Am Wochenende fand die Art.Fair 2011, Deutschlands wichtigste neue Messe für moderne und aktuelle Kunst statt.
Von Rauschenberg-Originalen bis zu den neuesten deutschen Design-Künstlern, die sich auf dem Ableger Blooom präsentierten – ein Rundgang auf der 2003 gegründeten Art.Fair, der mittlerweile drittgrößten Kunstmesse in Deutschland, liefert dem Betrachter einen Crashkurs in zeitgemäßer Pop-Art. Natürlich findet die Messe in Köln statt. Denn während Berlin immer noch den Status einer hippen aber armen Frontstadt besitzt, sorgt am Rhein die solvente Sammler-Aristokratie des alten Westdeutschlands für einen florierenden Markt.

John Breed: "Goodbye Paradise" (c) Jan Wilms
Dass diese traditionellen Strukturen nicht das avantgardistische Potenzial der Kunst beeinflussen, bewies die Messe im Staatenhaus. 85 Galerien, auch aus New York City, Seoul, Moskau und Barcelona, stellten ein beeindruckendes Panoptikum aus Malerei, Fotografien und Installationen aus. Kunstattraktionen mit geradezu musealer Qualität boten Galerien wie Michael Schultz mit Bildern von Georg Baselitz und Norbert Bisky, die Galerie Casteel mit Gerhard Richter und die Galerie Brennecke mit den faszinierenden Ölbildern von Franziska Maderthaner.
Doch wirklich lebendig wurde es, wenn Grenzen überschritten wurden: Wie man Sozialkritik möglichst bunt und glänzend verpackt, zeigte wieder einmal der niederländische Superstar John Breed: Neben seinen Warhol-bunten Dollarnoten sorgten vor allem die silberüberzogenen Skelette der Skulptur „Goodbye Paradise“ für Aufregung.

Seymour: "Montgolfier's Magnum Opus" (c) Strychnin Gallery
Damit die Art.Fair nicht zu elitär wird, gibt es seit 2010 zeit- und raumgleich die Blooom – eine Leistungsschau der Kreativwirtschaft, die die Messe um Exponate aus Design, Musik, Mode, Literatur, Film, Rundfunk, Architektur, Presse, Werbung, Software und Games erweitert. Die Grenzen zur Kunst waren dabei aber fließend. Die großen Themen auch hier: Die Brüche und Abgründe, die sind in den Bereichen Geld, Massenkultur und Technologie auftun. So zum Beispiel bei den düsteren taktilen Skulpturen des Londoner Künstlers Seymour (Strychnin Gallery), der kleine Szenen aus der Technikgeschichte nachbaute – plötzlich steuert ein Monster den Ballon von Montgolfier. Man fragt sich: Sind das die Geister, die wir riefen?
Den diesjährigen Blooom-Award, eine Auszeichnung für junge Künstler und Designer gewannen Lukas Franciszkiewicz mit seinem Facebook-kritischen Film „beta“, die Berliner Illustratorin Katrin Rodegast mit ihrem schon in Vorfeld mit mehreren Preisen gekrönten „Soft Cover“ und Benedikt Braun mit der Installation „Jackpot“. „Diesen Grenzgängern zwischen Design und Kunst gehört die Zukunft“, hob auch Walter Gehlen, Chef der Art.Fair, den immer wichtiger werdenden Bereich hervor.

Katrin Rodegast: "Soft Cover" (c) Jan Wilms
Wahrscheinlich wird eher Sachsen den Schwarzwald als Feinschmeckerparadies und Leipzig Dortmund als Fußballhauptstadt ablösen, bevor sich an dem Ungleichgewicht in der Kunstszene etwas ändert. Viele Berliner Galerien und Künstler haben verstanden, dass sie in Köln präsent sein müssen, um zu verkaufen. „Leider gibt es in der Hauptstadt kein Gegenstück zur Art.Fair“, sagt auch der Berliner Maler Christian Rothenhagen. Der Weg nach NRW lohnt sich für ihn trotzdem: Im Rheinland kommen seine monochromen Szenen Berliner Straßenecken gut an.