Die alte Stadt an der Oder hat wie keine zweite von der EU-Osterweiterung profitiert. Ihren Besuchern gibt sie davon viel zurück.

Logo der UEFA Europameisterschaft - Austragungsort Polen-Ukraine (c) Olaf Sundermeyer
Zu meinem Kumpel Adam ist das ganze Gedöns um die Kulturhauptstadt noch nicht richtig durchgedrungen. Klar, die Zeitungen haben drüber berichtet, vor allem auch das Fernsehen, das für Adam wichtiger ist. Aber im nächsten Jahr kommt erst einmal die Fußball-EM, die EURO 2012, in die Stadt. Die liegt ihm näher. Schließlich ist er selbst Sportler, Profiringer aus dem hiesigen Armeesportclub, der sich zu besseren Zeiten als Söldner in der deutschen Ringer-Bundesliga verdingt hat. Sein offenkundiges Desinteresse passt auch zu der grundsätzlichen Kritik an der Breslauer Bewerbung um den Titel Kulturhauptstadt, die von einem mangelnden Engagement der lokalen Bevölkerung geprägt war. Aber auch von der Kunst im öffentlichen Raum, denn Breslau gilt als die polnische Hauptstadt der Street Art, seit einiger Zeit gibt es hier das Festival „Out of something“, das viele sichtbare Spuren hinterlassen hat. Entscheidend war aber wohl der Einsatz der Politik.
Die Stadt hat einen innovativen Bürgermeister

Stadtpräsident (Bürgermeister) Rafał Dutkiewicz (c) slawek's (flickr.com)
Stadtpräsident (Bürgermeister) Rafał Dutkiewicz von der liberalkonservativen Regierungspartei Bürgerplattform (Platforma Obywatelska), der auch Ministerpräsident und Merkel-Freund Donald Tusk angehört, hat das Projekt unbedingt gewollt. Dutkiewicz eilt der Ruf voraus, der innovativste unter den polnischen Stadtpräsidenten zu sein. Ganz sicher weiß er, wie Öffentlichkeit funktioniert, wo die europäischen Fördertöpfe stehen weiß er auch. Polen ist der größte Empfänger von EU-Leistungen. Dafür hat das Land seit seinem EU-Beitritt im Mai 2004 allerdings ein für einen großen Flächenstaat bemerkenswerten Entwicklungssprung gemacht. Längst ist die einstige sehr verbreitete Europaskepsis gewichen – die meisten Polen sind Europaeuphoriker, wobei die Zustimmung mit zunehmendem Alter abnimmt. Seine Gegner sind alt und leben auf dem Land, zumeist im Osten des Landes, im so genannten Polen B. Breslau ist Polen A.
Breslau ist Polen A
Inzwischen verdient Adam, er ist auch schon 41 Jahre alt, sein Geld an der Tür – unter anderem. Ein paar seiner Ringer-Kumpels sind manchmal für ihn im Einsatz. „Security“ - „Ochrona“ po polsku - wird im kommenden Jahr ein lohnendes Geschäft. Mit Sicherheit. Schließlich braucht jedes Großereignis Sicherheit – und Männer wie Adam, die dafür sorgen. Schon jetzt ist er ganz gut dabei. Seinen alten Ford Sierra, den er noch vor drei Jahren fuhr, hat er gegen einen neuen 5er BMW getauscht. Dass seine Heimatstadt nunmehr den Wettbewerb um den Titel der Kulturhauptstadt 2016 gewonnen hat, spielt für ihn noch keine Rolle. Das ist zu lange hin. Dafür ist die Gegenwart in Breslau zu intensiv.
Der Wirtschaftsstandort Breslau boomt
Überhaupt profitieren die Clubs und In-Kneipen der Stadt schon jetzt von dem Breslauer Aufschwung, ebenso die zahlreichen Hotels: Die ehrbare berühmte Universität prosperiert, immer mehr westeuropäische Studenten finden den Weg hierher, auch unter Sprachschülern ist die Stadt beliebt. Der Wirtschaftstandort Breslau boomt – und immer mehr Touristen kommen. Erst kamen bloß die ergrauten Heimattouristen aus Deutschland. Unbeliebt aber geduldet, weil sie Geld brachten. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Stadtgesellschaft einmal komplett ausgetauscht. Die Deutschen wurden vertrieben, und den Polen aus den eigenen Ostgebieten wurden ihrerseits hierher vertrieben – ihre Heimat war an die Sowjetunion gefallen. Polen erlebte eine Parallelverschiebung von Ost nach West. Inzwischen haben sich die Zeiten entspannt. Man hat sich an die neugierigen Alten aus Deutschland gewöhnt, hat verstanden, dass sie nicht kommen, um alte Rechnungen zu begleichen. Weil sie etwa Haus und Hof zurückklagen wollen. Sie kommen eines Sentiments wegen. Was kann man dagegen schon haben?
Entspanntes deutsch-polnisches Verhältnis

