Coworking-Projekte in Berlin und Dortmund: Kreative Zellen

In Dortmund öffnet im Mai mit der "Ständigen Vertretung" ein Ort für Coworking – der erste weit und breit. In Berlin ist das Coworking bereits eine gängige Art des kreativen Arbeitens – etwa im Kreuzberger Betahaus.

Die meisten Kunden vom „Autohaus Moritzplatz“ haben wohl immer noch keine Ahnung, was in dem unscheinbaren Bürogebäude nebenan so los ist. „Was machen denn all die rauchenden jungen Leute mit den Kaffebechern vor der Tür?“, wollte ein Dieselfahrer wissen, der dort im vergangenen Jahr wie ich auf die Nachrüstung eines Partikelfilters wartete. „Mensch, das ist doch Deutschlands größter Coworking Space: Die sind nur mal schnell vor die Tür gegangen – eine rauchen!“, antwortete ein junger Mechaniker im ölverschmierten Overall. „Hääh? Ko- was?“, stand es dem Dieselfahrer ins Gesicht geschrieben. Aber er hat nicht weiter nachgefragt. „Betahaus“ steht nüchtern auf der Fassade des Hauses geschrieben, in dem früher eine Fabrik für Putzlappen steckte. Bis ein paar junge Kreative, die sich ein bisschen in der Welt umgesehen hatten, auf die Idee zu ihrem Betahaus kamen, die inzwischen auch in andere deutsche Städte exportiert wurde.


Was heißt hier eigentlich Coworking?

Tatsächlich gibt es keine offizielle Definition des Coworking Space, aber diejenigen, die zum Kreis der potenziellen Nutzer gehören, wissen sämtlich, worum es geht: „Coworking ist in erster Linie etwas für Freiberufler und andere Einzelkämpfer, aber nicht ausschließlich. Coworking beinhaltet einen physischen Ort an dem sich Coworker treffen um zu arbeiten, es ist damit nicht rein virtuell, kann die virtuelle Zusammenarbeit allerdings beinhalten. Die Ursprünge des Coworking finden sich bei den Web-Arbeitern, die mit einem Laptop und einem Internetanschluss überall auf der Welt einsatzfähig sind“, heißt es zum Beispiel in den virtuellen Coworking-news. Leider ist dieser Kosmos total von Anglizismen verseucht, was wohl auch daran liegt, dass dies die lingua franca der meisten Nutzer dieser Orte ist. Denn Coworking ist international, zumindest in Berlin, wohin viele Kreative aus aller Welt kommen und kein Deutsch sprechen. Deshalb gehört zu den besonderen Eigenschaften von Coworking Orten auch die „Cross-pollination“, also das gegenseitige Bestäuben der Coworker, welches in Kooperationen und Synergien münden kann.


Ein vorübergehender Ort des kreativen Tuns

Das behaupten zumindest viele Coworker, die Vermarkter der Spaces sowieso. Zumindest findet im Betahaus ein reger Austausch über alle möglichen Projekte statt, der sich auch ins Web ausdehnt. Das Betahaus also ist angeblich Deutschlands größter Coworking Space. 150 Menschen arbeiten dort, vom Webdesigner über Journalisten bis zum Start-up-Gründer. Die meisten haben keine eigenen Büros, sie mieten nur Schreibtische an: Monatsweise (149 Euro), wochenweise (49 Euro) oder tageweise (12 Euro). Telefon, Internet – alles drin. Wer allerdings seinen festen Schreibtisch haben will, auf dem die Kaffeetasse schon mal stehen bleiben kann, zahlt 229 Euro im Monat. Das ist ein bisschen mehr als ein Platz etwa in vielen Journalistenbüros in Berlin kostet. Vor Jahren hätte ich mir auch so einen Ort gewünscht, in Minsk etwa, wo sich in den Internetcafés kreischende junge Damen zum gruppenweisen Internetchat mit ihren (noch) virtuellen Männerbekanntschaften aus Stockholm oder Gummersbach tummelten. In Krakau, wo mich beim Arbeiten in den WLAN-Kneipen am „Nowy Plac“ die Musik unglaublich genervt hat oder in Mexiko-Stadt, wo die adipösen Teenager beim vernetzten Ballerspiel im Internetcafe lauter waren als der Zuschauerlärm des „Lucha libre“ im Coliseo, über den ich anderentags zu berichten hatte. Überall dort hätte ich mir sehnlichst einen ruhigen Arbeitsplatz für 12 Euro am Tag gewünscht.
 

Ein Coworking-Ort für jede Stadt

Aber eigentlich arbeite ich immer noch am liebsten zuhause. Ich werde auch den Eindruck nicht los, dass die Nutzer des Betahauses zwar junge kreative Menschen sind, die meisten von ihnen aber mit ihrem Tun noch keine dauerhafte Existenz ausfüllen. Viele von ihnen sind auch nur zeitweilig in Berlin, projektbezogen, oder um etwas von dem kreativen Geist einzufangen, der dieser Stadt nachgesagt wird. Aber ganz sicher ist es ein Ort der Kommunikation. Und: Für eine moderne Großstadt sollte so ein Ort inzwischen zum Standard der lokalen Infrastruktur gehören. Wie der Hauptbahnhof oder ein Hostel.


