor allem eins: dass sie mich gut unterhält. Dazu muss mich diese Geschichte berühren, mir vielleicht etwas über mich selbst oder die Welt erzählen, was ich so noch nicht wusste oder noch nie aus diesem Blickwinkel betrachtet habe. Ob eine Geschichte wirklich gut war, mache ich daran fest, dass sie mir im Gedächtnis haften bleibt, dass ich über die Protagonisten nachdenke – und dass ich traurig bin, wenn ich beginne, die letzten Seiten zu lesen.
Auf das Medium kommt es dabei überhaupt nicht an: Ein fesselndes Buch ist mir genau so willkommen wie ein spannender Film oder ein Videospiel, in dessen Handlung man stundenlang eintauchen kann.
Wie und mit welchen Medien werden in Zukunft Geschichten erzählt werden?
Geschichtenerzählen ist, denke ich, ein menschliches Grundbedürfnis: Persönliche Geschichten werden immer und überall ausgetauscht, sei dies direkt, wenn wir Freunde oder unsere Familie treffen – oder mittels elektronischer Medien, mit Menschen etwa, die im Ausland leben. Erfundene Geschichten werden wir auch in Zukunft über alle zur Verfügung stehenden Medien genießen können – zum Beispiel elektronisch mittels eines Tablet-PC, interaktiv in einem Videospiel oder eben klassisch mit einem Buch.
Wie werden wir in Zukunft Geschichten wahrnehmen? Werden wir uns die Art, wie wir eine Geschichte erfahren möchten, aussuchen können? Per Klick das Buch, das E-Book, den Film, das Hörbuch, das Game oder die Theaterkarte dazu bestellen können?
Jedes Medium erzählt Geschichten auf seine ganz eigene Art: Wo ein Roman in die Breite gehen kann, muss ein Film die Handlung so komprimieren, dass sie in zwei Stunden erzählt ist. Dafür aber sprechen Filme – dank der Bilder und der Musik – unsere Emotionen ganz unmittelbar an. Interaktive Medien wie Videospiele fügen der Geschichte wiederum eine weitere Dimension hinzu, unser eigenes Handeln. Wir tauchen selbst in eine Geschichte ein und werden Teil der Handlung.
Ich denke, Mensche mögen es, eine gute Geschichte auf verschiedene Arten und von Zeit zu Zeit ganz neu zu erleben. Man kennt das Phänomen ja: Wir kaufen das Buch zum Film oder sehen uns den Film zum Buch an, obwohl wir die Geschichte doch eigentlich zu kennen glauben. Wir mögen es ganz einfach, eine gute Geschichte mehrfach und aus jeweils neuer Perspektive zu lesen, zu hören, zu sehen oder nachzuspielen. Das wird sich in Zukunft nicht ändern. Die wachsende Zahl an unterschiedlichen Medien bietet uns dazu mehr Möglichkeiten denn je, und ich denke, wir werden diese Möglichkeiten nutzen.
Verändern neue Medien die Geschichten an sich? Werden sie kürzer und serienfähiger in einer Welt, in der niemand mehr Zeit hat, einen 1500-Seiten-Roman zu lesen?
Jedes Medium stellt an eine Geschichte andere Anforderungen, und nicht jede Geschichte eignet sich perfekt für jedes Medium. Die Story eines Videospiels muss Anknüpfungspunkte für interaktives Handeln bieten. Konkret: Super Mario muss den Oberschurken Bowser besiegen, aber auch gegen ihn verlieren können, und beide Möglichkeiten müssen sich unterschiedlich auf den Fortgang des Spiels auswirken. Anders ist das bei Filmen oder Büchern, in denen der Verlauf vorgegeben ist.
Allerdings sehe ich nicht die Gefahr, dass Geschichten nur noch in kleinen Häppchen erzählt werden können. Ein guter, spannender Roman kann uns doch gar nicht lang genug sein – denken Sie allein an die siebenbändige Harry-Potter-Reihe, die sogar die Kids wieder zum Lesen verführt hat. Und zu den erfolgreichsten Videospielen gehören solche, die es den Spielern erlauben, für viele Stunden in eine Fantasiewelt abzutauchen.
Können und sollten Geschichten in E-Book oder Film wie in Games interaktiv beeinflussbar sein?
Interaktivität ist eine tolle Sache. Für Videospiele ist sie natürlich ein absolutes Muss, aber nicht unbedingt für jedes Medium. Es wäre natürlich toll, wenn es in Zukunft auch Romane oder Filme gäbe, die es uns dank neuer Technologien ermöglichten, selbst in die Handlung einzugreifen, aber ich finde, so eine Möglichkeit muss zur jeweiligen Geschichte passen. Ein Autor, der eine wichtige Botschaft hat, dürfte sich auch kaum darauf einlassen, dass sie dadurch verwässert wird, dass jeder sein Werk nach Lust und Laune verändern darf. Daher glaube ich, dass in der Literatur und im Film auch in Zukunft die traditionellen Erzählformen überwiegen werden. Wir alle lassen uns doch einfach viel zu gerne von einem hinreißenden Erzähler verführen.
Die Fragen stellte Annika Klein
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