
Arcade Fire besingt das Vorstadtleben der Welt
- Serie: Ruhr Music
Mit einem Rums in der Dunkelheit unter einer (projizierten) Autobahnbrücke begann das Konzert - neun Musiker griffen mit allen zur Verfügung stehenden Händen in ihre Instrumente und füllten die volle Halle mit vollen Klängen. Genau so will man Arcade Fire hören und sehen - full frontal! Im Berliner Tempodrom präsentierte die Band aus Kanada am Ende einer sommerlichen Festivaltour ihr einziges Deutschlandkonzert.
Das neue Album The Suburbs erschien im August und war drei Jahre ersehnt worden, das Konzert in Berlin also gewissermaßen die frühstmögliche Live-Begegnung mit den neuen Songs. Kurzer Rückblick: Das Vorgänger-Album, Neon Bible, katapultierte die Band aus Montreal von einer international geachteten Indie-Band zum Weltruhm. Arcade Fire ist der seltene Fall einer „Musiker Band“, das heißt einer von Kollegen bewunderten Band, die trotzdem auch beim Publikum sehr erfolgreich und bekannt ist, von manchen geardezu verehrt wird. Musiker wie Bruce Springsteen, David Bowie und andere spielten mit Arcade Fire und so brach der ganze Hype und Wahnsinn des Musikbusiness 2007 über die Band herein - inklusive der (zum Beispiel im Falle von Oasis) tödlichen Bezeichung als „beste Band des Planeten“.
Hype hin oder her: der Erfolg brachte die finanzielle Unabhängigkeit, die Arcade Fire drei Jahre pausieren ließ, um in Ruhe abzuwarten, was kommen würde an Ideen. Außer einem kleinen, sehr eigenwilligen Film über die Tour 2007 und das Zusammensein und Proben der Band gab es nichts zu hören oder sehen. Bis Jetzt.
Drei Jahre Warten haben sich jedenfalls gelohnt und der Musik gewiss nicht geschadet. Im Gegenteil: The Suburbs ist eine Art Gesamtkunstwerk geworden, weniger elegisch und opulent als der Vorgänger (auch ohne Kirchenorgel diesmal), aber dabei nicht weniger bewegend oder dicht oder gekonnt. Inhaltlich drehen die Songs sich um das Aufwachsen am Stadtrand und die behaglich-saubere, aber auch unheimliche Welt von Suburbia USA. Alles passt zusammen auf diesem Album, bei jedem Hören ist Neues zu entdecken und allmählich bilden die Songs untereinander Verbindungen, Motive wiederholen sich in Text und Musik.
Und so waren die Erwartungen an das das Konzert ebenso hoch wie die Vorfreude auf die als Live-Act grandiose Truppe.
Das flotte Ready to start vom neuen Album setzte einen programmatischen Konzertauftakt. Es folgte das unruhig-unternehmungslustige Month of May bevor drei umjubelte Hits der beiden Vorgängeralben Keep the Car running, No Cars Go und Haiti die Leute zum Weinen und Mitsingklatschhüpfen brachten.
Das Konzert hatte die erste halbe Stunde die Ungeduld und Wippeligkeit eines pubertierenden Jungen. Doch trotz aller Begeisterung in der Halle: so textsicher wie bei anderen, ähnlich umjubelten Bands dieser Gewichtsklasse sind die Konzertbesucher von Arcade Fire (noch) nicht. Das könnte vielleicht an der Ergriffenheit liegen, die die Musik mitunter hervorruft, auch das Elegisch-Pompöse, das Kritiker der Band als Bombast und zu dick aufgetragen empfinden, als pathetisches Too Much. Doch wer Arcade Fire nur ein mal live gehört hat, wird von dieser Haltung sicher Abstand nehmen.
