"Berufliche Niederlagen? - Andauernd!"

Jamiri im Interview

Er trinkt seine Weißweinschorle am Tresen seiner Essener Lieblingskneipe, raucht eine Zigarette, philosophiert über das Alltägliche und setzt seiner Frau Beate ein Denkmal. Der Essener Jan-Michael Richter, kurz Jamiri, Autor und Zeichner, ist einer der beliebtesten Comiczeichner Deutschlands. Er zeichnet Comics für Zeitschriften wie Unicum oder Spiegel online und veröffentlicht Comic-Alben.



Sind Comics Kunst?
Jamiri: Ja. Und zwar ausgewiesermaßen die neunte. Die neunte Kunst.

Wer oder was inspiriert dich zu deiner Arbeit?
Die Ambition, etwas zu erzählen. Mit den Mitteln, über die ich am ehesten verfüge.

Sind deine Geschichten autobiografisch?
Ist das eine Scherzfrage?

Du bist ein sehr bekannter Zeichner. Warum hast du mit deiner Arbeit Bekanntheit erlangt, andere nicht?
Ich hatte das Glück, Plattformen mit hoher Verbreitung zu haben. Aber vielleicht war das nicht nur Glück, sondern auch ein bisschen Tüchtigkeit, denn die Plattformen kamen zu mir, nicht umgekehrt. Ich weiß es nicht. Jedenfalls kann ich rückblickend nicht beurteilen, wie das Verhältnis zwischen Glück und Tüchtigkeit beschaffen war. Es gibt in der Tat einige unbekannte Zeichner, deren schiere Qualität ihnen zu großer Bekanntheit hätte verhelfen sollen. Ich kann am Ende nicht sagen, wie dieses Spiel eigentlich funktioniert.

Welches ist das größte Kompliment, das man dir für deine Arbeit machen kann? Und womit wertet man sie ab?
Wenn jemand lachen muss oder nachdenklich wird, ist das prima. Ärgerlich wird´s, wenn Rezensenten rezensieren, die sich nicht mal die Mühe der eingehenden Lektüre gemacht haben und beispielweise dann resümieren: „Jamiri. Das ist Philosophie auf Thekenniveau.“
Und wenn jemand sagt „schön gemalt“, weiß ich, dass die Pointe nicht gezündet hat. Das wohl größte Kompliment für meine Arbeit wäre, wenn es allgemein gelänge, Comics auch als Literatur zu betrachten.



Hast du berufliche Niederlagen erlebt?
Andauernd. Es ist immer die gleiche Niederlage. Eine Zeitschrift, für die ich arbeite und die mich gut bezahlt, wird eingestellt. Ich kann sie nicht mehr zählen.

Was war dein größtes berufliches Erfolgserlebnis?
Mein größtes Erfolgserlebnis habe ich immer dann, wenn ich mir sicher bin, dass meine letzte Arbeit die vielleicht bisher beste war. Da geht nichts drüber. Applaus oder Erfolg herkömmlicher Art sind zwar schön. Aber ich neige nicht dazu, die Einschätzung (auch vieler) anderer als Verifikation zu betrachten.

Ist dein Beruf ein Traumjob?
Wenn es gut läuft, ist es zumindest meiner. Und hier von „Beruf“ oder „Job“ zu reden ist auch etwas heikel. Nach allgemeinem Verständnis geht man ja zur Arbeit und hat danach Feierabend. Das ist bei mir anders. Ich kann bis heute nicht sagen, ob ich eher die ganze Zeit durcharbeite oder eigentlich immer frei habe. Das ist zermürbend.

Kannst du von deinen Comics gut leben?
Ich lebe seit über 20 Jahren davon. Gut? Was ist gut? Ich fahre keinen Maserati (was aber viele glauben.) Mein Kühlschrank ist voll, aber von „ausgesorgt“ kann keine Rede sein. Sagen wir einfach, ich komme zurecht.

Wer sind deine Hauptkunden?
Zeitschriften, Internetportale, Verlage, Werbeagenturen, Museen, Galerien, Plattenlabels usw. Ich bin ein sagenhaft guter Illustrator. Aber ich bin auch ein Autor, der es sich in den Kopf gesetzt hat, weitestgehend nur von seinem Autorenkram leben zu wollen. Das klingt beinah pathetisch, ist aber die Wahrheit, und hat im übrigen dazu geführt, dass ich nicht Maserati fahre.

Kannst du es dir erlauben, Projekte abzulehnen?
Es gibt lange Phasen, in denen es mir dankenswerterweise möglich war, Jobs, die ich nicht machen wollte, auch nicht machen zu müssen. Ich sage zu reinem Geldverdienen immer „Büffeljagen“, weil es sich letztlich nicht groß davon unterscheidet. Aber manchmal muss ich auch Büffel jagen. Leider. Das sind dann so Sachen wie Katzenfutter oder Waschmittelkartons malen.

Welche Comiczeichner imponieren dir?
Jamiri: Richard Corben, Don Lawrence, Gary Larson, Bill Watterson. Die bilden eine merkwüdige Sinngruppe. Deshalb.



Lebst du gern in Essen?
Ich ging nach Essen wegen eines Mädchens und ich blieb wegen eines anderen Mädchens. An Essen schätze ich, dass hier mehr Menschen sind als in Hattingen, wo ich leider aufwachsen musste. Ich wäre lieber in einer größeren Stadt. Aber ich bin, wie es aussieht, existenziell auf Betreuung durch eine schöne Frau angewiesen, in die ich auch verliebt sein muss. Insofern lebe ich sehr gern in Essen.

Welche Ziele willst du erreichen?
Habe ich schon. Das ist zermürbend.

Die Kassierer: Männer, Bomben, Satelliten


Du hast das Cover zum Kassierer-Album „Männer, Bomben, Satelliten“ gemalt. Was schätzt du an den Kassierern?
Zuallererst schätze ich die Jungs. Es dürfte schwer sein, solche Artigkeit, Höflichkeit, Freundlichkeit und formvollendete Manieren überhaupt bei irgendwem vorzufinden. Das weiß man nur, wenn man sie privat kennenlernt. Die Musik schätze ich insbesondere, weil es mir so peinlich ist, erst die Eselsbrücke einer persönlichen Bekanntschaft benötigt zu haben, um das Format des künstlerischen Entwurfs zu begreifen.



So, 15.01.2012 2

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Kommentare

Andreas Heinze

Hey Jan, schau Dir mal die Sachen von Andreas Heinze an! Wie peinlich ist das denn!!

Dufte

Der Jamiri, seit Jahrzehnten mein großer Comicheld. Gerade die Tatsache dass er am Boden geblieben ist und entgegen eigenen Angaben durchaus nochmal was Anderes macht als Malen (und übers Malen Malen) führt ja gerade erst zu den genialen Ergüssen die ich mir dereinst als armer Schüler reihenweise aus der Unicum rausbastelte und übers Bett tesate bis sie eines nachts runterkamen und mir einen Mordsschrecken einjagen. Kann auch nicht jeder Comicautor. Wer Jamiri richtig kennen lernen will schmökert in seinenFrühwerk voller Gesellschaftskritik. Über "Hagebuttentee" muss ich immer noch im Stillen gelegentlich schmunzeln.

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04.12.2009

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