Köln bei Nacht (c) aurelien Flickr

Arbeitsmarkt, Kreativwirtschaft, Interkultur: Was kann Köln?

Die 5. Arbeitsmarktkonferenz Medien und Kultur der SK Stiftung Kultur

Wie geht es voran mit der „Marke Köln“, auch in Abgrenzung zum Ruhrgebiet und Düsseldorf? Wie organisieren sich die Kreativen als Interessenvertretung auf dem Markt? Inwiefern ist Köln eine internationale Stadt? Diese und andere Fragen behandelte die Arbeitsmarktkonferenz Medien und Kultur – und das, gemessen an aktuellen Ruhrgebietsverhältnissen, erstaunlicherweise in Abwesenheit von Wirtschaftsförderungsbeauftragten.

„Irgendwas mit Medien zieht nicht mehr so.“ – Köln sucht seinen Markenkern
Obiges Zitat aus der Eröffnungsrede von Prof. Hans-Georg Bögner, Geschäftsführer der SK Stiftung Kultur, bildet quasi den Ausgangspunkt der Diskussion darüber, wie sich die Domstadt im Standortwettbewerb verhalten soll. Dennoch wünschen sich manche Redner anscheinend die alte BRD (und das alte Europa) zurück, wenn Sätze fallen wie: “Wir müssen wieder dahin, wo wir vor dreißig Jahren einmal waren“, also gefühlt knapp hinter Berlin und auf Augenhöhe mit Hamburg, sowie irgendwie knapp vor München. In diesen Zusammenhang fallen dann auch Bemerkungen wie die, man könne stolz sein, dass 80% der ausgebildeten Fachkräfte in der Stadt blieben. Spricht das nicht eher für Starre, Klüngel und einen mangelnden nationalen wie internationalen Austausch? Roswitha Stock von der Agentur für Arbeit hat noch etwas anderes hierzu beizutragen: Es gebe keinen Fachkräftemangel in der Stadt, aber die meisten Berufstätigen in der Sparte Medien und Kultur seien entweder Ü50 oder U30. Wer von diesen angemessen verdienen mag, dazu mehr im zweiten Teil. Denn Marc Jan Eumann, zwar Kölner, aber immer mehr mit einem Blick nicht nur aus Düsseldorf oder Berlin sondern auch aus Brüssel gesegnet, sagt letztlich das Klügste zum Thema: „Man muss nicht immer im föderalen Wettbewerb z.B. gegen Berlin programmieren.“ Er setzt sich gegen Städte-zentriertes Denken ein und plädiert für Kooperationen, durchaus auch mit Bonn oder Düsseldorf. Aber mit welchen Schwerpunkten? Die neue Beigeordnete der Stadt für Wirtschaft und Liegenschaften, Ute Berg, zieht nicht nur qua Amt an einem ähnlichen Strang wie viele Akteure an der Ruhr: Hochtechnologie und Hochschulen nicht vergessen, aber vor allem „mehr Räume verfügbar und transparent machen“ – für Zwischennutzung. Der Kreativwirtschaft. Bis Ende 2012 will sie hier sichtbar weitere Fortschritte erzielt haben. Das klingt einmal mehr alles nach Kunst und Pop für Köln. Einige Medien, um davon zu erzählen, sind ja durchaus noch da.

Benno Stieber © Freischreiber
Benno Stieber © Freischreiber
„Selbstständigkeit vs. employability“ – Ausbeutungsstrukturen im härtesten Business der Welt
Das Recht am Wort und das Recht am Bild sind stets gern verhandelte Themen. Aber wie steht es mit (nicht vorhandenen) Löhnen, niedrigen Honoraren und anderen Zumutungen in der Medien- und Kulturbranche? Stefan Nowak von ver.di führt kämpferische Reden vor allem zum Thema „Sozialversicherung für Selbstständige“ und diskutiert anschließend mit u.a. Gerhard Schmidt und Konstantin von Ahlefeld über Möglichkeiten, nach britischem Muster zumindest einen code of practice bzw. code of fairness (wichtiger Link!) einzuführen. Von Gerhard Schmidt wird diesbezüglich für die Filmbranche in einigen Monaten etwas vorliegen, Benno Stieber vom Freischreiber e.V. ist da für die freiberuflich schreibende Zunft schon etwas weiter: Irritiert von der fehlenden Unterstützung der Journalistenverbände und Gewerkschaften gegen die strukturelle Benachteiligung von Freischaffenden gründeten er und Gleichgesinnte einen eigenen Verband und erarbeiteten sogar einen Kodex zur Eigenverpflichtung von Verlagen, freie Mitarbeiter fair zu behandeln. Bisher haben diesen nur kleine Verlage unterstützt. Hier wird aber in diesem Jahr in Bezug auf Bild wie Text noch einiges zu erwarten sein, in den großen Medienstädten könnte so einiges erstritten werden.

