Community Promotion: Wandel durch Abwanderung - Hamburg als Vorbild für das Ruhrgebiet

Vor zehn Jahren gründeten Dirk Wilberg und Ansgar Glade in Dortmund die Firma Community Promotion, die heute zum einen als Musikpromotion-Agentur agiert, sich aber auch als Musikverlag für die Förderung junger Talente einsetzt.

Mitten im Kulturhauptstadtjahr und in einer Zeit, in der sich die Kreativwirtschaft im Ruhrgebiet auf dem Sprung zur Musik-Metropole wähnt, zog Community Promotion Anfang Juli mit der gesamten Belegschaft (vier Festangestellte, drei Auszubildende und zwei Honorarkräfte) nach Hamburg.


2010.LAB.TV bittet Inhaber Dirk Wilberg um Aufklärung über die Hintergründe der Abwanderung und um seine Meinung zur Lage der Musikwirtschaft im Ruhrgebiet.


Dirk, Anfang Juli seid ihr von Dortmund nach Hamburg gezogen. Was waren die Gründe für euren Umzug?

Wilberg: Die Entscheidung zu einem Standortwechsel war in erster Linie privat begründet.
Allerdings gibt es sicher auch einen geschäftlichen Vorteil, jetzt mit unserer Agentur in Hamburg ansässig zu sein, weil die Stadt neben Berlin und Köln zu den wichtigen Metropolen in Sachen Musik in Deutschland zählt.


Du bist also der Meinung, dass das Ruhrgebiet in dieser Hinsicht nur in der 2. Liga spielt?

Wilberg: Auf jeden Fall gibt es in dieser Hinsicht noch einigen Aufholbedarf für das Ruhrgebiet, den auch eine RUHR.2010 nicht aus der Welt schafft. Ich glaube, diese Meinung teilt auch jeder, der sich ernsthaft mit der Materie Musik- und Kreativwirtschaft auseinandersetzt.

Es wäre natürlich schön, wenn es anders wäre, und es gibt ja durchaus auch Bemühungen in diese Richtung, z.B. haben wir in Dortmund versucht, zusammen mit einigen lokalen Firmen, unterstützt durch die Wirschaftsförderung und dem Kulturbüro der Stadt Dortmund, den Verein „Musikwirtschaft Dortmund“ auf die Beine zu stellen.


Was hat dazu geführt, dass die „Musikwirtschaft Dortmund“ letztlich nicht die Ziele erreicht hat, die sie sich gesetzt hatte?

Wilberg: Neben Michael Lohrman vom Visions Verlag, Manfred Tari (Pop 100) und mir als Vorsitzende gab es noch ca. 20 weitere Unternehmen, die sich zu dem Verein zusammengeschlossen hatten. Allerdings braucht es für solch eine Initiative immer auch Leute, die sich ehrenamtlich engagieren.

Und da wurde es für fast alle Mitwirkende aus zeitlichen Gründen schon schwierig, da jeder natürlich in erster Linie sein Unternehmen zu führen hat – der Verein war ja keine Sammelbeck arbeitsloser Musiker, sondern eine Gruppe von erfolgreichen Dortmunder Musikunternehmen, in deren Fokus die Verbesserung des Standortes für Unternehmen aus der Musikwirtschaft stand.


Standortpolitik ist kein Kaffeeklatsch


Rückblickend betrachtet hätte man meiner Meinung nach den Verein nur dann zu einem erfolgreichen Instrument machen können, wenn z.B. über öffentliche Fördergelder eine feste Stelle geschaffen worden wäre. Also eine Art Vollzeit-Popbeauftragten, wie es ihn in anderen Städten wie z.B. Augsburg, Mannheim oder Stuttgart auch gibt. Einen Standortnachteil egalisiert man nicht nebenbei beim gemeinsamen Kaffeeklatsch.


Welche Chancen räumst du nach den Erfahrungen, die du gemacht hast, der vor wenigen Monaten gegründeten
Ruhr Music Commission ein?

