Bloomsday: Ein Porträt des Autors als öffentliches Eigentum

Neujahr 2012 sind die Urheberrechte für James Joyces 'Ulysses' in die öffentliche Hand übergegangen

Pünktlich am irischen Nationalfeiertag Bloomsday, dem 16. Juni, wandert das LAB mit Leopold Bloom durch Dublin und die große Debatte des öffentlichen Eigentums.

 

1. Wir beginnen unseren Spaziergang stilecht am Martello Tower und fragen uns: Wer ist dieser Mann, über den die irische Presse sich seit Jahren das Maul zerreißt? Und warum lachen heute alle Iren über Stephen Joyce?

Für Stephen Joyce war der Neujahrstag 2012 vor allem eines: eine Niederlage gegen das öffentliche Eigentum. Seit Jahren hält der einzige Enkel des irischen Nationalheiligtumes James Joyce in bester Familientradition Hände und Arme über das großväterliche Werk.

Um so lieber wäre es ihm vermutlich gewesen, wenn die Iren auch dieses Jahr mit einem Paukenschlag, viel Sekt und Feuerwerk Silvester gefeiert hätten. Die Meisten unwissend, dass ihnen, den scharfen Krallen der Familie Joyce entrungen, so ziemlich der gewaltigste Brocken Kulturgut des 20. Jahrhunderts in die öffentliche Hand übergeben wurde.

Doch natürlich entging all denen, die ihr Herz an die Literatur verloren haben, die 90-Jahres-Frist nicht, die sich von der Veröffentlichung 1922 bis 2012 spannt – umso hämischer wird nun in der irischen Presse über Stephen Joyce, den verbitterten Enkel hergezogen.

Er verlangte dicke Anteile an Verkäufen und Aufführung, verbot Anglistik- und Literaturstudenten das Zitieren einzelner Passagen und drohte der Regierung mit seinen Anwälten, als sie zum Bloomsday eine öffentliche Lesung des regalfüllenden Ulysses organisierten. Britische Zeitungen bezeichnen ihn gerne als „The Injustice Collector“.

 

2. Wir schlendern weiter durch die frühmorgendliche Stadt und werfen einen touristischen Blick auf das Dubliner Castle. Alt, wichtig und gewichtig – ungefähr so wie James Joyce:

Die ziellose Wanderung des Protagonisten durch das alltägliche und bizarre Dublin zu Beginn des 20. Jahrhunderts beeinflusste den Geschmack und das Interesse mehrerer europäischer Generationen essenziell, positiv wie negativ. James Joyce prägte die Literatur nicht nur mit dem Stempel des ungehinderten Gedankenstromes, sondern auch mit der Gratwanderung zwischen philologischem Pro-Seminar und gnadenloser Alltagsbeschreibung.

Verständlich war Joyces Bedürfnis, sein Lebenswerk in Zeiten von zwei Weltkriegen und uneingeschränkter verlegerischer Macht zu verteidigen. Schließlich suchte er, schon längst ein anerkannter Schriftsteller, jahrelang nach einem Publizisten, der bereit war, den partiell obszönen Ulysses unter seinem Namen zu veröffentlichen. Selbst Virginia Woolf scheiterte an einer Druckerei, die das Manuskript nicht einmal mit spitzen Finger anfassen wollte. Erlösung fand er erst in der Pariser Buchhandlung von Sylvia Beach und Adrienne Monnier.

Noch dringender als der Schutz seines Werkes war Joyce die Publikation: 100 Jahre später hat sich das Problem um 180 Grad gedreht: Veröffentlichen darf und kann jeder alles ungehindert, ohne Tantiemenfluss auf das Joyce'sche Familienkonto.

Das mag den feurigen Eifer der Familie erklären, die Auslegung des Werkes streng unter ihre Fittiche zu nehmen.

 

3. Wir frühstücken vis-á-vis zum Kilmainham Goal – wo früher Revolutionäre ihr Dasein fristeten, stehen heute Postkarten. Warum streiten sich die beiden Fronten noch immer so verbittert?

Die Debatte erstreckt sich noch über das evolutionäre Bedürfnis, kulturelles Erbgut zu bewahren, hinaus: Stephen Joyce beschützte nicht allein das Werk seines Großvaters vor Missbrauch durch die gierige Literaturszene, er (beispielhaft für einige derjenigen, die im Namen des Urheberrechts die Flaggen des musealen Bewahrens hissen), schwang sich auf zum Verwalter einer öffentlichen Erinnerung, eines gemeinsamen Erlebens, Genießens und Hassens zeitgenössischer Literatur.

Nicht nur, indem er vor einiger Zeit vor Studenten eines irischen Joyce-Seminares verkündete, er habe die Briefe seiner Tante Lucia, Joyces Tochter, zusammen mit der Korrespondenz James Joyce/ Samuel Beckett im Interesse der Familie vernichtet. Sondern auch, indem er sich als Herr über Kunst und Werk eines Menschen aufspielte, den er, ein Jahr vor dem Tod des Großvaters geboren, nicht kennenlernte und in guter Tradition des Konservierens entschied, ein Werk hinter Glas sei sicherer als eines auf der Bühne.

