Westwall-Bunker (c) Thomas Lock

Außer Kontrolle

Duncan Whites Medienkunstkolumne #5

Vor dem Hintergrund der Unruhen in London und Thomas Locks Medienkunstinstallation “Breaking Points” reflektiert Duncan White über die realen und metaphysischen Grenzen moderner Kunstvermittlung.


In einer meiner letzten Kolumnen habe ich über das Potenzial und die Form von früheren und zeitgenössischen Arten von Street Art spekuliert. Die aktuellen Aufstände in englischen Städten unterstreichen die Tatsache, dass die Straße ein zunehmend aufgeladener Schauplatz von Aktion und Kontrolle wird. 

Ein Großteil des mit der Gewalt verbundenen Schockeffektes ist durch die Art und Weise, in der bestimmte Grenzen überschritten wurden, entstanden – sowohl physikalische Grenzen, was das Plündern und die offenen Aggressionen gegenüber der Polizei angeht, aber auch jene metaphysischen oder “moralischen” Schwellen, die unsere verinnerlichten Grenzen definieren, was „gesetzliches Verhalten“ angeht.

 

Grenzüberschreitung: Breaking Points
 

Thomas Locks digitale Installation Breaking Points, aufgestellt in der von Künstlern geführten Ausstellungshalle ‘Past Vyner Street,’ (1 Corbridge Crescent, London, E2) präsentiert eine “Archäologie” genau dieser physischen und metaphysischen Schwellen. Für mich bekam Locks Arbeit eine noch größere Signifikanz, als der Ärger und die Frustration einer Generation junger Briten vor wenigen Wochen überkochten.

Breaking Points ist "eine zeitbasierte Videocollage von Ton und Bild", ihre Einzelteile gesammelt entlang der “atlantischen Mauer” von Nordfrankreich, einer Landschaft, die von den Überresten der 15.000 von den Nazis während des zweiten Weltkriegs erbauten Bunker, die die letzten monumentalen Bastionen der Verteidigung gegen die Invasion der Alliierten sein sollten, dominiert wird.

Lock, der mit den Tonkünstlern Hellicar & Lewis und Robin Rimbaud zusammenarbeitete, verwendete Open-Source-Software, um eine nach dem Zufallsprinzip erzeugte zeitbasierte Video-Installation zu kreieren, die Ton und Bild in einer Endlosschleife von immer wieder neu kombiniertem Material erzeugt. Das Ergebnis ist faszinierend und erzeugt ein verstörendes Gefühl von Dislokation, während reale und eingebildete, historische und aktuelle Grenzen miteinander verschmelzen und wieder auseinander driften.

 

Medien-Unkontrolle

Ich bin sicher, das Lock sich seiner Vorgänger sehr bewusst ist. Er hat als Projektionsassistent für David Leister gearbeitet, Londons erstem Projektionist, der ebenfalls ein namhafter Film- und Videokünstler ist. Lock hat wahrscheinlich eine Menge bei Leister gelernt, besonders, was angeblich redundante “Projektionstechnologien” angeht, daher rührt vielleicht das archäologische Interesse an den Architekturen einer vorherigen Technologie.

Für Lock ist “Programmieren”, genau wie in den frühen Computerbildarbeiten von Woody und Steina Vasulka, Stan Vanderbeek, oder sogar Malcolm Le Grice, eine Form der Rekodierung von Realitäten, die ansonsten nicht existent wären, nicht einfach ein Mittel zur Verdeutlichung des Status Quo. Im Gegensatz zu Mainstream-Medienkunstarbeiten verwendet Lock Medientechnologien als eine Form von Zufälligkeit und Nicht-Kontrolle.

 

Bunker-Archäologie
 

Aber Locks Arbeit ist auch sehr stark von den Schriften Paul Virilios beeinflusst. Virilios Buch Bunker Archaeology, ein psycho-geografischer Überblick über eine  Schwellenlandschaft, die vom “totalen Krieg” vernarbt zurückgelassen wurde, war die Inspirationsquelle für Breaking Points. Während einer Phase der Langeweile in seinem jährlichen Urlaub an der französischen Atlantikküste wurde Virilio von der endlosen Reihe der Bunker, die „in die endlose Leere gerichtet waren“, fasziniert.

Wie Locks Installation ist das Buch eine Studie über gefühlte und konkrete Schwellen, das die durch Furcht und Konflikt definierte Festungsmentalität einer vergangenen Generation zum Thema hat.

 

Urlaubsentdeckungen

 

Aber diese Ökologie des Schreckens ist nicht nur eine Ruine der Vergangenheit.

Ich hatte ein ähnliches Ferienerlebnis wie Virilio, als ich neulich die GCHQ-Radarinstallationen bei Bude in North Cornwall entdeckte. Diese riesigen Gebilde sind auf Satelliten über dem Atlantik, Europa und dem Mittleren Osten gerichtet – sie überwachen entfernte Kriegszonen und sammeln riesige Mengen an geheimen Daten.

 

 

Diese surreale Hintergrundkulisse der Ferienorte, die an diesem Teil der englischen Küste verstreut liegen, war eine krasse Erinnerung daran, wie real die Grenzen von Konflikt und Furcht in den Köpfen der westlichen Regierungen noch sind, während die Grenzbereiche zwischen den Staaten zunehmend verschwimmen. 

Die verinnerlichte Furcht vor einem gefühlten “Anderen” definiert diese Installationen, ob es nun Locks virtuelle Installation ist oder die historischen Installationen, die Virilio faszinierten, oder die derzeitigen Installationen zur medialen Beobachtung und Überwachung, die die Landschaft unserer Tage zeichnen. 


Ich selber war im Urlaub, während in meiner Heimatstadt die Unruhen ausbrachen – und ich dachte unwillkürlich, dass selbst im “Panoptikum” dieser modernen Zeiten (einige Zeitungen verglichen die Londoner Unruhen mit “Gefängnisunruhen”), in dem die Insassen das wachsame Auge ihrer Bewacher verinnerlicht haben, alte und neue Grenzposten bemannt bleiben.

 

Do, 01.09.2011 0

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17.12.2010

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