Wilberg: Aus Gesprächen mit Kollegen weiß ich, dass dort bislang auch noch nicht all zu viele konkrete Ergebnisse erreicht wurden. Die Kommission trifft sich regelmäßig, aber das gefühlt auch eher unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Richtig konkrete Ergebnisse scheinen da noch nicht vorzuliegen, zumindest ist bis zu mir noch nichts vorgedrungen.

Ein anderes, positives Beispiel ist hingegen die vom Bund ins Leben gerufene „Initiative Musik“, wo es Fördermittel gibt, die durch ein relativ leichtes Verfahren an Labels und Künstler ausgezahlt werden. Das, was hilft, sind konkrete Maßnahmen.

Nette Gesprächsrunden gibt es zu Genüge, viele nutzen diese dann auch eher als Profilierungsbühne als das sie ein Interesse haben, sich gemeinsam stark zu machen und Probleme anzugehen. Ich kann die Ruhr Music Commission nicht genau einschätzen, da ich bislang weder eingeladen noch über Ergebnisse informiert worden bin, und möchte deshalb auch keine Kritik äußern, aber konkrete Ergebnisse hab ich wie gesagt bislang noch nicht gesehen.

Der Blick nach Hamburg zeigt, wie es gehen kann - hier gibt es eine Reihe von konkreten Maßnahmen, wie z.B. das Musikhaus Karostar, die Labelförderung, die Zuschüsse für den Verein RockCity oder den Livemusik-Fonds, bei dem kleineren Clubs die GEMA-Zahlungen finanziert werden. Das sind Maßnahmen, die ganz konkret Hilfestellung bieten. Solche Basismaßnahmen fehlen in Dortmund leider völlig.


Ein anderes Beispiel ist das „neue“ FZW
, das, wie es aktuell aussieht, in seiner bisherigen Form an die Wand gefahren zu sein scheint und nun mit der Übergabe der Verantwortung an die Westfalenhallen vor der feindlichen Übernahme der Privatwirtschaft gerettet werden soll.

Wilberg:
Dazu hatten wir als eine der wenigen Aktionen unseres Vereins „Musikwirtschaft Dortmund“ zu einer Gesprächsrunde geladen. Es war ein Thema, das uns sehr auf den Nägeln gebrannt hat. Zu dem Gespräch waren dann diverse Leute, u.a. von den Westfalenhallen, aber auch mehrere private Veranstalter und die Presse geladen. Das war eine sehr hitzige Debatte, die auch, wie vorhin angesprochen, eher zur Selbstdarstellung und zum Dampf ablassen genutzt worden ist. Es ging darum, seine Meinung durchzudrücken, anstatt das Ganze zu sehen.

Generell ist das FZW eine super Location. Genau das, was in Dortmund im Live-Bereich gefehlt hat. Was da in der ersten Zeit an Konzerten stattgefunden hat, hat meiner Meinung nach in den letzten zehn Jahren für die angesprochene Zielgruppe nicht stattgefunden. Der Laden ist perfekt für Konzerte. Es ist nicht der gemütlichste Club. Das soll es aber glaube ich auch gar nicht sein. Man hat einen guten Sound, man kann vernünftig gucken, man hat moderate Preise. So stelle ich mir eigentlich eine Konzert-Location vor.

Nicht in die Oberliga absteigen


Dass das jetzt alles schwierig ist, weil da ein eventuell unglückliches Betreibermodell existiert, kann man sicherlich kritisieren. Aber das eine sollte man vom anderen trennen. Wer das FZW betreibt, ist mir als Konzertgänger letztlich egal. Es spricht nicht unbedingt etwas dagegen, wenn so etwas in öffentlicher Hand ist, es spricht aber eigentlich genauso wenig dagegen, wenn es in privater Hand ist. Für beide Varianten gibt es aus anderen Städten gelungene Beispiele.

Durch die verfahrene politische Situation ist es so, wie es jetzt ist, etwas unglücklich. Aber man muss bei allen Diskussionen die musikbegeisterten Menschen in Dortmund und Umgebung im Auge haben. Für die ist das FZW genial - wenigstens ein vernünftiger Laden, wo anspruchsvolle Konzerte von überregionalem Format stattfinden können. Der sollte auf jeden Fall irgendwie erhalten bleiben, wenn Dortmund in Punkto Musik nicht noch in die Oberliga absteigen will.


