
Crowdfunding im Journalismus – Erfolgsmodell oder Notlösung?
Noch bestimmt der Konsument und nicht der Prosument
- Serie: CROWDFUNDING FOR CULTURE
Crowdfunding ist nicht per se ungeeignet für die langfristige Finanzierung der Arbeit von Verlagen und Journalisten. Ungeeignet ist es nur für Verlage, Journalisten und jenen Teil der Gesellschaft, der mit der Flexibilität, Kreativität und Nonkonformität der Crowd nichts anfangen kann.

Kriterien für den Erfolg
Alles beginnt bekanntlich mit einer guten Geschichte. Bei Van Bo Le-Mentzel waren es sein fehlendes handwerkliches Geschick und der Wunsch, seiner Verlobten trotzdem die Regale gerade an die Wand montieren zu können. So beschloss er, einen Tischlerkurs an einer Berliner Volkshochschule zu absolvieren, um bei seiner Zukünftigen zu punkten. Ein Brett aus dem Baumarkt und ein Wochenende bedurfte es, um für insgesamt 24,- € seinen eigenen Stuhl zu bauen. Le – Mentzel hatte seine Mission erfüllt – dabei blickt er vergnügt auf seinen Ehering – und war nebenbei so stolz auf sein Werk, dass er es anschließend jedem seiner Freunde zeigte.

7 Schritte des Crowdfundings
Und wie das geht, verrät Van Bo netterweise in sieben Schritten, die im Lego-Prinzip verfasst sind. Man muss also nicht alle Schritte stoisch abarbeiten, der Erfolg könnte aber größer werden, je mehr Punkte das eigene Projekt erfüllen kann.
Schritt 1: Base
Ein inspirierender Wertekanon, welcher von anderen geteilt wird, ist eine feste Basis für den Erfolg des Projekts.
Schritt 2: Chase
Verbindet euer Projekt mit einer Geschichte. Was hat euch dazu bewegt, das Projekt anzufangen? Lasst eure Mitstreiter sich in der Geschichte wiederfinden.
Schritt 3: Face
Gebt eurem Projekt einen griffigen Namen und kreiert ein ansprechendes Logo, welches eindeutig die Verbindung mit eurem Projektziel herstellt. Bestenfalls verfügt ihr auch über ein Gesicht, welches euer Projekt symbolhaft vertritt.
Schritt 4: Place
Schafft einen festen Ort für euer Projekt, an dem die Crowd euch finden kann. Dass kann eine Website sein, aber auch eine Werkstatt oder die Kneipe um die Ecke.
Schritt 5: Trace
Seid transparent und lasst eure Crowd an allen Schritten im Projekt offen teilhaben. Fehler und Probleme sind menschlich und sie können oft durch Transparenz und ein “Verzeihung, bitte” schnell gelöst werden. Sie zu verschweigen schafft hingegen nur neue Probleme.
Schritt 6: Space
Schafft einen Platz für die kreativen Impulse aus der Crowd. Lass Menschen an eurem Projekt teilhaben und versucht einfach, euch nicht als Besitzer des Projekts zu verstehen. Partizipation schafft Vertrauen und erzeugt oft ein Vielfaches an kreativem Potential gegenüber hierarchischen Arbeitsstrukturen.
Schritt 7: Count the days
Lasst euer Projekt immer ein Projekt bleiben. Mit einem klaren Anfang und Ende. So ist es eben, das Leben.
Crowdfunding – eine Notlösung?

So bedürfe es auch heute noch der Expertensicht und der Berufserfahrung eines stabilen Redaktionsteams, um qualitativ hochwertigen Journalismus zu erarbeiten. Schließlich dürfe man auch nicht das gewachsene Vertrauensverhältnis zwischen Journalist und Informationsgeber vergessen, welches durch zu viel Transparenz zerstört oder zumindest stark beschädigt würde. Crowdfunding und Journalismus sprechen seiner Meinung nach zwei unterschiedliche Sprachen, in Analogie zur Luhmannschen Systemtheorie, und können sich nicht wirklich verstehen.
Crowdfunding – eine Randerscheinung?

Crowdfunding – ein Nischenphänomen?
Vielleicht bleibt Crowdfunding aber auch nicht ein Nischenphänomen. Vielleicht hängt es mal wieder nur davon ab, in welcher Struktur und mit welchen Zielen man denkt und handelt. 
Crowdfunding ist also nicht per se ungeeignet für die langfristige Finanzierung der Arbeit von Verlagen und Journalisten. Ungeeignet ist es nur für Verlage, Journalisten und jenen Teil der Gesellschaft, der mit der Flexibilität, Kreativität und Nonkonformität der Crowd nichts anfangen kann.
Dieser Beitrag erschien zuerst am 8. Mai 2012 bei Creative City Berlin. Er stammt von Patrick Widera (Politikwissenschafler, Fundraiser mit Schwerpunkt auf Strategische Entwicklung, Datenbanken und Social Media, Mitarbeiter bei ikosom)
alle Fotos: © Boris Alexander Knop
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