
Benjamin v. Stuckrad-Barre - Auch Deutsche unter den Opfern
- Serie: Ökonomie
Frank-Walter Steinmeier steht vor der Carrera-Bahn. Warum auch immer die im Metall-Kompetenzzentrum aufgebaut ist. Er besuche kurz vor der Wahl auffallend viele Kompetenzzentren - ein paar Stunden zuvor hatte der Kanzlerkandidat der SPD schon dem Hertener Bürgermeister Ulrich Peartzel die Hand geschüttelt, um sich anschließend das ansässige Wasserstoff-Kompetenz-Zentrum zu besichtigen. Tja, und sein Schattenkabinett nenne er vorsichtshalber ja auch „Kompetenzteam“.
„Eine Carrera-Bahn, die versteht jeder; ein herrlich auflockerndes Fotomotiv, Steinmeier posiert bereitwillig, möchte dabei natürlich den roten Flitzer über die Bahn rasen lassen, aber der macht nur einen kurzen Ruck und bleibt dann stehen - ein graues Modell, ausgerechnet, gehorcht dem Steuerungsgedrücke des Kandidaten, einmal saust der Wagen rundherum, dann fliegt er aus der Kurve.“
Es sind Beschreibungen wie diese, wenn auch längst nicht immer so offensichtlich symbolträchtig, die Benjamin von Stuckrad-Barres neue Werksammlung, Auch Deutsche unter den Opfern zum Vergnügen machen.
Wenn er die Protagonisten des Wahlkampfes 2009 auf ihren Reisen durchs Land begleitet, Kleinig- und scheinbare Nichtigkeiten beobachtet, die im Gegensatz zu den ewig gleich-bedeutungsschwangeren Politphrasen aus ihren Mündern, so viel Wahrheit enthalten.
Mehr als effektheischende Pointen
Doch im Gegensatz zu den kursierenden Vorurteilen, die ihn, den Schreiber als arrogantes und selbstverliebtes Enfant terrible stigmatisieren, lässt Stuckrad-Barre seinen Untersuchungsobjekten - Persönlichkeiten des Öffentlichen Lebens, von Günther Grass bis Guido Westerwelle - immer das Menschliche, und bringt sie dem Leser näher als jede autorisierte Biographie das schaffen kann.
„Ich laufe einfach gern mit bei Leuten und gucke, was die so machen“, erzählt er der taz, und so beiläufig wie diese Aussage klingt, ist auch sein Schreibstil. Dabei jedoch präzise und treffsicher, wie es aktuell wenige andere „Kulturjournalisten“ können.
Die Sammlung seiner Reportagen, in den vergangenen zwei Jahren in Rolling Stone, Welt und B.Z. veröffentlicht sind Zeitzeugnisse, Chroniken der Gegenwart und dabei in jedem Moment originell und witzig. Mit Dieter Hildebrandt auf der Fernsehcouch, Udo Lindenberg im Hotel, Till Schweiger im Kino oder Tom Cruise auf dem roten Teppich - die Texte sind immer mehr als effektheischende Pointen, denn sie offenbaren uns die Welt hinter der Oberfläche, ohne in der Schmutzwäsche anderer zu wühlen.
Helmut Karasek nennt Auch Deutsche unter den Opfern „in Wahrheit (...) eine Deutschland-Saga“. Eine bedeutungsvolles Lob, das dem leichtfüßigen Werk nicht gerecht zu werden scheint, auch wenn es den Kern vielleicht trifft.
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