Neue Leipziger Schule

Art alpin auf Hansa

Neo Rauchs Meisterschüler zogen mit ihrer Vernissage in Dortmund rund 150 Besucher an

Wer bislang dachte, Kunst fände in Dortmund nur dann Beachtung, wenn der BVB nicht mit dem Ball spielt, sah sich am Samstag, dem 1. Oktober, positiv getäuscht. Rund 150 Besucher kamen zur Vernissage der Ausstellung „White Cube – Dark Room – Dirty Hands“ in die Kokerei Hansa. Zu sehen waren dort spannende Werke von Neo Rauchs Meisterschülern – die Neue Leipziger Schule wird in dieser Form noch mehr von sich reden machen. LAB-Autor Marcus Römer war auch da.

Wer mit ein bisschen Kondition ausgestattet war, konnte die Ausstellung sogar noch mehr genießen als ein abgeschlaffter Couch Potato. Denn die Schau, die noch bis zum 31. Oktober läuft, erstreckt sich über vier Etagen. Und das sind keine Wohnhausetagen, sondern Industriestockwerke, heißt: Es sind jeweils vier Treppen bis zum nächsten Deck zu erklimmen – Art alpin.

Klar, Meisterschüler eines so anerkannten und erfolgreichen Künstlers wie Neo Rauch zu sein, verbindet. Dennoch haben Christian Bussenius, Martin Galle, Tino Geiss und Robert Seidel ihre Probleme damit, als Vertreter einer „Neuen Leipziger Schule“ etikettiert zu werden. Künstler eben, die wollen immer individuell sein. Doch Schubladen schränken nicht nur ein; sie haben den Vorteil, dass man die Dinge, die man sucht, leichter findet. Und zu finden war so einiges, das man vom heutigen Kunstbetrieb nicht mehr so unbedingt erwartet.

 

Leipziger Allerlei

Die jungen Männer malen und arbeiten gegenständlich. Doch was auf die erste Vermutung hin vertraut und verwandt scheint, entpuppt sich schnell als Kosmos ungewöhnlicher Geschichten, versteckter Botschaften und eigenartiger Emotionen.

Selbst der kunstinteressierte Laie versenkt sich schnell in den surrealen Landschaften und Innenräumen, lässt seine Fantasie fliegen. Der Halbgebildete entdeckt mitunter Anklänge an Giuseppe Arcimboldo oder van Goghs Arles-Phase mit ihren herrlichen Gelbtönen.

Bis in die Nacht hinein verliefen sich die Besucher auf den vier Stockwerken. Manch einer machte beim Schlegel-Bier eine Pause, um Kraft zu tanken für die nächste Etage. Andere nutzten das Parterre zum gepflegten Plausch. Design-Studenten der FH Dortmund hatten hübsches Mobiliar organisiert, um ein „Leipziger Wohnzimmer“ zu arrangieren.

Natürlich gab’s auch leckeres Leipziger Allerlei. Die dänische Musikkünstlerin Alice Rosa ergänzte die Schau mit Björk-ähnlichen Lauten, bevor im Verlauf des Abends, der sich immer mehr zu einer veritablen Kunstparty entwickelte, der Hamburger Sachverständige Niels Boeing sorgfältig Schallplatten auflegte. Die Hamburger Aktionsgruppe „LOMU“ (local organized multitude) forderte in einem Nebenraum mit Thesen wie „Desertiert – haufenweise“ oder „Krise schafft Kunst“ zur Positionierung auf. Ein guter, schöner, langer Abend.


Fotos: Eva Niechoj
 

Mi, 05.10.2011 1

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Kommentare

...und schon wieder...

Man kann es glaub ich gar nicht laut genug loben und oft genug wiederholen: Diese Ausstellung hat echte Klasse. Was dort zu sehen ist, wird einem in Dortmund selten - eigentlich fast nie geboten. Denn mal abgesehen davon, dass die vielen Werke der vier Künstler dort im Hansa-Hochhaus eine echte Werkschau sind, also den Einblick in die Variationen und Breite ihrer Positionen ermöglichen. Richtig einmalig ist das Zusammenspiel von alter Industrie Architektur, von Werkbank und Kunst. Obwohl ja im Ruhrgebiet soooooo viele "ehemalige Dies&Das" Orte aus den alten Industrietagen existieren, finden so gut wie keine Ausstellungen dort statt. Entweder man hat sie zum geschichts und gesichtslosen "White Cube" getrimmt, wie das U, das seine Geschichte geradezu verleugnet oder die Orte bleiben aus Sicherheitsgründen oder Versicherungsgründen oder Kostengründen oder Doofheit einfach leer. Bis irgendwem einfällt, dort ein Einkaufszentrum zu errichten meistens. Die Werke dieser vier Künstler wirken an diesem Ort eben lebendiger, jetziger als an einer schnöd-schlichten weißen Wand unter weißer Decke. Hier kommunizieren sie mit dem Raum und der Welt wie sie war und ist, statt "für sich" scheinbar kontextlos im Weiß zu schweben. Hier sieht man, spürt man die Vergangenheit, hier steht sie jar rum in Form von rostenden Werkbänken, abgeknipsten Elektrokabeln, großen Becken, in denen irgendwas getaucht oder gekühlt wurde. Und hier erscheint das riesige Bild einer Bibliothek von Tino Geiss in einem Raum, der noch nach Maschinenenöl riecht, noch ferner und ein wenig David-Lynch haft, als ohnehin schon. Hier ist die verwunschene Naturlandschaft von Christian Bussenius vor einem riesigen Panoramafenster mit Blick über die Kokerei einmalig. Hier haben die eigenartig sortierten "Mondrian aber mit Leben" Motive von Robert Seidel einen echten Ort als Kontrastfläche, der sie sofort belebt und ihre strenge Formensprache unterstreicht. Man kann es gar nicht laut genug sagen und oft genug wiederholen: Was noch vier Wochen, aber LEIDER nur Samstags und Sonntags 12 -17 Uhr und auf Anfrage, zu sehen ist auf Kokerei Hansa, das bringt erstklassige, junge, gegenwärtige Kunst nach Dortmund. Sie belebt einen Ort, wie man es nach all dem "Wandel durch Kultur" Gelaber und IndustrieKULTUR Gerede viel öfter und eben auf diesem Niveau hätte machen können und sollen. Und wer jetzt ruft: aber die Maler und Organisatoren sind doch gar nicht aus der Region, hat nichts verstanden und dabei leider recht.

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23.08.2011

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vor 2 Jahre 43 Wochen

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Mehr als 5 Millionen Einwohner erleben zurzeit, wie ihr postindustrielles Ruhrgebiet im Westen Deutschlands sich zum spannenden europäischen „place to be“ wandelt. Eine werdende Metropole im Selbstfindungsprozess nach der Kulturhauptstadt 2010. Besondere Kennzeichen: Industriekultur als Teil des kollektiven Gedächtnisses – und als inszeniertes Massenereignis.

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