Mr. Alfa mit einigen Devotionalien © Sandra Wolter

Beat im Wandel der Zeiten: Mr. Alfa, Venus International, Popshoppers

Nur hier: Alles über die neuen Alben! Und zahllose unveröffentlichte Anekdoten!

Früher im Bandwagon mit His Girl Friday, dann auf dem schmalen Grad zwischen HipsterTrash und großer Popkunst mit den Popshoppers/Popshopping. Und nun gleichzeitig ein Soloalbum von Mr. Alfa sowie eines mit dem weltweiten „ein-Mann-und-23-Frauen“-Outfit Venus International. Und mehr! Da fährt man doch gerne zum Interview in ein Studio nach Mülheim.

 

Zwei Dinge fallen zunächst auf, wenn man sich anschaut was sich bei Deiner Herangehensweise an Musik verändert hat: Bei His Girl Friday (40 Konzerte an vier Popkomm-Tagen!) gab es noch den klassischen Proberaum und eine Karriere fast ausschließlich im deutschsprachigen Raum. Und heutzutage stehen nahezu weltweite Kooperationen im Vordergrund – obwohl Venus International auch Konzerte gibt. Bedeutet das gleichzeitig, dass Du wesentlich konzeptioneller an Alben herangehst?

 

Bei Venus International sende ich nahezu fertige Stücke an die – ich glaube es sind 23 – Sängerinnen und Texterinnen, und zwar in der Regel jedes Stück einzeln. Wer eines mag, meldet sich, und dann besingt sie das nach ihrem Gusto. Dann ist das Stück auch nicht mehr meins, sondern unseres, und ich ändere gegebenenfalls noch ein paar Kleinigkeiten. So haben wir in letzter Zeit gut 100 Stücke pro Jahr produziert, aus denen dann einige für ein Album herausgesucht werden. Die ersten beiden Alben waren also Kollektionen. Das aktuelle, „Pléyades“, ergab sich aber darüber, dass wir über den nahenden Frühling und Sommer gechattet haben, so dass es vorher schon ein Thema gab, und zwar ein sehr interessantes, weil der Sommer zum Beispiel für jemanden aus der Ukraine eine ganz andere Bedeutung hat als für Spanier. Dabei sind dann recht einfache Lieder, fast Lagerfeuerlieder herausgekommen. Wir haben diese dann aber um einige jeweils passende Instrumente ergänzt, so dass es letztlich beinahe ein Weltmusik-Album geworden ist. Es wird auch überall auf der Welt fast besser verstanden und aufgenommen als in Deutschland.

 

Der Fokus hat sich also deutlich erweitert, kann man das so sagen?

 

Es ist vor Konzerten auch wesentlich intensiver, weil wir erst zwei Tage vorher zusammen kommen. Wir sind zwar über das Internet in nahezu täglichem Kontakt, aber Konzerte sind dann umso besonderer für uns. Und es ist natürlich wunderbar festzustellen, wenn sich alle gegenseitig mögen. Beth Hirsch, die ja u.a. bei „Moon Safari“ von Air gesungen hat, verhält sich dabei übrigens nicht anders als unbekanntere Sängerinnen, die bei Venus International beteiligt sind. Und es ist auch kein Problem, sondern eine schöne Sache, wenn ein türkischer Gitarrist mal etwas einspielt, weil er es besser spielen kann als ich.

 

Und man sieht sich auch nicht jeden Tag in der Stammkneipe oder hat sonst einen lokalen Nukleus, in dem es auch einmal eng werden kann…

 

Der Nukleus spielt sich halt auf Facebook ab. Und dort poste ich auch die Lieder. Daraus wiederum hat sich die Nachfrage ergeben, dass ich auch einige meiner instrumentalen Stücke zu einem Album, „Music For A Moody Day“, zusammengestellt habe. Was die Enge betrifft, bin ich zwar in gewisser Weise Lokalpatriot, aber die Borniertheiten des Ruhrgebietes haben mich nie besonders gefesselt – oder sie haben mich auch auf eine andere Art gefesselt, je nachdem.

