
Crashtest Nordstadt – eine (Zwischen-)Bilanz
Viel gemacht, wenig verstanden
Crashtest Nordstadt kostete Überwindung: Mitmachtheater, Open Air Event, Stadtteilführung und Spieleabend – alles Sachen, die ich nicht gern tue. Dazu: Bei einer Reise nach New York vor vielen Jahren kam ein Freund auf die Idee, eine Harlem Tour zu machen, damals noch nicht gentrifiziert: Apollo Theater und Gospel klang toll.
Die Fahrt fand dann in einem verdunkelten Van mit Abstecher in die Crackhöhlengegend statt, wo es im Schritttempo aus dem Wageninneren zerzauste Gestalten wie im Zoo zu besichtigen gab. Der Gospel danach, neun weiße Touristen in Shorts mit den schwarzen Sängern in einer Kirche, konnte das Gefühl des Glotzens nicht gerade mildern. Seit dem mache ich generell keine Favela- oder Slum- oder Problembezirkstouren – auch wenn sie sozialvertäglich bis -fördernd sein sollen.
Harlem Tour Dortmund?
Das Theater Dortmund führt den Theaterbesucher, der in seiner Mehrheit sicher nicht aus der Nordstadt kommt, in eben jene – tief hinein und herum in ihr. Zu Fuß meist, auf fünf verschiedenen Touren mit ähnlichem Effekt. Wenn hier in einem Van gefahren wird, dann in einem, mit dem auch bulgarische Wanderarbeiter morgens vom Nordmarkt Richtung Arbeitsplatz aufgelesen werden – das immerhin authentisch. Es soll, so eine der Mitmarschiererinnen, außer dem Van auch ein kleines grünes Auto geben, das den einen oder anderen Teilnehmer entführt und in andere Gruppen wieder einspeist. Ein „Nervenkitzel“, wie auch die Tatsache, sich als Kultur- &Theatermenschlein in kunstfernem Milieu mit schlechtem Ruf zu bewegen, zwischen Kneipen und Cafés, die zur Gattung „schangelig“ gehören, wo man Gesichtern und Biografien begegnet, die mit dem Wort „Migrationshintergrund“ oder „sozial problematisch“ weder annähernd noch abschließend zu beschreiben sind.
Gemischtes Portfolio Publikum
Unser Portfolio mit dem Namen „Best Buys Risk“ ist glücklicherweise sehr heterogen zusammengesetzt: Studentin, Dozentin, Erzieherin, Ex-Hauptschüler im freiwilligen sozialen Jahr, zwei Abiturientinnen und der Reporter selbst. Wir werden zu Entertainment-, Private Banking- oder auch Spanferkel-Aktien. Auch die anderen Gruppen – alles in allem wohl 100 Menschen – wirkten beim Get-together zu Beginn in einer ehemaligen Kirche sowohl vom Alter auch von Habitus sehr gemischt. Zum Ablauf des Abends fasst der Satz zusammen: Das meiste versteht man nicht – ist aber egal.
Wir kapieren nicht die SMS mit Kurswerten (Text z.B.: "Private Banking Wert, 16.86, Wert 97.82, Rang 13 von 16, NAX bei 4231.68 (+7.6%)"), die wir ständig bekommen oder was unser Checker Bene da wirklich an dem Spieltisch in der entweihten Kirche treibt – auch nicht, wie unser Tun mit dem zusammenhängen oder unsere Performance mit der der Nordstadtmenschen, die mit uns / für uns spielen und was das ALLES nun wieder mit Theater, dem Universum, der Stadt und dem großen Rest zu tun haben soll. Die Antwort, vermutlich: 42
Gewinnbringende Investition
Spaß macht es aber, wenn auch nicht durchgehend. Die unbeholfene und unbefangene Vorführung der schauspielerischen Fähigkeiten der Gruppe in der ausgelassenen Sparkasse an der Mallinckrodtstraße ist belanglos aber informativ: Hier entsteht ein Altenwohnheim, die Sparkasse hat viele Schlüssel da gelassen, ein alter Hund war mal Model.
