
Auf neuen Wegen
- Serie: EUROPE IN SHORTS
Von Tamar Noort. Helen Mirren hat hier schon gedreht, Jeremy Irons und Daniel Craig auch. Allerdings sind sie nicht nach Litauen gekommen, um mit den Einheimischen zu arbeiten. Es sind ausländische Firmen, vornehmlich aus England und Amerika, aber auch aus anderen europäischen Ländern, die in Litauen ihre Filme und Serien produzieren. Die Landschaft ist nordeuropäisch vertraut, Vilnius hat eine intakte Altstadt mit prächtigen Bauten, die jede Szene hundert Jahre zurück versetzen – ohne einen Handschlag dafür tun zu müssen. So lassen sich in Litauen Filme produzieren, die nur einen Bruchteil dessen kosten, was Produktionsfirmen anderswo hätten aufbringen müssen. Optimale Bedingungen also – und das erkennt zunehmend auch die einheimische Filmindustrie.
Zwei bis drei Spielfilme pro Jahr
Im Vergleich zu den anderen baltischen Staaten hat Litauen den höchsten Marktanteil nationaler Filme: Litauische Filme machen 6,65 Prozent aus, Estland liegt bei 5,12, und Lettland bildet mit 2,52 Prozent das Schlusslicht. Die Zahlen vermitteln jedoch ein verzerrtes Bild. Denn Litauen hat weniger Kinos als Estland, jedoch mehr als doppelt so viele Einwohner; und während Estland jährlich durchschnittlich an die vier Millionen staatliche Fördergelder investiert, waren es in Litauen im letzten Jahr nur knapp über zwei Millionen. Zwei bis drei Spielfilme entstehen hier pro Jahr. Das war jedoch nicht immer so: Zu Beginn der 1950er Jahre kamen jährlich im Schnitt 40 Filme ins Kino. Heute hat Litauen etwa 90 Kinos – damals waren es mehr als fünf mal so viele. Das Kino, wenngleich ein Instrument der Sowjetmacht, boomte. Natürlich gab es eine offizielle sowjetische Bildsprache. Aber vor allem in den 60er Jahren entwickelte sich in Litauen auch eine Filmkultur, die sich um eine eigene nationale Identität bemühte.
Das Kino musste sich neu erfinden
Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion wurde Litauen unabhängig – und die gesamte bisherige Infrastruktur fiel weg. Man musste vollkommen neue Finanzierungs- und Vertriebswege finden. Anstelle des staatlichen Monopols traten private Produktionsstudios. Schon während der Perestroika, als ab Mitte der 80er Jahre Rufe nach Demokratisierung laut wurden, hatte der Regisseur Sharunas Bartas das Studio Kinema gegründet – das erste unabhängige Produktionsstudio Litauens. Seine Filme, etwa Wir sind wenige, Korridor oder Drei Tage, sind künstlerische Auseinandersetzungen mit dem postsowjetischen Litauen, mit einem Land, das auf der Suche ist nach seiner eigenen Identität.
Das litauische Kino musste sich vollkommen neu erfinden: Parallel zum Aufbau einer neuen Infrastruktur für die Filmindustrie suchte die Filmkultur nach Wegen, der Stimmung im Land Ausdruck zu verleihen. Nach wie vor dauert dieser Prozess an. Um diese Aufgabe fortzuführen, steht die nächste Generation von Filmemachern bereits in den Startlöchern: Neue Film- und Medienschulen haben sich im ganzen Land gegründet, die Kinolandschaft breitet sich aus, und Regisseurinnen wie Oksana Buraj oder Inesa Kurklietyte prägen ein junges litauisches Kino.
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