Wie schätzt du die Zukunft des Musikstandorts Ruhr ein?

Wilberg:
Ein Manko des Ruhrgebiets ist es sicher, dass es viel zu wenig Auftrittsmöglichkeiten gibt. Ich weiß nicht, wie es mit Proberäumen aussieht. Was ich als Musikverleger sagen kann: Wir haben in zehn Jahren nur eine einzige Band aus dem Ruhrgebiet unter Vertrag genommen. Das ist bezeichnend.

Wenn man Musikmetropole werden will und zumindest mit Köln - Hamburg und Berlin sind da noch einmal eine ganz eigen Liga – annähernd gleich ziehen will, dann muss es wichtige Bands aus der Region geben. Es gibt schon viele Bands im Ruhrgebiet, aber keine, die – überspitzt gesagt – relevant ist für etwas Größeres als den Auftritt um die Ecke.

Das hängt auch damit zusammen, dass es nur wenige Auftrittsmöglichkeiten gibt. Wenn ich eine geförderte Clublandschaft hätte, sehe das vielleicht anders aus. Genau da muss man ansetzen. Dieser Ansatz von oben, RUHR.2010, ist einer, aber es muss eigentlich auch einen Ansatz von unten geben. Da müssen keine Millionen fließen.

Wenn man einen Popbeauftragten installiert, der im Jahr vielleicht 40.000 € im Jahr kostet und den gleichen Betrag in die Clubförderung steckt, ist das im Vergleich zum Budget von RUHR.2010 lächerlich. Vor dem Hintergrund der aktuellen Politik ist eine Finanzierung aber natürlich schwierig. Es gibt eine Haushaltssperre und zudem jetzt den Politikwechsel.

In Hamburg gibt es neben Förderungen aber auch Eigeninitiative, z.B. haben sich eine Reihe von Clubs und Veranstaltern zu einem Clubkombinat zusammengeschlossen. Die bringen u.a. einmal im Monat ein Poster heraus, das an allen öffentlichen Stellen hängt, und auf dem findet sich das Monatsprogramm der Clubs. Solche Kleinigkeiten meine ich, die einfach umzusetzen sind. Daran scheitert es im Ruhrgebiet schon.


Du plädierst also für einen Ausbau der Kommunikation und eine besserer Vernetzung?

Wilberg: Auf jeden Fall. Die ganzen Clubs unter ein Dach zu bringen, wäre sicher ein Anfang. Aber das wird nicht klappen, weil jeder hauptsächlich seine eigenen Interessen im Kopf hat. Natürlich muss jeder seine eigenen Ziele verfolgen, aber durch eine Zusammenarbeit gibt man die nicht auf. Ganz im Gegenteil. Ein gutes Beispiel auch die aktuelle Sperrstunden-Regelung in Dortmund: da müsste man meiner Meinung nach gemeinsam gegen vorgehen, denn das betrifft ja nicht nur die Club- und Barbetreiber.

Wenn ich kreative Menschen z.B. mit der RUHR.2010 in die Region locken will, sind die spätestens dann wieder aus dem Pott verschwunden, wenn sie zum dritten Mal wegen der Sperrstunde ins Bett geschickt werden. Kreativwirtschaft braucht Kreative, und die auch ein gewisses Maß an „künstlerischer Freiheit“…

Fotos: Community Promotion

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Channel: Ruhr Music
Mi, 04.08.2010 0

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05.01.2010

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Mehr als 5 Millionen Einwohner erleben zurzeit, wie ihr postindustrielles Ruhrgebiet im Westen Deutschlands sich zum spannenden europäischen „place to be“ wandelt. Eine werdende Metropole im Selbstfindungsprozess nach der Kulturhauptstadt 2010. Besondere Kennzeichen: Industriekultur als Teil des kollektiven Gedächtnisses – und als inszeniertes Massenereignis.

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