Begrüßungsgeld für Rückkehrer

Das Ruhrgebiet hat zwei wesentliche Probleme: Die Abwanderung junger leistungsfähiger Menschen. Und die reaktionäre Mentalität der Erneuerungsverhinderer, von denen es hier reichlich gibt. Das sind Menschen, die immer nur zurück schauen: Auf eine Montanlandschaft und ihre eintönige Malocherkultur. Diese permanente Rückbesinnung lähmt die Zukunft. Und genau genommen bedingen die einen oft genug die Flucht der anderen. Denn welcher gescheite -vielleicht sogar kreative- junge Mensch hat schon Lust gegen diese ewigen Nörgler der „Wat-soll-dat-denn-getz-Generation“ anzukämpfen? Gegen diejenigen, die alles so machen, wie sie es immer machen, weil sie es immer schon so gemacht haben. Leider sitzen ziemlich viele von denen dort, wo sich ihre Bremskraft noch verstärkt: In den Stadträten, Verwaltungen, und kommunalen Unternehmen.
Neulich rief mir, der ich auch vor zehn Jahren kapituliert habe, und vom Ruhri zum (Berliner) Teilzeitruhri mutiert bin, bei einer Lesung in Duisburg eine junge Frau zu: „Komm doch zurück!“ Damit hatte sie mir einen zähen Gedanken eingepflanzt. Denn schließlich bin ich ziemlich heimatverbunden, wenngleich aus sicherer Distanz. Zweifelsfrei würde ich noch im Ruhrgebiet leben, wenn diese Reaktionären dort nicht jahrelang die kulturelle Erneuerung verhindert hätten: Nach der Lesung mit dem Zwischenruf hatte ich jedenfalls folgenden Traum: Der hölzerne Ministerpräsident Nordrhein-Westfalens begrüßt mich (er hat mich gar umarmt; ich konnte mich nicht wehren, weil ich in jeder Hand einen vollen Koffer trug) bei meiner Rückkehr in die süße Heimat auf einem großzügig und modernen Dortmunder Hauptbahnhof. Dann überreicht er mir einen Scheck über 20.000 Euro. Einen, der so groß ist wie die Ankündigungsplakate für das Konzert von Michael Wendler im Westfalenstadion. Damit der Scheck als Fotomotiv für die lokale Presse funktioniert: „Rüttgers begrüßt ersten Heimkehrer“ würde die Schlagzeile heißen. Kurz vor der wichtigen Landtagswahl hatte die schwarzgelbe Düsseldorfer Besatzungsmacht nämlich ein Gesetz erlassen, das den finanziellen Anreiz für Leute wie mich regelt, zurück in den Pott zu kehren. Und natürlich hätte mich der Reporter gefragt, was ich denn nun mit meiner Rückkehrerprämie anstellen würde. Ich würde das Begrüßungsgeld natürlich in eine Art persönliches Strukturaufbauprogramm Ruhr investieren: In eine Dauerkarte für den BVB, eine Anzahlung für den (in Bochum gebauten) Opel-Zafira (vorausgesetzt ich finde eine Sparkasse, die mir als Freiberufler den Restbetrag finanziert), und in eine Mitgliedschaft bei der Vereinigten Dienstleistungsgesellschaft (Verdi), als Tribut an den wichtigsten Gewerkschaftsstandort Deutschlands.
Und was wird dann aus den Erneuerungsverhinderern? Das Problem muss sich wohl biologisch lösen. Nur, dass das wohl noch ein paar Jahre dauert. Bis dahin müsste sich das Reservoir der Jungen mit so vielen Rückkehrern auffüllen, dass sie die Bremser ständig überstimmen können. Schlimmstenfalls müssten wir potenzielle Rückkehrer so lange in Berlin ausharren, bis die Luft zuhause endlich rein ist.
Sa, 20.02.2010 3

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Kommentare

Glückauf Reloaded

DH - wie recht du hast! Das genau ist, was ich mit meiner zugespitzten Kritik zum "Begrüßungsgeld" meinte. Diese ständige Ruhrkohle-AG-(sorry)-Massenonanie, die alles andere zuw**hst, was nicht die erwartbaren Klischees erfüllt. Dabei hat selbst Münte inzwischen erkannt, wie schön das Leben ohne Bergmannschor und eSPeDe sein kann. Ich hoffe jedenfalls, dass die Ruhr.2010 ein paar fällige Diskussionen anschiebt, die zukunfstweisend sind - und nicht bloß rückwärtsgewand (Kerl war dat schön dammals). Denn ohne gesellschaftlichen Klimawandel wird der Pott weiter auf der Stelle treten.

hm...

es sind ja nicht nur die in den verwaltungen. zu großen teilen hat man das gefühl, dass auch das publikum hier lieber zu starbucks geht als in ein schrulliges cafe mit charakter, lieber bei h&m einkauft als beim etwas chaotischen second hand laden um die ecke... solange die skepsis gegenüber neuen, schrägen, ungewöhnlichen angeboten so ausgeprägt bleibt, wird es schwierig, ausreisser zu rückkehrern zu machen...

Begrüßungsgeld für Rückkehrer

Ach, biologisch entscheidet sich da nix, nur die „Jungen“ werden längst zu Alten geworden sein. Schau Dir Grönemeyer und Goosen an – egal wo sie wohnen, sie surfen auf den gleichen Stereotypen wie die, die hier nach wie vor in Bergmannschören singen (Dein Buch habe ich noch nicht gelesen). Das Einzige, was da entsteht ist „Glückauf Reloaded“.

Ist dieses „Verlassen“ oder „Rückkehren“ nicht ohnehin ein veraltetes Konzept? Sind kulturelle Erneuerer nicht ohnehin die, die häufiger mal woanders leben – die nichts „verlassen“, sondern schlicht mit ihrem Leben und ihrer kulturellem Schaffen unterwegs sind?

Also, nix mit Rückkehrprämie (Berlin ist eh nur 3 Stunden entfernt), sondern bestenfalls ne Anreizprämie für nen Zweitwohnsitz ☺.

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11.02.2010

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