
Analogpartys für Narren - revolutionsfreier Ausnahmezustand
Am Aschermittwoch ist alles vorbei!
Der akribisch geplante Ausnahmezustand war kurz, die geduldete Aufmüpfigkeit nur punktuell – am heutigen Aschermittwoch geht es brav im Alltag weiter mit uns kleinen Sünderlein. Ein Rückblick auf die tollen Tage in der karnevalistischen Provinz Ruhrgebiet.
Die karnevalsfernen Schichten sollten den Narren danken, sorgen sie doch dafür , dass der sogenannte Rosenmontag ab mittags eine arbeitsfreie Welt bedeutet, zumindest in der Nähe der Hochburgen oder Seitenausläufern wie dem Ruhrgebiet. Ist der Münsteraner noch im Wettbewerb um den längsten „Zuch“, der Rheinländer voll auf der Narrendroge, hat der Ruhrgebietsnarr bereits Montagmittag ein paar Promille aufgebaut. Am Dienstag verbrennt er den Bacchus, hängt „voll ab“ und am Mittwoch ist alles vorbei. Dann werden die Luftschlangen aus den Jackentaschen gezogen, die Konfettis aus dem Haar gekämmt, die letzte Aspirin geschmissen und der Arbeitsplatz eingenommen, auf dass das normale Leben sich wieder fortsetzt und die Gabi aus der Personalabteilung das Foto von ihr auf der facebook-Seite nicht gesehen hat.
Karneval in der Karnevalsprovinz

Karneval nur in der Demokratie – Schurkenstaaten kennen kein Helau
Alles ist „echt voll traditionell“ und es zeigt, dass die Demokratie der Minderheit Raum gibt, Arbeitsfreiheit gestattet und Straßenverstopfungen zulässt. Tanzmariechen Mandy aus Herne ist schon dabei, seit sie vier ist. Steuerfachgehilfin Sandy aus Bottrop geht als Funkenmariechen. Der Umzug in Gelsenkirchen hat 100 Gruppen und die meisten Tanzmariechen im Revier. Die Schimpansen im Zoom-Zoo haben Ausgehverbot, erhalten dafür aber Berliner mit Marmelade. Das Leben ist nicht arm an Abwechslung. Kaum vorstellbar, dass in Riad am Straßenrand Kamelle gesammelt werden von in Morphsuits verkleideten Untertanen.

Trägt der Migrant Pappnasen?
In der Dortmunder Nordstadt sammeln sich die Gruppen und Wagen auf einem großen Platz, bevor sie sich durch die Straßen bewegen, vorbei an hunderten von Anwohnern, die sich mit der deutschen Tradition angefreundet haben. Da fragt man sich: Trägt der Migrant eine Pappnase? Tatsächlich scheint dieses Utensil der Teilvermummung hier unbekannt. Hier und da ein bemaltes Gesicht, mal ein Fähnchen, ansonsten gibt sich der Migrant hier als unverkleideter Mensch. Mustafa, der seinen kleinen Sohn mit Piratenmütze dabei hat: „Karneval find ich gut. Kostüm brauch ich nicht. Ich geh als Türke. Ich mach ja auch Weihnachten mit und lauf nicht als Weihnachtsmann rum.“ Nun gut. Umgekehrt sehe ich Deutsche, die sich für diesen Anlass mal als Muselmanen verkleiden. Und wer hinter den Totalvermummungen steckt, und das in der Dortmunder Nordstadt, das will ich nicht wissen. Es ist eine Zeit der knalligen Scherze.
Mich hat ein Bonbon am Kopf getroffen
Ich taumele, falle zu Boden. Ein Schiedsrichter pfeift, Kinder in Bienen-Kostümen treten auf meine Hände. Ich rappele mich auf und versuche, eine Rudelbildung zu verhindern, zwänge mich durch eine Gruppe Bäuche, eine Flasche fällt zu Boden. Ich stolpere erneut, sehe über mir zwei paar Beine mit zu kurzen Nylonstrümpfen. Schon saust mir ein Strapsknopf vor die Stirn. Ich hebe meine Hände, rufe „Alarm“ und werde von einem zweibeinigen Pferd getreten. Die Sanitäter schieben mich ins Ausnüchterungszelt. Ich muss und will nicht erbrechen. Sie lassen mich frei. Spät schaue ich mir Bilder vom Karneval in Rio an und weiß: Auch die Träume sind hier anders.

Aschermittwoch
Deutsche Traditionen – ein heikles Thema, aber auch ein spannendes. Die Bacchusverbrennung ist so eines. Bacchus – der Beiname von Dionysos, dem Gott des Weines und des Rausches in der griechischen Mythologie, steht als brennendes Symbol für das zeremonielle Versprechen, dem Rausch vorläufig nicht mehr zu huldigen. Und dann geht der katholische Mensch am Aschermittwoch in die Kirche zum „Einaschen“. "Bedenke Mensch, dass du Staub bist und wieder zum Staub zurückkehren wirst", lassen sich die Kirchgänger am Aschermittwoch sagen und dabei Staub über den Kopf streuen bzw. in Kreuzform auf die Stirn zeichnen. Dabei besiegelt der Aschermittwoch nur, was in der Karnevalszeit in der Figur des Narren dargestellt wurde – die Nichtigkeit der Welt.

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