Nationalisten in Dortmund - Kultur in gesellschaftlicher Apathie?!
- Serie: Bildung
Am 30. April 1945 nahm sich Adolf Hitler in seinem Berliner Führerbunker dankenswerterweise selbst das Leben. Auf den Tag genau 65 Jahre später hat Dortmunds Vorzeige-Nationalist Dennis Giemsch ganz andere Sorgen. „Unser Volk stirbt!“, klagt er vor 70 Genossen auf dem Vorplatz des Dortmunder Hauptbahnhofs. Und dies im Jahr der Kulturhauptstadt unter dem Motto "Wandel durch Kultur - Kultur durch Wandel". Hier am Dortmunder Hauptbahnhof hat "Kultur" gerade seinen eigenen Anspruch verfehlt.
"Unser Volk stribt": Das mag ja sein, doch noch ist es da und darf unter der Überschrift „Arbeitsplätze und gerechte Löhne für alle Deutschen“ und der Leitung von Giemsch (Foto) ungehindert durch die Kulturhauptstadt marschieren. Weil es der hiesigen Zivilgesellschaft am nötigen Bewusstsein fehlt und RUHR.2010 erneut in Passivität erstarrt, wenn nationalistische Kräfte ihre Straßen bevölkern.
Dortmund ist erwiesenermaßen die Nazi-Hochburg in der Metropole Ruhr. Doch die Demokraten vor Ort ignorieren diesen Zustand geflissentlich. Deshalb wird das Volk der Volksgenossen auch nicht von einer Kultur des Widerstands niedergestreckt werden, sondern höchstens in Folge von Zeugungsproblemen. Weibliche Nationalistinnen waren beim aktuellen Aufmarsch nämlich rar gesät.
Wegschauen, vorbeigehen, vergessen. Wenn nur die Hälfte derjenigen, die zwischen 18.15-19.45 Uhr mit Scheuklappen an den neben der Katharinen-Treppe verweilenden Autonomen Nationalisten vorbeiliefen, stehen geblieben wäre und sich diesen mit all ihnen von der Verfassung gegeben Rechten entgegengestellt hätte, dann hätte das mal mindestens eine positive Signalwirkung gehabt.
So aber blieb es bei einer kleinen Gruppe von Grünen, Kommunisten und einzelnen Antifaschisten, die ihrem Unmut trotz Trillerpfeifen kaum hörbar Luft machten. Kurz zuvor hatten sich knapp 50 Personen dem „Bündnis Dortmund stellt sich quer!“-Aufruf „Gegen Faschismus, Sozialabbau und Krieg“ und dessen Demonstrationszug angeschlossen.
Lobten sich Parteien und Bündnisse gegen Rechts nach der Mobilmachung gegen den Sternenmarsch von NPD & Pro NRW auf die Duisburger Moschee Ende März noch über den grünen Klee, versagten sie nun in der Mehrheit auf ganzer Linie.
Mit Klaus Schäfer (Foto: mit Sonnenbrille) war zwar ein SPD-Mitglied in Dortmund zugegen. Da der ehemalige Chef der hiesigen Berufsfeuerwehr und aktueller Leiter des städtischen Instituts für Feuerwehr- und Rettungstechnologie sich jedoch fröhlich in die Reihen der Nationalisten einreihte, konnte man ihm nun wirklich kein antifaschistisches Fleißkärtchen ausstellen.
Lobenswert, dass Ruhr Nachrichten und Westfälische Rundschau Schäfers Auftritt recherchiert und dokumentiert haben, doch muss auch hier die Kritik gestattet sein, dass sie diesem Randthema fast den gesamten Teil ihrer Berichterstattung überlassen und die bloße Tatsache, dass Nationalsozialisten ungehindert demonstrieren können, nicht weiter kritisch bewerteten.
Die Dortmunder SPD kündigte, kaum informiert, an, sogleich ein Ausschlussverfahren gegen Schäfer einzuleiten und wird damit ihren Beitrag zum Kampf gegen den Rechtsradikalismus als ausreichend ansehen. Ansonsten geht der Kulturhauptstädter weiter friedlich seinen Weg.
Am 18. Juli wird das Still-Leben A40 eine ganze Autobahn organisiert zum Erliegen bringen und viele Menschen auf die Straße locken. Gleichzeitig sind aber eben diese Menschen nicht in der Lage, bzw. nicht gewillt, einen Aufmarsch von 70 Autonomen Nationalisten zu verhindern.
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