
Auferstanden aus Ruinen
- Serie: EUROPE IN SHORTS
Auferstanden aus Ruinen
Von Tamar Noort. „Ich bin froh, dass ich zur Wiedergeburt des bulgarischen Kinos beitragen kann“, sagte Regisseur Stefan Komandarew im letzten Jahr, als sein Film DIE WELT IST GROSS UND RETTUNG LAUERT ÜBERALL beim Sofia Filmfest gleich zwei Preise abräumte. Tatsächlich wird das bulgarische Kino nicht zum ersten Mal wiedergeboren. Denn so unbekannt es den meisten Europäern ist, seine Geschichte reicht lange zurück.
Seit 1903 bereisten findige Kaufleute mit beweglichen Kinoapparaten das Land – und begeisterten die Menschen so sehr, dass fünf Jahre später das erste feste Kino in Sofia seine Pforten öffnete. Das Kino überstand sämtliche Bombenanschläge und politischen Verwicklungen der kommenden Jahrzehnte: Es wird sogar heute noch zur Filmvorführung genutzt. Der erste Betreiber, die Firma „Modernes Theater“, weitete sich in ganz Bulgarien aus und dominierte bis Mitte der 20er Jahre als größter Filmdistributor den Balkan und den Nahen Osten. Um diese Zeit entstanden auch die ersten bulgarischen Spielfilme – vor allem aus der Hand von Vasil Gendov, der vom Theater kam und sowohl Schauspiel als auch Regie übernahm. Gendov erzählte melodramatische Geschichten aus der Großstadt und traf damit offenbar den Nerv der Zeit. Doch die große Macht des neuen Mediums blieb nicht lange in rein kreativer Hand. Der Staat formulierte einen klaren Bildungsauftrag und nahm sich der Vorführung von Dokumentarfilmen an, die Wissen vermitteln sollten. Das „Staatliche Filmlabor“ produzierte die Filme dazu und legte den Grundstein für die staatlich gelenkte Filmindustrie Bulgariens. Und die prosperierte: Mitte des 20. Jahrhunderts wurden bis zu 50 Filme im Jahr produziert (heute sind es im Schnitt fünf bis sieben), Heldengeschichten, die der sozialistischen Regierung als Legitimation und Bestätigung dienten. Aus dem Bildungsauftrag war eine Meinungslenkung geworden.
Für bulgarische Filmemacher ergab sich eine paradoxe Situation: Einerseits wurden sie als Meinungsbilder bestens gefördert, die Produktionsbedingungen waren optimal. Mit den Bojana-Filmstudios in Sofia wurde ein aufwendiger Produktionsapparat geschaffen, der bestens ausgestattet war. Die berühmten Studios existieren heute noch, gehören allerdings seit 2005 einer kalifornischen Produktionsfirma.
Junge Leute wurden hervorragend ausgebildet – etwa an der bis heute existierenden NATFA, der renommierten National Academy for Theatre & Film Arts. Der Staat schickte Filmschaffende gar in den Westen, um Festivals zu besuchen. Künstlerische Freiheit hatten sie zwar nicht – aber ihnen wurde solides Handwerkszeug mitgegeben, das sie nutzten, um hinter der offiziellen Ideologie eine tiefere Ebene zu schaffen. Das bulgarische Kino der 60er, 70er und 80er Jahre fand neue Wege, sich unter dem Joch der Staatsgewalt künstlerischen Ausdruck zu verschaffen. DER PFIRSICHDIEB (1964) von Valo Radev oder DAS ZIEGENHORN (1972) von Metodi Andonow sind inzwischen wahre Klassiker. Das Ergebnis war eine sehr eigene Filmkultur, die nach der Wende und dem Ende des sozialistischen Regimes keinen wirklichen Halt mehr fand. Viele Filmemacher schafften es nicht, sich mit ihrer subtilen Erzählweise gegen plakatives Hollywoodkino zu behaupten.
Heute, 20 Jahre nach dem Wandel, keimt in Bulgarien erneut eine lebendige Filmkultur auf. Mit den Förderprogrammen des National Film Centers gibt es wieder Geld vom Staat – doch diesmal ist das Geld nicht an eine Ideologie geknüpft. Das Bulgarische Nationale Fernsehen ist der zweite große Geldgeber. Zusammen investieren sie im Schnitt etwas mehr als sechs Millionen Euro pro Jahr. Doch entscheidender als das Geld ist das neue Selbstbewusstsein der bulgarischen Filmemacher. Mit Filmen wie MILA VOM MARS (2004, Zornitsa Sophia), LADY Z (2005, Georgi Djulgerov) und AFFEN IM WINTER (2006, Milena Andonova) holt sich das bulgarische Kino nicht nur das eigene Publikum zurück, sondern erobert auch den internationalen Markt.
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