Ähnlich ambivalent die Begegnung mit der kleinen Steffi, Regisseurin einer Tatort-Szene vor der Knobelmaus-Kneipe in der Nordstraße. Wir sollen vor der Tür einen Mord mit albernen Requisiten spielen. Als alles zunehmend außer Kontrolle gerät und wir Regisseurin Steffi stressen, dass ihre sozialpädagogische Betreuerin sich schon beginnt Sorgen zu machen, da wird eines klar: Steffi nimmt ihre Aufgabe richtig ernst; wir spielen nur, wir gucken nur. Aus der Erkenntnis möge jeder machen, was er mag.
Interessant wurde es gegen Ende, als die Trinker in der Knobelmaus Richtung der Wirtin maulen: „Morgen, wenn Fußball ist, sind die Fuzzis aber nicht hier!“ Nee, bestimmt nicht, möchte man antworten, da hab auch ich besseres zu tun – kommen wir aber nicht zu, wir müssen weiter: Für junge Leute mit Namen Rani, Ali Khan, Fati usw. in einem Schrebergarten als Facebook-Postings rumrennen und sinnlose Nachrichten weitergeben. Bleibendes Bild da jedoch die alte Frau auf dem Laubenpieper-Acker beim Ernten von Gemüse – zwischen Tanke und Industriebrache und vollkommen unbeeindruckt von den Irren mit ihren Papptafeln.
Cristiano Ronaldos Trick
Also weiter zum Zwangsspielen mit Nordstadtkids in einem Innenhof mit Schaukel und Bolzplatz. Wettkampf: Zwei Portofolios sollen in 8 Minuten so viele Kinder wie möglich bespaßen und sich von ihnen das Engagement abzeichnen lassen. Die mit mehr Strichen gewinnen – was unserer Gruppe mit
Erzieherin und Kinderpfleger deutlich gelingt. Den Kids war es egal, Hauptsache Action – auch wenn mancher von uns sich fragte, was die um halb 10 abends noch allein draußen machen. Eine typische Nicht-Nordstädter-Frage? Auch hier bleibt ein Moment stehen: Wie eins der Kids mir haarklein den Trick von Cristiano Ronaldo beim Freistoß vorspielt. Auf die Frage „Spielst du im Verein?“ antwortet er: „Hab ich mal, jetzt nicht mehr.“ Hinter dem Schweigen auf weitere Nachfragen spürt man eine Geschichte, die nicht Theater ist, sondern Nordstadtscheißleben, das trotz der embedded Begegnungsfreude an manchen Stellen durchschimmert.
Erkenntnisgewinn
Am Ende: Anspruch und Wirklichkeit des Crashtest berührten sich hin und wieder: Wir sehen sie an, sie sehen uns an – und wir beginnen zu reden. Aber verstehen? Weiß ich nicht. Der Banken- und Aktienrumba, den das Stück als Metaebene veranstaltet, ist der schwächste Teil der Idee. Braucht es nicht für das Gefühl, nichts zu kapieren vom Warum und Wie in der Bankenwelt oder in der Nordstadt. Um bei der Analogie zu bleiben: Was wir in der Nordstadt sehen können, ist was wir über Bankenkrise in der Zeitung lesen: Ereignisse, deren Interpretation unsere Kenntnisse meist übersteigen – weshalb wir bald die Lust verlieren, uns damit ernsthaft zu beschäftigen. Das immerhin hab ich verstanden.
Ende September startet Teil 2 des Crashtests - wir werden da sein.
CRASHTEST 2
rückkehr zur nordstadt
Start/Finish: (ehem.) Neuapostolische Kirche, Braunschweiger Straße 31-33
Premiere am Fr., 28. September 2012
Weitere Vorstellungen:
| Sa., 29. September 2012 | |
| So., 30. September 2012 | |
| Do., 4. Oktober 2012 | |
| Fr., 5. Oktober 2012 | |
| Sa., 6. Oktober 2012 | |
| Fr., 12. Oktober 2012 | |
| Sa., 13.Oktober 2012 | |
| So., 14. Oktober 2012 |
Fotos: (c) Caravante
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Lieber Nordstadt
Scheißleben
Danke auch für Ihre Antwort.
Sie haben also nichts kapiert