Christof Schreckenberg - Starthelfer für Kultur- und Kreativpiloten

Im Auftrag der Bundesregierung soll Christof Schreckenberg die Kultur- und Kreativwirtschaft von NRW stärken. Ein Gespräch im Unperfekthaus in Essen.


Jens Kobler:
Ihr Titel ist „Ansprechpartner NRW des Kompetenzzentrums Kultur- und Kreativwirtschaft des Bundes“. Wo sind Ihre Kompetenzen, wo die Grenzen der Handlungsmöglichkeiten?
 
Christof Schreckenberg: Das Ganze ist ein Pilotprojekt, in dessen Rahmen vieles zunächst ausgetestet werden muss. Als Einzelperson, die für NRW zuständig ist, kann es von Vorteil sein, nicht gleich mit einem ganzen Stab anzurücken – denn es gibt ja bereits existierende Strukturen. Das Anliegen ist eben genau, etwas Ergänzendes zu bieten und keine Konkurrenz aufzumachen.
 
Jens Kobler: Wie ich weiß, gibt es da von der Einzelberatung für Kreative bis hin zu Terminen mit Start Up Zentren und anderen Institutionen vielerlei Handlungsebenen. Wird also tatsächlich möglichst „auf allen Ebenen angegriffen“?
 
Christof Schreckenberg: Am 1. März hat meine Arbeit begonnen, und da gab es zunächst Treffen auf der politischen Ebene, und zwar von oben nach unten: Mit dem Wirtschaftsministerium und der Staatskanzlei in NRW, dann auf der kommunalen Ebene mit den verschiedenen Wirtschaftsförderungen, Industrie- und Handelskammern und den Kulturämtern vor Ort. Das hat einige Wochen in Anspruch genommen, aber immer mit dem Ziel, letztlich in Orientierungsberatungen zu kommen. Es geht darum, die ganze Sache zu erden, indem in die Szenen hineingegangen wird. Auf der Makroebene wiederum gab es ja eine gewisse Hebelwirkung dadurch, dass elf Branchen unter Kreativwirtschaft subsumiert wurden. Bezogen auf die Bruttowertschöpfung und Anzahl der Erwerbstätigen erreicht sie damit eine Größe, die zwischen Automobil- und Chemieindustrie liegt. In diesen großen Industriesektoren gibt es Beschäftigungs- und Wirtschaftsförderungsprogramme, im kreativen Sektor wird ein vergleichbares Level bislang nicht erreicht. Man will die Kultur- und Kreativwirtschaft nicht bevorzugen, sondern nur angemessener Weise ein Stück weit gleichziehen. Dabei ist die moderne Arbeitsrealität von Kleinunternehmern und Freiberuflern sehr wichtig, die eben nicht den klassischen Mustern entspricht, aber als zukunftsträchtig angesehen wird.
Genau das war der Punkt, an dem 2007 die Initiative Kultur- und Kreativwirtschaft gegründet wurde. Im Rahmen einer bundesweiten Studie im Auftrag des BMWi wurden dann 2009 die Handlungsempfehlungen ausgesprochen, regionale Anlaufstellen zu eröffnen, die mit regionalen Netzwerken unterfüttert werden sollen. So entstanden nach dem bundesweiten Kompetenzzentrum auch die Regionalbüros.
Meine Sprechstunden, die ich anbiete, sind eine Basisorientierung, die einerseits für angemessene Weitervermittelung sorgen, andererseits sind alle regionalen Ansprechpartner – wie ich – Leute, die vorher schon in freien Szenen selbst etwas aufgebaut haben. Manche haben etwas im Filmbereich gemacht, andere in der Musikwirtschaft, Quartiersmanagement, dem Kunst- und Theaterbereich oder haben ein eigenes Modelabel betrieben. Hier ergänzen sich vielfältige Kompetenzen und wir verstehen uns als Team.
 

 
Jens Kobler: Als Freiberufler zum Beispiel trifft man ja sehr oft auf diese Beamten- und Angestelltenmentalität von Leuten, die sich Lebensentwürfe jenseits von 40h-Wochen zu geregelten Zeiten, jahrelang, für jemand anderes und immer denselben, gar nicht vorstellen können. Deshalb also hier keine Behörde. Bedeutet das auch, dass diese Strukturen nicht zu komplizierten Komplexen auswachsen sollen, vielleicht sogar irgendwann wieder verschwinden werden?
 