Als Song auf Song in die vollen ging, die neun Musiker inklusive zwei Schlagzeugen und drei Geigen, diversen Gitarren und Handtrommeln zulangten, die Dichte und Lautstärke weitertrieben, fiel ich aber aus der Welle heraus. Das hohe Tempo warf mich vom Brett und hinein in den, ja, Lärm. Dann steht man da, entrückt und muss warten. Die ruhigeren Mid-Tempo Stücke, wenn auch nur sparsam in das Set eingebaut, ziehen einen wieder hinein in die musikalische Tube, die diese Band zu schaffen in der Lage ist.
Die musikalische Welt von Arcade Fire changiert irgendwo zwischen Jugendstil Verspieltheit, nächtlichen Großstadtpuls und Naturschauspiel.
Es folgten nach dem furiosen Beginn noch einige Songs wie das geniale Modern Man von der neuen Platte, ein Song mit eingebauten Vinyl-Kratzer-Tonarmhüpfer. Danach zog das Tempo allmählich mit dem Titelstück des neuen Albums an und landete beim großartigen Neigborhood #1 und schließich Rebellion (lies) wieder im Vollgas. Fünf Minuten Atemholen, dann die Zugaben mit dem ABBA-artigen Sprawl II bis sie die Schlussexplosion mit Wake up zünden und glückselige Menschen in der Stille zurückzulassen.
The Suburbs ist ein Album eigentlich wie gemacht für das Ruhrgebiet mit seinen ineinander verwachsenden Stadträndern und Vorstädten, dem urbanen Dorfgefühl zwischen Reihenhäusern, Siedlungshäusern und Kleinstadtidyll. Warum die Band aber auch bei ihrer Rückkehr im Winter hier nicht spielen wird, ist mir ein Rätsel. So bleibt nur eine Pilgerreise nach Düsseldorf am 29. November und die Hoffnung, dass dann auch die Kirchenorgel wieder dröhnt.
"Every night my dream’s the same
Same old city with a different name
They’re not coming to take me away
I don’t know why but I know I can’t stay"
Fotos: Westheide / Arcade Fire
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Von einer Band zu DER Band
Das neue Album The Suburbs erschien im August und war drei Jahre ersehnt worden, das Konzert in Berlin also gewissermaßen die frühstmögliche Live-Begegnung mit den neuen Songs. Kurzer Rückblick: Das Vorgänger-Album, Neon Bible, katapultierte die Band aus Montreal von einer international geachteten Indie-Band zum Weltruhm. Arcade Fire ist der seltene Fall einer „Musiker Band“, das heißt einer von Kollegen bewunderten Band, die trotzdem auch beim Publikum sehr erfolgreich und bekannt ist, von manchen geardezu verehrt wird. Musiker wie Bruce Springsteen, David Bowie und andere spielten mit Arcade Fire und so brach der ganze Hype und Wahnsinn des Musikbusiness 2007 über die Band herein - inklusive der (zum Beispiel im Falle von Oasis) tödlichen Bezeichung als „beste Band des Planeten“. Hype hin oder her: der Erfolg brachte die finanzielle Unabhängigkeit, die Arcade Fire drei Jahre pausieren ließ, um in Ruhe abzuwarten, was kommen würde an Ideen. Außer einem kleinen, sehr eigenwilligen Film über die Tour 2007 und das Zusammensein und Proben der Band gab es nichts zu hören oder sehen. Bis Jetzt.
Gesang der Vorstädte
Drei Jahre Warten haben sich jedenfalls gelohnt und der Musik gewiss nicht geschadet. Im Gegenteil: The Suburbs ist eine Art Gesamtkunstwerk geworden, weniger elegisch und opulent als der Vorgänger (auch ohne Kirchenorgel diesmal), aber dabei nicht weniger bewegend oder dicht oder gekonnt. Inhaltlich drehen die Songs sich um das Aufwachsen am Stadtrand und die behaglich-saubere, aber auch unheimliche Welt von Suburbia USA. Alles passt zusammen auf diesem Album, bei jedem Hören ist Neues zu entdecken und allmählich bilden die Songs untereinander Verbindungen, Motive wiederholen sich in Text und Musik.
