
Das Ende der Einbahnstraße
Die Suche nach den Migranten im Kulturbetrieb führt zur Kernfrage der Gegenwart: Wie miteinander leben?
Kunst und Kultur begreifen sich nicht nur selbst als Vorreiter jedes Gemeinwesens, sie sind es auch: Hier werden künftige Lebensentwürfe und Gesellschaftsmodelle skizziert, ausprobiert, etabliert. In der mobilen Welt des 21. Jahrhunderts bewegen sich zudem nicht nur die Informationen in ungeahnter Menge und Geschwindigkeit, sondern auch die Menschen selbst. Ob aus freien Stücken oder gezwungenermaßen, ob aus wirtschaftlichen oder politischen Gründen: Aus dem Planet der Affen ist ein Planet der Migranten geworden. Das müssen jetzt nur noch die Dagebliebenen lernen.
Vor gut vier Monaten begann diese Serie mit ein paar Fragen zur Rolle der Migranten im Kulturbetrieb des Landes: Stehen sie auf oder sitzen sie vor den Bühnen? Hängen sie die Bilder nur an die Wände oder bestimmen sie auch, welche und wo in unseren Museen zu sehen sind? Schicken die Erwachsenen allenfalls ihre Kinder in die Bibliothek, oder kommen sie selbst? Was leihen, was lesen sie dann – und wer sucht das aus? Schließlich: Wer entscheidet eigentlich über all das, in Ministerien, Landschaftsverbänden und Kulturämtern? Die wenigsten Antworten waren eindeutig, die Tendenz aber klar: In der ach so toleranten und integrativen Kulturszene gibt es nicht so viele Migranten wie in der Gesamtbevölkerung – und vor allem nicht die gleichen.

Menschen mit Migrationshintergrund, das "sind" zurzeit ungefähr ein Viertel der Einwohner Nordrhein-Westfalens. Auch in den staatlichen Kulturinstitutionen und der Freien Szene finden sich – scheinbar passend – viele "Ausländer": Sie arbeiten in Tanzcompagnien und Musiktheatern, ihre Bilder hängen, ihre Statuen stehen in den hiesigen Museen, die Jüngeren unter ihnen besuchen die Kunsthochschulen.
Doch das sind nur seltenst die Schwestern, Töchter, Brüder oder Söhne der in den letzten Jahrzehnten nach NRW zugewanderten Türken, Russen, Südeuropäer oder Nordafrikaner, also der großen Zuwanderungsgruppen. Stattdessen haben viele von ihnen Wurzeln in New York, Osaka, Helsinki oder Auckland; natürlich auch in Istanbul, Madrid oder Moskau, aber dann haben sie in der Regel dort auch schon ihre Ausbildungen absolviert, erste Engagements oder Erfolge gefeiert und gehören jetzt zu den internationalen Nomaden des globalen Kulturbetriebs. Um Missverständnissen vorzubeugen: Es ist richtig und wichtig, dass NRW für die Künstler der Welt attraktiv ist. Es ist aber nicht gut, dass die Stimmen und Farben eines Viertels der Bevölkerung zwischen Aachen und Bielefeld im Kulturbetrieb weitgehend fehlen.
Interkultur geht nur ohne Dünkel
Es geht natürlich auch anders: Die Stadtbüchereien sind zu interkulturellen Treffpunkten geworden, soziale Orte in Kommunen mit sehr gemischter Wohnbevölkerung. Sie nutzen – auf Umwegen – ausgerechnet die eigentliche Verständigungshürde "Sprache": Mit Vorlesekursen für junge Eltern und Leihgutscheinen für zweisprachige Kinderbücher schaffen selbst kleinere Einrichtungen wie die Stadtbibliothek Bergkamen den Zugang zu vorher geschlossenen Migranten-Zirkeln.

