
Das Arbeiterviertel der Nation
Strukturelle Altlasten im Ruhrgebiet
Warum versteht sich das Ruhrgebiet noch immer als Arbeiterviertel der Nation? Die Strukturen, die einst von den Industriebossen geschaffen wurden, prägen die Region bis heute – baulich wie mental.
Teil 2 eines zweiteiligen Essays. Teil 1 hier.
Das Ruhrgebiet ist der größte auf Industrie basierende Ballungsraum Europas. Es ist außerdem ein geplanter, zu einem bestimmten Zweck entwickelter und geschaffener Raum. Das reiche Kohlevorkommen in der Region machte sie zu einem Anziehungspunkt für Unternehmer, es entstanden Zechen und ganze Zweige sekundärer Industrien. Soviel ist klar. Doch die Konsequenzen dieser Entwicklung sind sehr weitreichend und noch heute in der gesamten Region spürbar.
Materielle und geistige Abhängkigkeit
Die Struktur des Ruhrgebietes, wie es heute ist, wurde durch die Industrie und ihre Bedürfnisse bestimmt. Für die Zechenanlagen und den boomenden Steinkohlebergbau wurden Arbeitskräfte gebraucht. Diese sollten möglichst nahe an den Zechen wohnen, damit sie einen kurzen Weg zur Arbeit und nach Hause und möglichst wenig Ablenkung haben. Aus diesem Bedürfnis entstanden die charakteristischen Arbeitersiedlungen, so genannte „Zechenkolonien“. Die Industriebosse verfolgten mit der Raumplanung ein ganz konkretes, eigennütziges Ziel:

Alles hat seinen Platz
Die gesamte räumliche strukturelle Entwicklung des Ruhrgebiets als Stadt ist demnach von den Bedürfnissen der Industrieunternehmer des 19. und frühen 20. Jahrhunderts geprägt. Und diese Prägung ist noch heute präsent: Die Arbeitersiedlungen stehen heute unter Denkmalschutz, die Trinkhallen, mit denen die Bosse ihren Arbeitern den Lohn direkt am Zahltag noch vorm Werkstor wieder abluchsten, sind ein kultiges Markenzeichen des Potts und die lebendige Vereinskultur vom Schützen- bis zum Gesangsverein ist jedem Ruhri bekannt.
Aber noch viel wichtiger: Alles hat seinen Platz, es gibt homogene, funktional differenzierte Zentren. Hier wird gewohnt, da wird eingekauft, dort wird gearbeitet. Der Strukturwandel und die Schwerpunktverlagerung auf Dienstleistungen nach dem Wegfall der Industrie weichen diese geschaffene Ordnung zwar auf, konnten sie aber dennoch bis heute nicht gänzlich überwinden.
Reflex zum Leuchtturmdenken

Eine weitere, für die Entwicklung der Region besonders fatale Hinterlassenschaft ist das Verständnis von Ordnung, das in Behörden und bei Entscheidungsträgern hier oft sehr ausgeprägt ist: Alles hat seinen Platz und das soll auch so bleiben. Ganz im Sinne der Planer des 19. Jahrhunderts gilt auch heute noch, dass im Wohngebiet gewohnt, im Einkaufsgebiet eingekauft und im „Feiergebiet“ – also an den zuvor ausgehandelten, dafür vorgesehenen Orten – gefeiert wird.
Fehlende Identifikation
Diese unsichtbaren Grenzen zu durchbrechen, ist oft unmöglich. Aber der Trägheit „oben“ steht oft eine gepflegte Indifferenz „unten“ gegenüber: Die Menschen im Ruhrgebiet eignen sich ihren Raum nicht an, sondern warten darauf, dass jemand „von oben“ die Initiative ergreift und entscheidet, wie der Raum gestaltet werden soll. Dass dies oft der Fall ist, zeigt nicht nur die mangelnde Eigeninitiative, sondern auch die fehlende Identifikation mit dem eigenen Viertel.
Während in Berlin und Hamburg die tausenden Zugezogenen sofort auf die Straße gehen, wenn jemand ihnen „ihr“ Spreeufer oder „ihr“ Gängeviertel nehmen will, erträgt man im Ruhrgebiet schweigend, wenn Städte und Investoren nach eigenem Gutdünken über Immobilien, Straßen und Viertel verfügen.
Nicht mehr die Malocher der Nation
Wenn doch jemand die Initiative ergreift und zu ambitionierteren Mitteln des Widerstandes greift (siehe die Besetzungen der Dortmunder Kronen-Brauerei durch UZDO oder des DGB-Gebäudes in Essen durch die Initiative Freiraum 2010), so können die Protagonisten sich nicht auf den Rückhalt in der Bevölkerung verlassen, sondern müssen schnell feststellen, dass sie jenseits eines kleinen, interessierten Kreises von Kulturschaffenden und Intellektuellen weitgehend allein auf weiter Flur stehen.
So wird aber aus dieser Region nicht die „Metropole“, die man sich vorstellt. Denn die ist nicht nur auf Vielfalt, Heterogenität und ungebändigtes Leben auf den Straßen angewiesen, sondern auch auf mündige Bürger, die ein Interesse an ihrem Viertel und ihrer Stadt haben, sich als deren Bürger verstehen und sich einmischen. Davon ist das Ruhrgebiet noch ein ganzes Stück entfernt – es muss erst das Erbe der Industrialisierung abwerfen. Seine Bürger müssen erst verstehen, dass sie nicht mehr die Malocher der Nation sind.
Interview mit Prof. Harald Welzer
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