Innenstadt Lembergs (c) Olaf Sundermeyer
Längst haben die Polen verstanden, dass Breslau für Deutsche ist, wie das westukrainische – ehemals polnische - Lemberg für sie. Auch das gehörte einst zu ihrer Nation – und seit einiger Zeit nun pilgern sie selbst scharenweise nach Lemberg, einem ähnlichen Sentiment folgend. Breslau gehört zu den größten Gewinnern der EU-Erweiterung. Schon frühzeitig hat man sich hier auf die Westöffnung eingestellt. Erstaunlich ist, wie viele junge Leute hier gut englisch oder deutsch sprechen. Und der Weg hierher - nach Breslau - ist nicht weit. Die nagelneue A4 aus Dresden über Görlitz führt über einen feinen Asphaltteppich in die schöne Stadt an der Oder. In Görlitz, das gemeinsam mit seiner polnischen Nachbarstadt Zgorcelec bei der Bewerbung um die Kulturhauptstadt 2010 am Ruhrgebiet gescheitert war, lohnt ein Zwischenstop. Architektur und ein Spaziergang über die Neiße-Brücke ans polnische Ufer bereiten ideal auf Breslau vor. Im Grunde genommen beginnt die slawische Reise schon in der Dresdner Neustadt, am Ostufer der Elbe, am „Goldenen Reiter“, dem Denkmal für Sachsenkönig August dem Starken, der gleichzeitig König von Polen war. Besucht man beide Städte kurz hintereinander, kann man ihre innere Beziehung spüren.
Der schönste Bahnhof im Land

Eingangshalle Bahnhof Breslau (c) www.fotoARION.ch (flickr)
In Breslau gibt es aber auch einen tauglichen Flughafen mit zahlreichen Billigflugverbindungen und den schönsten polnischen Bahnhof, an dem selbst ein Aufenthalt bei Mc Donald´s eine kurzweilige Angelegenheit sein kann. Das reiche kulturelle Leben spielt sich im Wesentlichen rund um den Altmarkt ab (Stary rynek). Hier spielen auch die Krimis von Marek Krajewski, der seine Fälle in jener Zeit verortet, als Breslau deutsch war. Und vor der Zeit, als seine Bücher noch nicht in Serie auf Englisch, vor allem aber auf Deutsch, übersetzt wurden (so vor sechs sieben Jahren), er damit also noch kein Haufen Geld verdiente, konnte man den guten Krajewski noch für einen bezahlbaren Stadtrundgang buchen, mit ihm eine gemütliche Tasse Kaffee am Rynek schlürfen und über das beladene deutsch-polnische Verhältnis palavern. Seit „Tod in Breslau“, „Festung Breslau“, „Gespenster in Breslau“, „Der Kalenderblattmörder“, „Pest in Breslau“, macht er das nur noch gelegentlich, vorausgesetzt man kommt vom deutschen Fernsehen, von der BBC – oder ist für ein überregionales Feuilleton im Einsatz. Ein Zug um die Häuser mit Adam ist da leichter zu arrangieren. Hier ein Bierchen, da ein Schwatz. Der Kollege kennt die schönsten Kellnerinnen der Stadt, Bussi hier, Bussi da. Und ewig klingelt eines seiner drei Handys. „Biznes!“ sagt er dann bedeutungsschwer – und geht ein paar Meter zu Seite - um zu sprechen.
Foto: Aufhänger Stadt Breslau (c) BernieCB (flickr)
Foto: Stadtpräsident (Bürgermeister) Rafał Dutkiewicz (c) slawek's (flickr)
Foto: Eingangshalle Bahnhof Breslau (c) www.fotoARION.ch (flickr)
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