Lebenslüge einer Kulturnation
Dieses Unbehagen vieler Migranten gegenüber den Kulturtempeln ist aber nur ein Grund für ihre Nichtanteilnahme am Kulturleben. Der wichtigste hat zwar auch mit Herkunft zu tun, aber nicht mit Zuwanderung: Kulturelle Teilhabe ist im Kern ein Schichtenphänomen. Zehn verschiedene Milieus unterscheidet das wissenschaftlich anerkannte Raster der Sinus- oder SIGMA-Studien in der deutschen Bevölkerung.
Keine Überraschung: Die gebildeten und/oder besser verdienenden Kreise gehen eher in Theater und Museen, zum Ballett und auf klassische Konzerte, die "bildungsfernen" oder finanziell schwachen in der Regel wenig bis gar nicht – und in dieser Gruppe sind Migranten stark vertreten. Das liegt nicht an deren Dummheit oder mangelndem Ehrgeiz, sondern an Ausbildung und Sozialisierung in ihren Heimatländern (bei den Älteren) oder an sozialer Stigmatisierung und Bildungsferne der Elternhäuser (bei den Jüngeren).
Die daraus resultierende Kulturferne ist allerdings nicht auf Migranten beschränkt: Die Hälfte ALLER erwachsenen Menschen in Deutschland nutzt die öffentlichen Kulturangebote nicht! Und sogar nur fünf Prozent zählen zu den kulturellen Serientätern. Eine der Lebenslügen im "Land der Dichter und Denker" ist die Annahme, diese Zahlen seien mal besser gewesen.
Teilhabe statt Fliehkraft
Aber immerhin: Die andere Hälfte der Bevölkerung nutzt öffentlich finanzierte Kultureinrichtungen. Guckt man nur auf den Teil mit Migrationshintergrund, ist die Zahl aber bestenfalls noch halb so groß, je nach Perspektive. Wenn das kulturelle Leben aber soziale wie kommunikative Funktionen erfüllt, also Menschen zusammen bringt und Ort gesellschaftlicher Reflektion ist, dann darf dabei keine der großen Gruppen dauerhaft außen vor bleiben, ergo: An der Teilhabe von Migranten im Kulturbetrieb muss sich etwas ändern. Entweder, indem mehr von ihnen darin tätig werden. Oder, indem der Betrieb ein anderer wird, um die Kultur(en) aller hier Lebenden adäquat abzubilden. Am besten wäre wohl: von beidem etwas!
Raus aus der Einbahnstraße
"Ich stelle doch niemanden ein oder aus, weil er oder sie von da oder dort kommt!" Dieser Satz des scheidenden Kölner Museumsdirektors Kaspar König, gesprochen beim Kulturpolitischen Dialog des Düsseldorfer Kulturministeriums im Juli vergangenen Jahres, war der Ausgangspunkt unserer Recherchereise zur Rolle der Migranten im hiesigen Kulturbetrieb. Etwa auf der Mitte des Weges ist uns aber auch ein anderer Satz begegnet: "Interkulturelle Kulturarbeit ist keine Einbahnstraße, auf der sich Migranten gefälligst mit unserer Kultur auseinanderzusetzen haben". Der Staatssekretär im NRW-Kulturministerium, Professor Klaus Schäfer, hat ihn bei der Vorstellung des Interkulturkonzeptes seines Hauses im Düssledorfer Landtag gesagt.
Dass diese Erkenntnis sich bis zur höchsten staatlichen Ebene – Kultur ist laut Verfassung Ländersache – rumgesprochen hat, lässt hoffen. Dass mehr Initiativen des Landes, allen voran die geplante Zukunftsakademie in Bochum, ihn fördern (müssen), kann nur gut sein. Wie die Institutionen ihn in ihrer Arbeit mit den Menschen dann in Alltag verwandeln, wird die Frage zumindest mitentscheiden, ob unsere Vielfalt in NRW, in der Republik und in Europa eine wirkliche Stärke ist. Sage später nur keiner, man hätte das nicht wissen können.
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