
Bis zum nächsten Mai - eine Weltenreise Berlin Dortmund Berlin
Die Flucht im vergangenen Jahr war eine vergebliche. Denn jedes Jahr nehme ich reiß aus - aus Kreuzberg, wo vor meiner Haustür am 1. Mai das wiederkehrende Myfest tobt, junge Menschen ausgelassen – leider nicht ganz gewaltfrei - feiern, Mülltonnen in Brand setzen (mein Fahrrad stelle ich schon am Tag zuvor in den Keller), und die Auseinandersetzung mit der (armen) Polizei suchen, die immer noch als ehernes Feindbild für all diejenigen taugt, die den Staat am liebsten abschaffen würden (und was kommt dann?). Inzwischen ist es eine wuchtige Touristenattraktion; mit Politik hat das (aus meiner Sicht) nicht viel zu tun.
Im vergangenen Jahr also trieb es mich in die Heimat, nach Dortmund, wo ich das Myfest gegen ein entspanntes Weinfest im Sonnenschein auf dem Alten Markt getauscht hatte. Nur dass dort, in der Innenstadt, über 300 Neonazis die traditionelle DGB-Kundgebung überfielen. Und schon waren sie wieder da, die Quälgeister, vor denen ich eigentlich geflohen war: Polizisten in Vollmontur, Krankenwagen und Sirenen, die bis in den späten Abend für Unruhe sorgten. Eigentlich ja für Ruhe – vor einem tobenden gewaltsamen Mob. Da hätte ich auch in Kreuzberg bleiben können. Aber der Kampf um die Deutungshoheit wichtiger Erinnerungstage ist längst eine deutschlandweite Angelegenheit. Neonazis möchten diese Tage mit ihrer Ideologie überziehen: Auch den Tag der Arbeit, den sie den Gewerkschaften und Linken entreißen wollen. Was läge da näher, als im Ruhrgebiet damit zu beginnen, der einstigen Hochburg des proletarischen Daseins? Hier also versuchen sie eine kapitalismus- und globalisierungsfeindliche Haltung zu streuen, hinter der nichts anderes steckt, als der völkische Gedanken eines deutschen Nationalstaats, der seine Marktwirtschaft durch eine raumorientierte Volkswirtschaft austauscht, wie sie in den vergangenen beiden deutschen Diktaturen schon gescheitert ist. In der sich deutsch über das Blut definiert, und die Bankenkritik eine Maske ist, hinter der ein aggressiver Antisemitismus steckt. Deshalb also greifen Neonazis harmlose Gewerkschafter an.
Darauf hatte ich in diesem Jahr jedenfalls keinen Bock. War doch zu befürchten, dass Dortmund nunmehr zur Touristenattraktion rechtsgewandter Eventsucher werden würde. Bin ich also nordwärts gefahren – ins schöne Vorpommern, ans Stettiner Haff. Dort haben vor einer Eisdiele in Ueckermünde ein paar tätowierte Nazis (Wehrmachtshelm auf Totenkopf auf Wade) ihren „Tag der Arbeit“ bei Stracciatella und dem lautstarken Lärm aus ihren Autoboxen begangen: „Auferstanden aus Ruinen“ – zum heiseren Mitgrölen (sie sagen, dass die DDR das bessere Deutschland war...). Vielleicht werde ich am 1.Mai des kommenden Jahres doch wieder nach Dortmund fahren – um nachzusehen, ob die Neonazis dort inzwischen die „Internationale“ einstudiert haben.
- Nationalisten in Dortmund - Kultur in gesellschaftlicher Apathie?!
- Euromayday: Friedliche Schlachten für bessere Einkommen
Foto: Baerchen (bei Piqs.de)
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Mo, 03.05.2010
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Mehr als 5 Millionen Einwohner erleben zurzeit, wie ihr postindustrielles Ruhrgebiet im Westen Deutschlands sich zum spannenden europäischen „place to be“ wandelt. Eine werdende Metropole im Selbstfindungsprozess nach der Kulturhauptstadt 2010. Besondere Kennzeichen: Industriekultur als Teil des kollektiven Gedächtnisses – und als inszeniertes Massenereignis.
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Es bedarf keiner Event-Touristen
Neonazis sind in Dortmund 365 Tage im Jahr zu Hause. Es kommt immer wieder zu Übergriffen auf Menschen und Objekte. Ganze Familien werden in organisierter Form bedroht, ehe sie, von den Behörden im Stich gelassen, die Flucht ergreifen. Einen Tag vor dem 1. Mai marschierten 70 Autonome Nationalisten ungehindert vom Hauptbahnhof nach Dorsttfeld. Übrigens: Dem Aufmarsch in Dortmund hat sich kein SPD-Politiker in den Weg gesetzt. Hier ist stattdessen einer mitmarschiert. Ein klein wenig mehr Berliner Verhältnisse hätten der Metropole Ruhr in diesem Fall also ganz gut getan.