Captain Planet über das Feldforschungsprojekt RUHR.2010

Am Tag der Eröffnung von RUHR.2010 brechen Captain Planet zwar Pi mal dicken Daumen in Richtung Essen auf, stoppen allerdings 75 Kilometer vor Zollverein abrupt ab, um das beschauliche Münster mit ihrem herzerwärmenden Inselwissen zum Schmelzen zu bringen.

Kommen die Nordisch-Punk-Propheten nicht zur Zeche, kommt 2010LAB.TV halt ins restlos ausverkaufte SpecOps. Mit dem Ergebnis, dass sich an die Frage aller Fragen an diesem Tag drei weitere anschließen, deren Antworten ihren ganz eigenen Blick auf die Stärken des Ruhrgebiets im Allgemeinen und der Kulturhauptstadt im Speziellen zu Tage bringen. Vorweggenommene Erkenntnis: Es geht durchaus noch radikaler, als nur die A40 zu sperren…

 
Why are you creative?


Arne:
Joseph Beuys hat mal gesagt: „Jeder Mensch ist ein Künstler.“ – Jeder lebt Kreativität auf eine andere Art aus.

Benni: Es muss schon ein Impuls da sein, irgendetwas zu machen, wo vorher nicht klar ist, was am Ende dabei herauskommt. Selbst wenn man am Fließband arbeitet, gestaltet man seine Arbeitsabläufe so, wie es sich am besten arrangieren lässt. Da ist auch Kreativität mit im Spiel. Die Frage nach dem „Warum?“ leitet ein wenig in die Irre.

Arne: Kreativität ist eine Form der Intelligenz. Deswegen unterscheiden wir uns vom Tier. Außerdem ist sie eine Art von Energie und es gibt das Bedürfnis sie raus zu lassen. Das ist einer der Gründe, warum es die Band gibt. Denn wenn man Ideen hat, muss es eine Form geben, sie auch umzusetzen.

 

Was ist euch von euren bisherigen Besuchen im Ruhrgebiet in Erinnerung geblieben?


Arne:
Ich habe eine gewisse Affinität für diese Gegend und war schon mehrfach für ein Wochenende in Duisburg, Oberhausen oder Essen. Ich bin Fan von Plätzen, die ihre Identität verloren haben und auf der Suche nach etwas Neuem sind. Die nicht gleich abgerissen und durch einen Glaskasten ersetzt werden. So etwas gibt es im Ruhrpott zuhauf. Besonders in Duisburg, in Essen schon weniger. Der Künstler Peter Piller hat mal eine Wanderung durch das Ruhrgebiet gemacht und Fotos von Orten zwischen Häusern zusammengetragen. Da ist es einfach nicht so pittoresk, wie zum Beispiel in Lübeck.

Der Pott ist keine rauschende Metropole wie Berlin. Er ist total kreuz und quer in einer unästhetischen Form gewachsen, die ich wiederum interessant finde.

Marco: Ich habe beim Ruhrpott immer so eine alte Heavy-Metal-Reportage im Hinterkopf. Keine Ahnung, wie die hieß. Es ging wohl hauptsächlich um Kreator und Metaller, die sich in irgendwelchen Schrebergärten getroffen haben. Das war damals für einen 16-jährigen schon ziemlich derbe. Ruhrpott ist nicht Schicki-Micki, sondern…

Arne: …authentisch! Es ist echt geil, wenn du für ein Wochenende in Duisburg wohnst und dich beim Bäcker die Bauerarbeiter, die gerade die Straße dicht machen, ansprechen, wo man denn herkommt. Die sind dabei völlig authentisch und verstellen sich nicht. Das sollte man sich bewahren.

Ich habe das Gefühl, dass dieses Metropolendenken der Kulturhauptstadt das aber mehr zerstört, als es voranzubringen.

 

Wie nehmt ihr als Auswärtige aus Hamburg und Hannover denn ansonsten die Kulturhauptstadt RUHR.2010 wahr?


Marco:
Eigentlich gar nicht, bis auf dieses ominöse Straßenprojekt [Anm. der Red.: „2-3 Straßen“ von Jochen Gerz], auf das ich durch Zufall in einem Kunstblog gestoßen bin. Ich hatte mich sogar erfolgreich dafür beworben, dort ein Jahr umsonst eine Wohnung zu bekommen, um dann Teil einer Community zwischen den alteingesessenen Bewohnern und internationalen Künstlern zu sein, die dort an Projekten arbeiten sollen. Meine Idee war eigentlich, ein Projekt über das Scheitern dieses Projekts zu machen, weil es so an den Haaren herbeigezogen und zum Scheitern verurteilt ist.

Wenn ich mir vorstelle, dass in meiner Straße in Hamburg auf einmal 30 Wohnungen renoviert werden und dann kommen irgendwelche Leute von irgendwo her und versuchen da etwas aufzuziehen, wird das von den anderen Bewohnern nicht angenommen werden.

Arne: Aber ich finde, nur indem du als Fremder dort hinkommst, ist es möglich den Blick für die Zustände, die es da gibt, zu schärfen, da du das Ganze mit anderen Augen siehst.

Marco: Aber nicht, wenn in einer Straße 100 Leute mit genau diesem Ziel dahin ziehen.

Arne: O.K., das stimmt. Verteilt wäre es sinnvoller. An und für sich finde ich die Form der Interventionskunst sehr interessant, aber anscheinend ist die Auswahl nicht gezielt dahingehend getroffen worden.

Ich habe von der Kulturhauptstadt RUHR.2010 aber schon so einiges mitbekommen, da ich an einer Grundschule arbeite, wo im Lehrerzimmer massiv dafür geworben wird, doch mal mit der Klasse dort hinzufahren und sich das anzugucken. Im Moment ist noch das Klimahaus in Bremerhaven interessanter, aber wenn das mal abgearbeitet ist, kann ich mir schon vorstellen, dass Klassen das machen werden. Es wäre ein Traum von mir, mal mit einem Kunst-LK für ein Wochenende ins Ruhrgebiet zu fahren und Feldforschungsprojekte zu machen.

 

Angenommen, ihr seid für einen Tag Kurator der Kulturhauptstadt. Wie sieht euer Programmangebot aus?


Arne:
Ich würde wahrscheinlich irgendetwas machen, das das Ruhrgebiet total verändert. Zum Beispiel Auto-Fahrverbot oder alle Autos für einen Tag aus dem Pott raus fahren, mit dem Hintergrund den Kern, diese Bauästhetik, einmal freizulegen. Gar nicht Prominente aus aller Welt einladen, sondern einfach einen anderen Blick auf das gewinnen, was da ist.

Foto: Danny Blase

Mo, 11.01.2010 0

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05.01.2010

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Metropole Ruhr
Mehr als 5 Millionen Einwohner erleben zurzeit, wie ihr postindustrielles Ruhrgebiet im Westen Deutschlands sich zum spannenden europäischen „place to be“ wandelt. Eine werdende Metropole im Selbstfindungsprozess nach der Kulturhauptstadt 2010. Besondere Kennzeichen: Industriekultur als Teil des kollektiven Gedächtnisses – und als inszeniertes Massenereignis.

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