Auferstanden aus Ruinen: Die Metropole als Nekropole?

Bloggen heißt die Erinnerung wachhalten, aber nicht die Gegenwart begraben. „Unter dem Strich produzierte die Blogosphäre leeres Gerede, wie es in den heute hochgejubelten flachen und offenen Systemen eigentlich immer geschieht.“
Diesen Satz von Jaron Lanier konnte man im Januar lesen, in Laniers kleinem Essay „Warum die Zukunft uns noch braucht“ (FAZ, 16.1.2010).

Angesichts vieler Blogbeiträge hier im 2010LAB.tv – nur ein weiterer Friedhof für Ego-Texter und -Surfer? – muss man sich dem wohl anschließen und mit Lanier folgern: „Die Träume von der offenen Kultur im Internet sind geplatzt: Die weltweite Vernetzung von Intelligenz produziert nicht Über-Intelligenz, sondern Banalität".

Textmüll vs. gute Beiträge

In welche Blogs – weit über das 2010LAB.tv hinaus – ich schaue: Auch Non-personal-Blogs funktionieren anscheinend nicht ohne Enthusiasten, zentrale Figuren, Inputs, ohne ein Netzwerk guter Autoren, Leute, die Antworten auf Beiträge organisieren. Und man muss verhindern, dass zu viel Textmüll die guten Beiträge erstickt, dass alle reden und keiner was zu sagen hat. Die meisten Blogs heute, so scheint’s, sind eine Tüte, in die jeder kotzen darf.

Alle schreiben – aber keiner liest?

Betrachte ich die Blog-Überschriften des 2010LAB.tv, fällt mir vor allem und zuerst eines auf: Die Einsamkeit der einzelnen Posts. Fast immer steht neben ihren Titeln „0 Kommentare, 0 Trackbacks“. Lebendige Blogs muss man stimulieren, nicht nur simulieren. Laberlyrik, Poser-Posts oder Zweitverwertung von Textbausteinen reichen da nicht aus. Immerhin, über Literatur schreibt für das 2010LAB.tv zum Beispiel Fabian Wolbring. In seine Beiträge schaue ich regelmäßig, doch einzelne Blogger und ihre Posts machen noch keinen Debattenfrühling.

Was könnte ein Blog zum literarischen Leben, zur Literatur im Ruhrgebiet leisten? Es sollte doch zumindest dessen Außendarstellung verbessern, müsste die Osmose zwischen Autoren im Ruhrgebiet und weltweit anregen, würde hoffentlich die Szene kritisch beleuchten (mit Argumenten bitte), aber eben auch Entdeckungen machen, die Vorzüge gegenwärtiger Autoren, Projekte, Texte herausstellen. Dazu muss man sie allerdings kennen.

Bitte keine alten Klischees!

Was man nicht mehr machen sollte? Dem Ruhrgebiet die alten Klischees zum tausendsten Male noch einmal um die Ohren hauen – wie das etwa Florian Neuner in seinen Beiträgen zum „Literaturwunder Ruhr“ oder zu Erik Reger („Zwischenrufe aus den 20er Jahren“) oder in seiner mit Thomas Ernst herausgegebenen Anthologie „Ruhrgebiet erlesen“ getan hat. Die meisten der seinen Arbeiten zugrunde liegenden Texte wurden vor Jahrzehnten und Jahren bereits von Prof. Erhard Schütz wiederentdeckt, dann von Dirk Hallenberger zusammengestellt, von Jürgen Lodemann ins Gedächtnis gerufen, von Andreas Rossmann in der FAZ gekonnt zitiert.

Nun schreibt uns Neuner – gähn – diese Texte und die damit verbundenen Klischees als deren Epigone mit großer Entdeckerpose erneut ins Stammbuch. So werden Vorurteile übers Revier recycelt und damit erneut fixiert. Das Ruhrgebiet scheint nicht nur zwischen Größenwahn und Minderwertigkeitskomplex, sondern auch zwischen (kultur-)politischer Rhetorik und ihrer Kritik, zwischen Vergessen und Erinnern in einer Endlosschleife zu trudeln, täglich grüßt das Murmeltier.

Metropole vs. Nekropole

Die Lösung vieler Probleme kommt nicht voran? Vielleicht. Auf jeden Fall aber auch jene Kritiker nicht, die das immer wieder säuerlich als vergorenen Wein in verbrauchten Schläuchen präsentieren. Eine Metropole wird das Ruhrgebiet wohl noch lange nicht sein, aber eine Nekropole ist es längst nicht mehr und wird es hoffentlich so bald nicht mehr werden.

Foto: Steve Ford Elliott (Profil bei piqs)


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Fr, 12.03.2010 0

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Über den Autor

08.03.2010

Stadt

Metropole Ruhr
Mehr als 5 Millionen Einwohner erleben zurzeit, wie ihr postindustrielles Ruhrgebiet im Westen Deutschlands sich zum spannenden europäischen „place to be“ wandelt. Eine werdende Metropole im Selbstfindungsprozess nach der Kulturhauptstadt 2010. Besondere Kennzeichen: Industriekultur als Teil des kollektiven Gedächtnisses – und als inszeniertes Massenereignis.

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