Und so waren die Erwartungen an das das Konzert ebenso hoch wie die Vorfreude auf die als Live-Act grandiose Truppe.
Musikalische Monsterwelle
Das flotte Ready to start vom neuen Album setzte einen programmatischen Konzertauftakt. Es folgte das unruhig-unternehmungslustige Month of May bevor drei umjubelte Hits der beiden Vorgängeralben Keep the Car running, No Cars Go und Haiti die Leute zum Weinen und Mitsingklatschhüpfen brachten. Das Konzert hatte die erste halbe Stunde die Ungeduld und Wippeligkeit eines pubertierenden Jungen. Doch trotz aller Begeisterung in der Halle: so textsicher wie bei anderen, ähnlich umjubelten Bands dieser Gewichtsklasse sind die Konzertbesucher von Arcade Fire (noch) nicht. Das könnte vielleicht an der Ergriffenheit liegen, die die Musik mitunter hervorruft, auch das Elegisch-Pompöse, das Kritiker der Band als Bombast und zu dick aufgetragen empfinden, als pathetisches Too Much. Doch wer Arcade Fire nur ein mal live gehört hat, wird von dieser Haltung sicher Abstand nehmen.
Auf Grund geschlagen
Als Song auf Song in die vollen ging, die neun Musiker inklusive zwei Schlagzeugen und drei Geigen, diversen Gitarren und Handtrommeln zulangten, die Dichte und Lautstärke weitertrieben, fiel ich aber aus der Welle heraus. Das hohe Tempo warf mich vom Brett und hinein in den, ja, Lärm. Dann steht man da, entrückt und muss warten. Die ruhigeren Mid-Tempo Stücke, wenn auch nur sparsam in das Set eingebaut, ziehen einen wieder hinein in die musikalische Tube, die diese Band zu schaffen in der Lage ist.
Baustile
Die musikalische Welt von Arcade Fire changiert irgendwo zwischen Jugendstil Verspieltheit, nächtlichen Großstadtpuls und Naturschauspiel.
Es folgten nach dem furiosen Beginn noch einige Songs wie das geniale Modern Man von der neuen Platte, ein Song mit eingebauten Vinyl-Kratzer-Tonarmhüpfer. Danach zog das Tempo allmählich mit dem Titelstück des neuen Albums an und landete beim großartigen Neigborhood #1 und schließich Rebellion (lies) wieder im Vollgas. Fünf Minuten Atemholen, dann die Zugaben mit dem ABBA-artigen Sprawl II bis sie die Schlussexplosion mit Wake up zünden und glückselige Menschen in der Stille zurückzulassen.
The Suburbs ist ein Album eigentlich wie gemacht für das Ruhrgebiet mit seinen ineinander verwachsenden Stadträndern und Vorstädten, dem urbanen Dorfgefühl zwischen Reihenhäusern, Siedlungshäusern und Kleinstadtidyll. Warum die Band aber auch bei ihrer Rückkehr im Winter hier nicht spielen wird, ist mir ein Rätsel. So bleibt nur eine Pilgerreise nach Düsseldorf am 29. November und die Hoffnung, dass dann auch die Kirchenorgel wieder dröhnt.
"Every night my dream’s the same
Same old city with a different name
They’re not coming to take me away
I don’t know why but I know I can’t stay"
Fotos: Westheide / Arcade Fire
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Do, 09.09.2010
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Mein Konzert in Paris wurd ja
Mein Konzert in Paris wurd ja leider wegen Regen abgebrochen. Man sieht sich also vielleicht in Düsseldorf. Wo du übrigens den Ruhrgebietsbezug so schön herausstellst. Den gibts ja besonders im Sprawl II (Mountains beyond Mountains" ;-)
"Dead shopping malls rise like mountains beyond mountains
And there's no end in sight
I need the darkness, someone please cut the lights"