Aus Berlin - Osthaus Museum Hagen mit gemalten Männern, Frauen und Tieren

10 Maler, ein Wohnort, zahllose Stile - eine Entdeckungsreise

Berliner sind nach Hagen gekommen aber nicht wegen der Familie oder Fernuni. Mit „Aus Berlin“ zeigt das Hagener Osthaus Museum in einer vielseitigen, sehenswerten Ausstellung „gegenständliche“ Maler. Also jener seit einigen Jahren dominierenden Richtung, die mit Neo Rauch Anfang der Nuller-Jahre einen neuen Star gebar.

„Aus Berlin“ = zehn Künstler, geboren zwischen 1940 und 1980, jeder mit einer kleinen Werkschau zu sehen. Und wie bei einem Episodenfilm sind nicht alle Episoden gelungen, aber die Schau als Ganzes in jedem Fall.

 

Generations- und stilübergreifend

Neben der figürlichen Malerei ist der Wohnort der Künstler die einzige Gemeinsamkeit. Ansonsten finden wir stilistisch von altmeisterlich auf Renaissance getrimmt (Volker Stelzmann), über expressiv farbig (Johannes Heisig), fast fotorealistisch (Lili Hill), dicke Pinsel und bunt (Bettina Moras), neo-sachlich (Torsten Holz) und karikaturenhaft (Michael Sowa) das ganze Spektrum.

Nach der Ausstellung stellen sich einige Fragen, eine davon: Warum diese zehn Maler und nicht zehn, zwanzig, hundert andere, die auch in Berlin leben und Figuren in ihrem Malprogramm haben? Die Lektüre des Katalogs auf der Suche nach einem „kuratorischen Überbau“ ist erfolglos. So wird es wohl ein Auswahl anhand „man kennt sich“ gewesen sein – was der Qualität der Werke keinen Abbruch tut. Jeder malt für sich allein, der Rest ist Konstruktion von Zusammenhang.

 

Die Auffälligen
Heraus ragen eher die Jüngeren. Zum einen der 1973 geborene Torsten Holz mit seinen fast computeranimiert wirkenden, seltsam ort- und zeitlosen Figurenensembles. Ein Hund und drei Männer, ein Rettungsring. Das könnte eine Terrasse sein, ein Schiffsdeck. Was

passiert hier? Surreal und eigen zeigen seine Situationen Menschen, Tiere, viele Zeichen, keine klare Botschaft. Eine Erklärung, eine „Geschichte“ zu suchen führt in die Irre. Ein Eichhörnchen auf einem Zebra-Baum, davor eine Frau mit Badekappe, die irgendwo hineinspringt. Rätselhaft, zugleich offen und glatt sind diese Bilder.

Eine andere Position sind die „rubenshaften“, also übergewichtigen, Frauenportraits der 1976 geborenen Lilli Hill. Lebensgroße Ölbilder meist nackter, tanzender Dickerchen vor schwarzem Grund. Faszinierend in ihrer Direktheit und Unbeschwertheit. An ein Portrait aus dem Mittelalter erinnert eine Frau mit dünnem Schleier über dem Kopf, darunter Bikini-weiße Brüsten an braunem Körper. Sie hält einem Fisch in der Hand, die andere Hand ist zu einer Geste geformt: als zerdrücke sie eine Laus oder signalisiere uns, „Tolle Flitterwochen waren es mit dem Fisch.“ Groß, klar, voluminös und faszinierend.

Lilli Hill, Ohne Titel, 2006, Foto, Caravante
Pavel Feinstein, 1960 in Moskau geboren, arbeitet anders. Seine Bilder erinnern an alte Meister aus Holland oder Italien. Es sind Portraits, die wie Stillleben wirken: ein Zwerg im Kostüm neben einem Affen. Oder ein klassischer Stilllebentisch mit aufgeschnittener Orange – und von links kommt ein Alligator. Menschen mit Tieren und Dingen in einer Situation, die scheinbar gerade in aller Stille außer Kontrolle gerät.


Alte Meister und junge Männer
Ebenfalls einer der jüngeren Künstler ist Andreas Leißner (geboren 1978 in Berlin). Seine Portraits gut gebauter, hübscher junger Männer mit Maschinen und Werkzeug stechen heraus in ihrer Klarheit. Glänzende Oberflächen und starken Farben erinnern mitunter an Christian Schads Portraits. Leißner malt Männer unserer Zeit, meist mit einer Maschine. Allein sind sie, trotzdem posierend, ernst blicken sie drein, in sich gekehrt.

Erheiterung bringen die Bilder von Michael Sowa, der den meisten Besuchern aus Zeitschriftenabdrucken bekannt sein dürfte. Sein Humor, seine düster grotesken Szenen, setzen all der malerischen Ernsthaftigkeit etwas entgegen.

Am anderen Ende der Unterhaltungsskala dagegen firmiert Heike Ruschmeyer (geb. 1956), die tote Kinder malt. Ja. Richtig gelesen. Und sie malt gewaltsam zu Tode gekommene Kinder. Die Bettchen, ihre Leichen, die Räume. Nicht auf Sensation getrimmt, sondern erschreckend und würdevoll zugleich ist das – als würde die Stille aus den Bildern im Raum schweben.  

Fazit: Der gemeinsame Wohnort der Künstler schlägt sich nicht in den Bildern nieder und auch thematisch wie inhaltlich ist das ganze eher ein Panoptikum der Stile und Richtungen. Aber was soll's? Sehenswert Werk für Werk.

Di, 27.03.2012 0

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25.03.2010

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Mehr als 5 Millionen Einwohner erleben zurzeit, wie ihr postindustrielles Ruhrgebiet im Westen Deutschlands sich zum spannenden europäischen „place to be“ wandelt. Eine werdende Metropole im Selbstfindungsprozess nach der Kulturhauptstadt 2010. Besondere Kennzeichen: Industriekultur als Teil des kollektiven Gedächtnisses – und als inszeniertes Massenereignis.

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