Christof Schreckenberg: Der Ansatz ist ein langfristiger, obwohl das Projekt zunächst auf drei Jahre begrenzt ist. Die Signalwirkung ist aber auch nicht zu unterschätzen. Es sind bundesweit bis heute mehr als 650 Beratungen gemacht worden, und das entgeltfrei. Bei meinen Kollegen und mir sind auch grundsätzlich zwei Ebenen vorzufinden: Dass man sich für das Kreative und Künstlerische, aber auch für das Wirtschaftliche interessiert und auch Erfahrungen vorweisen kann. Das ist tatsächlich wichtig, da die Besucher schnell merken, ob jemand Stallgeruch hat, authentisch ist. Wir wiederum können mit allen reden, ob es um die reine Existenzsicherung eines Kleinunternehmers geht oder um jemanden, der größere Ambitionen hat.
 

 
Jens Kobler: Nun hat man ja öfter den Eindruck, dass die Bundesregierung sich dann kümmert, wenn a) eine Katastrophe vermieden werden soll oder b) etwas wirtschaftlich ausnutzbar ist. Geht es also mehr um die Vermeidung von Firmenpleiten oder um Professionalisierung im Sinne der guten alten Standortförderung?
 
Christof Schreckenberg: Es geht auch um die Kommunikation zwischen verschiedenen Ebenen, und die Vermittlung dessen, was in den jeweiligen Szenen so passiert und an Potentialen vorhanden ist. Gleichzeitig soll gegenüber der Wirtschaftsförderung ein Bewusstsein dafür geschaffen und das Verständnis verbessert werden, welche Bedürfnisse Kreative haben. Da kann es auch um Kreditwürdigkeit gehen oder um die Marktfähigkeit kreativer Produkte. Uns ist es wichtig, in Beratungen auf Netzwerke zu verweisen, wo sich Kreative branchenübergreifend austauschen und als Unternehmer partnerschaftliche Beziehungen aufbauen können. Es darf an den Szenen nicht vorbei geplant werden, und daher auch diese Basisorientierung. Die Zugangsfähigkeit der Kreativen zur Wirtschaftsförderung soll verbessert werden, man ist also Kommunikator zwischen den Interessengruppen. Gleichzeitig wertet das Kompetenzzentrum selbst natürlich die Erfahrungen aus und gibt Empfehlungen dafür, wie Effizienz und Basisnähe verbessert werden können.
Mit unserem neuesten Projekt, den „Kultur- und Kreativpiloten Deutschlands“, haben wir auch keinen klassischen Förderwettbewerb ausgeschrieben, sondern es geht auch um den persönlichen Hintergrund und das eigentliche kreative Potential. 32 Projektideen werden von einer Jury mit unterschiedlichen Kompetenzen und aus den verschiedenen Regionen ausgewählt, und diese erhalten als Gruppe Workshops und individuelle Screenings. Das hat durchaus den Charakter eines individuellen training on the job. Sie werden miteinander vernetzt, es gibt neue best practice Beispiele und natürlich für die Preisträger einen äußerst wertigen Titel. Dabei wollen wir nicht nur den Gewinnern die Möglichkeit bieten, sich stärker zu vernetzen, sondern allen, die am Wettbewerb teilnehmen.
 

 
Jens Kobler: Es geht also darum, konkrete individuelle Ansätze zu fördern, anstatt ein Produkt auszuzeichnen oder einen Unternehmensentwurf?
 
Christof Schreckenberg: Ja. In allen Beratungsgesprächen geht es immer auch um eine Analyse von persönlichen Stärken und Schwächen. Wir stehen nicht unter dem Druck, der Wirtschaft am Ende Produkte verkaufen zu müssen, sondern es geht darum, individuelle Potentiale zu entwickeln. Gerade im Kulturbereich ist es wichtig, die Persönlichkeit und die Wirtschaftlichkeit überein zu bekommen, und dabei wollen wir helfen, auch unter Berücksichtigung der Lebenssituation. Man braucht immer einen Spiegel, vielleicht keinen geraden Spiegel, aber einen anderen Blickwinkel, der neue Perspektiven ermöglicht. Von künstlerischer Seite hört man oft den Satz „Eigentlich bräuchte ich einen Manager“, nur geht das meist schon finanziell nicht. Man muss selber herausfinden, wo der Markt ist und wie man nicht über den Tisch gezogen wird. Ein Künstler muss ein Künstler sein können und wir als Kompetenzzentrum treten auch nicht in Konkurrenz zur eigentlichen Kulturförderung. Uns geht es darum, Vermarktungsmöglichkeiten aufzuzeigen. Wir wollen aber nicht die Künstler aus ihrem Künstlerdasein kicken und auch keinesfalls die öffentliche Kulturförderung untergraben. Im Gegenteil: Wir wollen den Kreativen neue Möglichkeiten aufzeigen, aber das entlässt die öffentliche Hand nicht aus ihrem Auftrag der Kulturförderung.
 
Jens Kobler: Vielen Dank für das ausführliche Gespräch!

Froschbild: www.fotolia.de – Super grenouille ©joulien tromeur

Mo, 19.07.2010 1

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04.12.2009

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