Coworking im ehemaligen Ordnungsamt

Das fanden wohl auch die Akteure der umtriebigen Agentur Heimatdesign, die in Dortmund schon seit Jahren für regionales Design steht, sowie für die Verbindung verschiedener Ausdrucksformen von Kreativität, wie Fotografie, Grafik oder PR. Ihr Shop am Hohen Wall, in den Räumen des ehemaligen Fundbüros (ganz in der Nähe vom Dortmunder U), gilt inzwischen als kreative Visitenkarte der Stadt. In der Etage darüber richten sie nun ab Mai auch einen Ort für Coworking ein: 30 Arbeitsplätze und ein paar abgetrennte Büros für 20 Leute. „Damit sind wir dann die erste Einrichtung dieser Art im Ruhrgebiet“, sagt Marc Röbbecke von „Heimatdesign“. 15 Euro am Tag wird es kosten, dort zu arbeiten (230 Euro monatlich), wo vor Jahren noch Kreativität strukturell verhindert wurde, unterbunden, im Keim erstickt. Von einer Bürokratie, die ihren gehörigen Teil dazu beigetragen hat, dass Kreative lange Zeit aus dem Ruhrgebiet geflüchtet sind.

Insofern wird dieser Ort, der den Namen „Ständige Vertretung“ trägt, für den Mentalitätswandel stehen, der in Dortmund wie in anderen Ruhrgebietsstädten noch längst nicht vollzogen ist. Wenn es gut läuft, sollen weitere Etagen des leer stehenden fünfstöckigen Bürohauses für Coworking genutzt werden – also nach und nach. Wer sich also künftig eine Bild vom Zustand der kreativen Klasse im Ruhrgebiet machen möchte, sollte gelegentlich in der „Ständigen Vertretung“ vorbeischauen. Ist sie gut besucht, gibt es viele Kreative in der Stadt. Steht sie leer, dann gibt es hier keine Kreativen mehr – oder sie haben alle einen festen Job.


Fotos: Daniel Seiffert, Betahaus

 


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Do, 07.04.2011 6

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Kommentare

Bei den meisten "freien"

Bei den meisten "freien" Berufen verdient man kaum mehr als das Salz in der Suppe! Viele Erwerbslose werden von der Arbeitsagentur in eine von vorneherein aussichtslose Selbstständigkeit gedrängt, damit die Statistik frisiert werden kann. Insofern ist die Überschrift "Schöner arbeiten" angesichts der Realität des ach so freien Prekariats durchaus zynisch. Bezeichnend ist die Situation bei Tageszeitungen: Dort sind "Honorare" von 28 Cent pro Zeile (brutto!) und noch weniger Standard.

leider nicht ganz korrekt:

leider nicht ganz korrekt: „Damit sind wir dann die erste Einrichtung dieser Art im Ruhrgebiet“ ...im ruhrgebiet sowieso nicht und in dortmund die zweite: http://cowodo.de/news/eroeffnung
ist schon klar, dass das ne ganz andere liga ist aber man wird ja wohl noch klugscheißen dürfen. ;)

Loggopädie

War falsch eingeloggt. Wie gesagt: Schönes Leben macht so einiges richtig.

Schönes Leben hat's

@Christian: Warum es Neueröffnungen in Großstädten gibt, seien es Hotels oder Cafés, die kein freies W-LAN bereitstellen, ist mir nebulös bis unerklärlich. Vollpfosten, gastronomische! Ich kann Dir aber den Tipp geben, dass "Schönes Leben" im DO-Kreuzviertel (Neuer Graben/Liebigstr.) so tickt. Ein verehrter Kollege von uns hat dort gar Teile seines Buchs geschrieben; ja, in Großstädten müsste es an jeder Ecke so ein Kaffeehaus à la k.u.k.-Literaturfabrik geben und die Co-Working-Häuser dann wirklich für die erweiterte Infrastruktur mit richtigem Schreibtisch etc.

co-caffeing

ich denk, was dortmund mal eher bräuchte, wären ein paar schöne cafés die einladen, ein paar stunden in der gesellgen einsamkeit zu arbeiten, schreiben, denken, lesen. gibt es so gut wie gar nicht. die meisten machen sowieso erst nachmittags auf. auch im angeblich so kreativen kreuzviertel. wenn die dann noch wlan hätten schön. muss ja nicht gleich so hype-checker-wir-sinds!-mässig werden wie im St. Oberholz in Berlin. Aber für 15 Euro am Tag kann man auch eine Menge leckeren Kaffe trinken. da vermutlich ohne die "cross-pollination" via arbeit am apple anderer "wir nennen es arbeit" kreativen, sondern eher mit nicht-hipstern am nachbartisch. früher nannte man das gespräch.

Bei den meisten "freien"

Bei den meisten "freien" Berufen verdient man kaum mehr als das Salz in der Suppe! Viele Erwerbslose werden von der Arbeitsagentur in eine von vorneherein aussichtslose Selbstständigkeit gedrängt, damit die Statistik frisiert werden kann. Insofern ist die Überschrift "Schöner arbeiten" angesichts der Realität des ach so freien Prekariats durchaus zynisch. Bezeichnend ist die Situation bei Tageszeitungen: Dort sind "Honorare" von 28 Cent pro Zeile (brutto!) und noch weniger Standard.

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11.02.2010

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