
Bollermann, Balaton, Budenzauber
Freitag, 7. Mai 2010
Alle Tage ab 01.01.2010 hier: http://www.artscenico-media.eu/d-tagebuch.html
Ruhrfestspielhügelspiele
Peymann, der große Großintendant, der mich mein Leben lang schon begleitet und als einziger entzückend gegen „die da oben“ und andere meckern kann, hat sich über die Ruhrfestspiele aufgeregt, professionell aufgeregt, naturgemäß. Da gibt es sicherlich allen Grund. Das Festival ist zu einem Abspielort für Berühmte geworden, aber irgendwie regt mich das nicht mehr auf. Das Publikum hat sein Festival lieb und sowas muss es auch geben. Schließlich sieht man hier die Berühmten nicht so oft, also Schwamm drüber, wäre da nicht dieses Alibi-Fringe-Festival im Zelt. Das ist eine Verhohnepiepelung der Off-Kunst. Das hatte ich auch vor Jahren mal an den Intendanten geschrieben und damit auch diesen Verdruss abgelassen. Also Stille und festliche Ruhe bitte auf dem Festspielhügel.
Wahlkampfkultur
Widmen wir uns handfesteren Dingen und meckern aktuell weiter. Die SPD hat zu einem Stelldichein in der freien Szene in Dortmund auf dem Dortmunder Markt eingeladen. Zelte, Bühne, Stände, rote Shirts, u.a. mit dem Aufdruck „Das Bollermann-Team“. Es nieselt und Massen sind nicht gerade dort. Boris Gott singt gerade ein Lied. Ist es ein Protestsong? Ich weiß es nicht. Open-air In-betweens entziehen sich oft meiner präzisen Aufmerksamkeit. Moderation: Nordstadt-Kulturmeile ist ein Gespräch. Sehr kommunale Angelegenheit, kann ich nix zu sagen. Ich wohne da.
Der Ulli kommt noch
Man muss ja aufpassen, mit wem man öffentlich oder neben der Schüppe spricht. Die Parteien sind argwöhnisch verwuzzelt. Die Grünen misstrauen der SPD, die SPD den Grünen, die CDU ist nicht wirklich aufgestellt, die anderen sind mal hier mal da, nicht da. Hier in Dortmund geht es meist darum, wer wann was gesagt hat. Es gibt meines Wissens keine klaren Aussagen zur Kultur, keine! Der neue und wahrscheinlich nicht neue OB wird Sierau heißen, den dort – am Marktstand alle Ulli nennen, auch die Kulturschaffenden, so will ich die Kolleginnen und Kollegen mal nennen. Atemgold 09 bläst, dass die Socken qualmen. Wo was los ist im Revier, blasen die Schwarzroten. Sie müssten einen Heimatpreis bekommen. Aber zurück zur Politik. In dieser Stadt gibt es fürwahr ein kurioses Verhältnis zur Kunst und Kultur. Mir ist es suspekt, wenn der zukünftige OB Ulli genannt wird. Man weiß, dass sich Genossen duzen, aber – ich bitte Euch – „Genossen“, ist das nicht reliktiös? Es klingt auch immer noch danach, mal ein Pilsken zusammen zu trinken und „dann biegen wir das schon hin“. Kuschelverbot!
Balaton - deutsche Geschichte
Der Leiter des Museums für Kunst- und Kulturgeschichte begrüßt mich, als wäre ich zum ersten Mal in seinem Haus mit „Oh, welch hoher Besuch!“ Hier wird wieder Ungarn eröffnet. Eine Ausstellung zum Plattensee-Phänomen. Deutsche trafen Deutsche, Stasi traf ungarische Kollegen. Mehr als die Einführungsreden bekomme ich nicht mit. Ich werde mich später tief in die Dokumentationen stürzen, denn eine Hauptrolle in meinem Hörspiel wird eine Frau spielen, deren Mutter Ungarin ist. Sie hatte damals am Balaton einen Deutschen kennengelernt (aus Dresden). Sie bekam ein Kind, sie haben sich nie wieder gesehen. Die Tochter – Dolmetscherin für Deutsch - kommt nach langen Recherchen ins Ruhrgebiet und findet ihren Vater in Dortmund, inzwischen freizeitlicher Betreiber eines Kleingartens.
Budenzauber
Unsere Ausstellung wird eröffnet. Es ist 22.00 Uhr. Im Raum „Nebenan“ gibt es eine improvisierte Performance der zwei wunderbaren Performerinnen, begleitet von einem gänzlich unbeeindruckten einsamen Rock-Gitarristen. Draußen drücken sich zahlreiche Besucher an die Scheibe und stieren hinein ins blau-rosa beleuchtete Feld der Raumerforschung durch Bewegung und Saiten. Vorher schon wippten Wartende an der Haltstelle gegenüber mit, interessierten sich Passanten für die Intervention in die Tristesse der Rheinischen Straße an dieser Stelle.
Ich begrüße, immer mit Käppi, Mantel und dieser Umhängetasche, in dem sich mein gesamtes Sammelequipment befindet, also Kamera, Filmkamera, Aufnahmegerät, Stative, Zubehör. Es folgt der Laudator in trüben Licht der Galerie, dann der Astrologe, dem viele den Astrologen abnehmen als sei er Astrologe. Wir beschließen, diese Redenreihe als Reihe zu etablieren.
Es ist brechend voll. Es wird alles leer getrunken, alles leer gegessen, alles weggeguckt. Wunderbar, so viele Leute! Einer von der Presse, ein Filmteam von Ruhr2010lab.tv, das mit mir nach Mitternacht ein Interview einrichtet, bei dem ich wohl wirke wie ein unter Drogen stehender Zweifler, ohne zu wissen woran.
Es ist ein Erfolg, Kinders! Aber merkt das jemand? Sicher, das Kulturbüro ist stark vertreten. Na also, dann zeigt mal Kante, sagt, dass man diese Leute stärker und fix unterstützen muss, dass sie ein Aushängeschild für die Stadt sind. Sagt es und rückt von der Gießkanne ab. Man kann Ungleiches nicht gleich behandeln. Ja, wieder dieser Spruch, ist aber wahr.
Galeriesein ist schön
Es ist spät, auf der Straße immer noch an die 50 Leute. „Wie in Berlin“, sagt eine. „Warum kommen diese Leute nicht zu den Inszenierungen?“, fragt ein anderer. Klar, umsonst und Essen und Trinken und locker locker Bilder gucken. Und man trifft sich. Gut is. Ich sag ja, Parties sind en vogue, konzentriertes Gucken out. Wir werden fleißig an diesen Dingen weiterarbeiten, kostet aber alles Geld und bringt keine Einnahme. Leute, kauft Bilder! Sie begleiten Euch in den Tod!
Demnächst in Essen-Steele: Gallery/Sektion Schaufenster. Dort tanzt Hyun Jin auf einem Dach. Sie versteht das Wort „roof“ nicht. Ich sage: Das ist oben aufm Dach. „Oh yes“, she said.
Vorwärts...
Morgen ist Ennepetal local-hero am letzten Tag. Muss früh raus. Also bis gleich, Genossinnen und Genossen!
Foto Hügel: Zach Klein
Foto bunte Reißzwecken: happyeddy
Foto See: jegi
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