Fest steht jedoch auch, dass die Familie Joyce mit harter Hand das Familienvermögen vermehrte, aber auch der irischen Nachkriegsgeneration der Möglichkeit nahm, sich öffentlich, künstlerisch, spielerisch mit der Erinnerung an Ulysses auseinanderzusetzen.

 

Joyce und Shakespeare: ein Versuch 

Wäre es nicht spannend gewesen zu sehen, wie sich aus dem gigantomanischen Wälzer ein noch größeres Puzzle des Dublins der vergangenen Tage entwickelt? Gezeichnet von Menschen, die Joyce nicht nur aus der Studienordnung kennen, sondern sich zum Bild der goldenen Zwanziger als Primärquelle äußern könnten? Ein Joyce, der ein immer wachsendes Bild und Selbstverständnis der Stadt spiegelt?

Es ist zu bezweifeln, dass Shakespeares enormer literarischer Einfluss ebenso bombastisch wäre, hielten seit Jahrhunderten Anverwandte das Banner der korrekten Zitation aufrecht. Wie viele großartige Inszenierungen Shakespeares hätten nie das Licht der Bühne erblickt, würden Vertreter der Verlage regelmäßig kontrollieren, ob alle Charaktere vertreten sind. So handhaben es beispielsweise die Erben Hemingways. Eine absurde Vorstellung bei 66 Lords und Highnesses allein in "Richard der Dritte".

 

4. Auf den ganzen Streit gibt’s erst mal ein Guinness zum Mittag und die verzweifelte Suche nach einer Karte ohne Fisch. Gefunden in der Pearse Street, neben der Bibliothek. Warum kommen da im Minutentakt Menschen hinaus- und hineingewandert?

Tatsächlich ist Dublin eine der literarischsten Städte Europas. Jedes Jahr rufen die Bibliotheken der Stadt einen Roman (dieses Jahr bezeichnender Weise Joyce) aus, der den ganzen Frühling hindurch präsent ist: Über Lesungen, Inszenierungen und Diskussionen gibt man allen Interessierten die Chance, sich konzentriert und offen über ein einziges Werk auszutauschen.

Die unweit größere Faszination für Literatur liegt gelegentlich im Detail:

Die Facebook-Seite der Vereinigung Dubliner Bibliotheken ist nicht nur beliebt, sondern auch voller aktueller Beiträge, sei es zum Tod Ray Bradburys, oder zu abendlichen Lesungen. Hier steckt weit mehr Interesse am Dialog dahinter, als in der deutschen Auslegung von Kommunikation, dem Online-Katalog. Kennen Sie eine Bibliotek mit Vimeo-Account? Wir schon.

Der Anklang ist aus deutscher Sicht überwältigend, kämpfen hierzulande doch die Stadttheater häufig um jeden Deutsch-LK.

Stephen Joyce ist damit nur ein Symptom für ein größeres Phänomen: Die Inszenierung der Kunst als unantastbare Rarität trägt seit Jahren dazu bei, dass sich Kunst, Kunstschaffende und immer größere Teile der Gesellschaft so weit wie möglich voneinander entfernen. Und indem man Städten die öffentlichen Lesungen der Werke seines verstorbenen Großvaters untersagt, trägt man nichts zur Annäherung bei.

 

5. Bevor wir uns auf das Nachtleben, die Molly-Bloom-Feministinnen-Perfomances und die Debatten über Telemachie stürzen, schließen wir die Augen und genießen den ersten Bloomsday in Freiheit . Was sie aus ihrem Jahrhundertwerk machen, bleibt abzuwarten, heute genießen die Iren den Feiertag und stecken die Nasen in ihren Joyce. An Ideen für die nächsten Jahre mangelt es nicht:

Heute haben nun zum ersten Mal die Kreativen dieser Welt die Chance, das Buch in seine Einzelteile zu zerlegen, beliebige Passagen zu zitieren und sie zu twittern:

Die Universität Dublin hat unter dem Hashtag #joycequotes ihre Literaturstudenten dazu aufgerufen, den ganzen Samstag lang das Werk in 140 Zeichen verpackt durch die Welt zu schicken – ein kleiner Protest und eine kleine Genugtuung, für alle, die in ihren Hausarbeiten jahrelang auf Joyce-Zitate verzichten mussten.

Die neu gewonnene Freiheit ist in Irland von sehr viel größerer Bedeutung als im Rest der Welt:

Hier platzt das Programm für den 16. Juni aus allen Nähten. Joyce wird gesungen, Passagen auf der Straße gespielt und vor allem begeistert neu interpretiert. Betrachtet man die vielen Internetseiten, die sich mit dem Bloomsday 2012 und der neu gewonnen Freiheit beschäftigen, könnte man meinen, die Iren hätten seit 90 Jahren dem Tag entgegen gefiebert, an denen der Bannfluch der Familie Joyce über ihrem Nationalroman bricht.

Es ist zu bezweifeln, dass Stephen Joyce an diesem Wochenende in Dublin ist, um sich Musikvideos zu "Finnegans Wake" und Performances zu Molly Blooms berühmten Schlussmonolog anzusehen. Schade eigentlich.

 

Ach, und weil wir ja jetzt auch dürfen: „Shut your eyes and see!“ Happy Bloomsday zusammen!

 

Sa, 16.06.2012 0

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02.03.2012

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