 

(Lachen)

 

Deshalb habe ich mich gern auch nach außen orientiert, und so lernt man dann zum Beispiel bei einer Türkeitournee auch schnell Musiker kennen. Die hatten wiederum oft die erstaunliche Einstellung, dass man doch gar nicht neue Lieder schreiben müsse, weil es doch schon so viele gute gibt! Denen ging es mehr um die Interpretation. Und so bemerkst Du schnell, dass es in unterschiedlichen Kulturen unterschiedliche Herangehensweisen an Musik gibt. Da etwas zu finden, das beide Seiten inspiriert, und auf einen gemeinsamen Nenner zu kommen, das ist es was diese neue Art Proberaum ausmacht.

 

Das Popshopping-Projekt bzw. die Popshoppers kann man – obwohl es sie noch gibt! - im Rückblick fast als eine Vorstufe dazu ansehen, aber ganz klar eher in der westlichen Popkultur verortet. Da gab es zunächst Compilations aus Werbelieder-Oldies, dann selbstgemachte Werbelieder für ausgedachte Produkte, und das mit Starbesetzung. Und dann ein Konzeptalbum über, tja, Disco.

 

In der Zeit habe ich einiges gelernt über die Zusammenarbeit mit anderen Künstlern. Anke Engelke hat auf dem Höhepunkt ihrer Karriere bei uns gesungen, Bastian Pastewka hat dann E-Piano gespielt. Mit dem 80-jährigen Botho Lucas haben wir „Cigarillo“ neu eingespielt, und er hat sich während der Aufnahme in die von ihm mitgebrachte Sängerin verliebt. Woraufhin beide ihre Partner verlassen haben und zusammen gezogen sind. Mit Charles Wilp haben wir seine letzte Aufnahme gemacht, eine Parodie auf seine Afri-Cola-Werbung.

 

Diese Mischung damals, als sich Punks in Richtung Lounge geschoben haben, manches sehr Connaisseur-haft wurde, aber auch Soul und Groove eine ebenso große Rolle gespielt haben wie Konzept und Stil. Dieses Postmoderne und gleichzeitig Mod-mäßige. Es gab nicht zu jungsmäßige Tanzmusik jenseits von rein elektronischer Musik, aber oft auch mit einem Augenzwinkern. Plattensammler-Obskuritäten direkt neben Pizzicato 5. Retro vielleicht, aber nie Nostalgie. Diese Zeit meine ich hier fast wieder erklären zu müssen, merke ich gerade.

 

Ja, all das war Teil dieses Lounge-Dings, aus dem die Popshoppers kamen. Die Originale auf den Popshopping-Alben, also bevor wir eine Band wurden, sind in den Vereinigten Staaten übrigens immer noch sehr geschätzt, aber auch unsere Eigenkreationen. Letztens habe ich noch einen Popshoppers-Bossa mit u.a. Götz Alsmann gepostet, auf den eine Brasilianerin extrem begeistert reagiert hat. Schon weil es diesen Ansatz, auch mit der Ironie, in Deutschland so nach wie vor kaum gibt, werden wir demnächst wieder ein Popshoppers-Album machen.

 

Vielen Dank für diese Ansage(n), das Gespräch und den Tee!

 

„Music For A Moody Day“ von Mr. Alfa und “Pléyades” von Venus International sind via Bandcamp erhältlich.

 

Eine kleine Videoauswahl:
Venus International: "My Body Shines" (mit Iris Aneas, Barcelona)
Venus International: "Moody" (mit Christine Lunaire, Austin)
Venus International: "Pléyades"
Popshoppers: "Latina Magica"
Mr. Alfa: "Catch The Wave"

Di, 13.12.2011 0

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04.12.2009

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Mehr als 5 Millionen Einwohner erleben zurzeit, wie ihr postindustrielles Ruhrgebiet im Westen Deutschlands sich zum spannenden europäischen „place to be“ wandelt. Eine werdende Metropole im Selbstfindungsprozess nach der Kulturhauptstadt 2010. Besondere Kennzeichen: Industriekultur als Teil des kollektiven Gedächtnisses – und als inszeniertes Massenereignis.

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