Vorstand des Kreative Klasse e.V. © Melanie Hübner
Vorstand des Kreative Klasse e.V. © Melanie Hübner
Noch ein Aspekt: Hochschulen können nicht punktgenau ausbilden und sollen es auch gar nicht.

Unternehmen wiederum binden Auszubildende oft nur für den eigenen Betrieb und aktuelle Notwendigkeiten aus. Gerade in den Medienberufen bedarf es also vielerlei Weiterbildung und Austausch. Aber wer sorgt dafür? Hier kümmert sich der Freiberufler um sich selbst und ist wieder allgemeinfachlich vielleicht besser und flexibler, aber ohne Unterstützung und auch schlechter bezahlt. Und die Angestellten? Sie werden oft an einer Weiterentwicklung gehindert, alles Neue wird den Neuzugängen aufgebürdet. Und wer übernimmt diese Qualifikationsmaßnahmen? Ein Beispiel nennt Jörg Krauthäuser: Sein Unternehmen schloss sich mit fünf anderen Betrieben zusammen, um zwanzig Event-Konzeptioner auszubilden. So reagiert man auf fehlende Fachkräfte und schließt zumindest teilweise Lücken im (Aus-)Bildungssystem, die ein Unternehmen allein nicht schließen kann. Insgesamt fällt auf: In Deutschland sind die Gewerkschaften eh schwach bis handzahm und mögliche Solidarität ist unhübsch zergliedert (worden). Wie soll also ausgerechnet die aus verschiedensten Gruppen und Verbänden bestehende und recht individualistische Kreativbranche sich zusammen raufen? Kann eine Vereinigung wie Freischreiber oder der Kreative Klasse e.V. an der Ruhr helfen? Gerade Freiberufler können und müssen hier vielleicht Impulse setzen, da sie hierzu nicht die direkte Konfrontation mit einem Arbeitgeber suchen müssen. Und was passiert, wenn es einen deutschlandweiten code of practice für die Unternehmen gibt und Gewerkschaften und Verbände nur die Umsetzung überwachen müssen, Herr Stieber? Antwort: „Dann lösen wir den Freischreiber e.V. gerne fröhlich wieder auf.“ Viel Glück!

Internationalität jenseits von derber Exotik – Interkultur jenseits von Inszenierung
Im Ruhrgebiet behandeln sich die Menschen gegenseitig meist immer noch wie Fabrikarbeiter untereinander. Wenn ein Mensch dann auch noch Migrationshintergrund hat, aber z.B. recht gebildet und kulturell interessiert ist, hat er es dreifach schwer. Kazım Çalışgan vom Essener Katakomben-Theater beschreibt recht gut die Schwierigkeiten, ein Kulturverständnis jenseits von Konsum und Folklore überhaupt in die Köpfe zu bekommen: „Wenn ich Literatur oder anspruchsvolle Musik auf die Bühne bringe, wundert man sich immer, dass es einmal nicht um Döner oder türkische Tänze geht.“ Es gebe zwar eine „Öffnung von oben“, diese bleibe aber oberflächlich und die Akteure so oft in einer Nische hängen. Ayca Tolun vom "Funkhaus Europa" des WDR spitzt weiter zu: „Migranten dürfen zwar für ein wenig internationalen Flair sorgen, umso kulturell gebildeter sie aber sind, desto schwerer wird ihnen die Integration gemacht.“ Ein Problem für Köln wie auch für das Ruhrgebiet und selbst Berlin: Qualitativ ansprechende und vielschichtige internationale Kultur findet meist innereuropäisch oder mit den Vereinigten Staaten statt. Kluges aus Asien, Afrika und selbst der Türkei mit einem gewissen Selbstbewusstsein hingegen darf mit der Lupe gesucht werden. Und ist einmal etwas gefunden, wird diese Nische gleich derart mit Repräsentations- und sonstigen Ansprüchen zugepflastert, dass ihre Originalität schnell verloren geht. Das ist nicht gerade internationaler Metropolenstandard, muss dann auch Lale Akgün zugestehen. Wollen Inder in Köln (oder Essen) sehen, wo Spuren ihrer Hochkultur zu finden sind, muss man sie in ein Restaurant bringen – oder etwa in ein Meditationszentrum? Lachhaft.

Dass immer nur billige Arbeitskräfte und Flüchtlinge in Deutschland willkommen waren und Hochqualifizierte neuerdings auch nicht gerade über die Grenze strömen, das trägt also einen Gutteil zur Provinzialität weiter Teile Deutschlands bei. Fußballfans und Köche erlaubt, ein paar Konvertierte auch, aber bitte bloß keine Gebildeten, die womöglich auch noch unerwünschte eigene Positionen mitbringen! Ist das das Bild, das „Metropolen“ aussenden wollen? Medien und Kultur – ein guter Ort, um dies nicht nur zu ellenlang zu diskutieren, sondern auch mit gutem Beispiel voran zu gehen.

 


  Foto(Teaser): aurelien (Flickr)
Mi, 01.02.2012 0

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04.12.2009

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