
Das Fußballindustriegebiet erschließen
- Serie: Ökonomie
Dass die beiden Bundesligisten Borussia Dortmund und Schalke 04 aktuelle Spitzenplätze in der Liga besetzen, mag eine Momentaufnahme sein; wenn auch keine zufällige, und erst recht keine kurzzeitige. Der Fußballstandort Ruhrgebiet ist nicht Hoffenheim, auch nicht Wolfsburg. Er ist gewachsen, und verfügt über einzigartige werthaltige Strukturen, die auch ohne einen einzelnen Gönner oder Mäzen funktionieren.
Und gerade das ansonsten strukturschwache Ruhrgebiet muss sich zunächst auf das besinnen, was es am besten kann: Zum Beispiel Fußball. Denn nirgendwo auf der Welt strömen an den Wochenenden mehr Menschen in die Stadien als dort (zumal wenn man in dieser Angelegenheit die Region zusätzlich und ausnahmsweise auf das angrenzende Rheinland ausdehnt). Nicht mal in London, nicht in Rio de Janeiro, auch nicht in Madrid.
"Das schönste Fußballstadion Europas"
Der BVB etwa verfügt über das größte Stadion Deutschlands, mit dem höchsten Zuschauerschnitt, überhaupt können da nur Real Madrid und Manchester United mithalten. Der Bau wurde von der „Times“ gar zum schönsten Fußballstadion Europas gekürt, und gilt als der eigentliche Heimspielort der deutschen Fußballnationalmannschaft. Auch die Arena Auf Schalke ist ein einzigartiger Ort. Und die Fans der zwei großen Clubs füllen nicht nur die eigenen Arenen; sie gelten als die reisefreudigsten Fans der Liga.
Dann gibt es noch den VfL Bochum, und den MSV Duisburg, und Essen, und Wattenscheid, und den VfB Hüls...., die zusätzlich die Fußballwirtschaft bereichern. Im Übrigen sind vom Ruhrgebiet aus die Wege zu sämtlichen anderen Bundesligastandorten – im Laufe einer Bundesligasaison – die kürzesten. Der Fußball im Pott schafft nicht nur Identität, er schafft auch mehr Jobs als anderswo: In Gastronomie, Handel, bei den Clubs selbst, bis hin zum Journalismus. Schriftsteller, Modedesigner, Greenkeeper und Reha-Praxen leben von dem Sport. Spieleentwickler, Marketing-Spacken, Sportrechteagenturen, Statistikbüros, Hintertorkameraentwickler, Rasenanbauer, die 11 Freunde, der Kicker. Sie alle sollen kommen – ins weltweit einzige Fußballindustriegebiet. Dass der DFB mithin entschieden hat, sein künftiges Fußballmuseum an den Standort Dortmund zu bauen, war eine überfällige Geste an die reiche Fußballkultur der Region. Aber das darf nicht reichen.
Rauball muss seine Truppe den Umzug aus Frankfurt ins Ruhrgebiet abringen: Auch die Politik sollte sich dafür ins Zeug legen. Frankfurt? Eine Stadt, in der Fußball in etwa eine solche untergeordnete Rolle spielt wie in Berlin, wo das Olympiastadion nur voll wird, wenn Schalke oder Dortmund kommen (oder Bayern…). „Hertha? Dat is doch Paralympics“, sagt mein Nachbar Hannes immer. Der hat früher auf´em Pütt gearbeitet, ein echter Bergmechaniker, den es als Hausbesetzer aus Herne nach Kreuzberg verschlagen hat. Heute ist er Hausmeister, und immer noch Schalker. Einer der vielen Ruhris, die Samstags heimweh haben. Wenn der die DFL oder der DFB schließlich ins Ruhrgebiet umzieht, überlegt Hannes es sich vielleicht auch wieder. Wir streiten öfter darum, wo die Jungs dann ihr teures Büro beziehen sollen: in Gelsenkirchen oder in Dortmund.
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Foto: Oneflash (Profil bei piqs)
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