
Alles beim Alten?
- Serie: EUROPE IN SHORTS
Von Daniel Bickermann. Während man den ehemaligen Ostblockstaaten gerne und nachsichtig eine schwere Übergangszeit vom Kommunismus attestiert, vergessen viele Kommentatoren die massiven Umbrüche, die im Südwesten des Kontinents noch immer ihre langen Schatten in die Gegenwart werfen. Portugal war bis zur Nelkenrevolution im April 1974 der letzte faschistische Staat in Europa, und das Salazar-Regime, das die meisten Bewohner des Landes noch in reger Erinnerung haben, lässt sich auch aus der Filmgeschichte nicht tilgen: Sein Erbe ist eines der ärmsten und religiösesten, aber auch eines der bürokratischsten und unorganisiertesten Länder Europas.
Frühzeit
In den Anfängen war Portugal ganz nah dran am Puls der Filmhistorie: Nur sechs Monate nach den Brüdern Lumière in Paris gab es 1896 auch in Lissabon eine erste Filmvorführung, bei der ein Konkurrenzprojektor zu den Lumières benutzt wurde, der Teatrograf von Robert William Paul. Die ersten portugiesischen Filme entstanden dann einige Jahre später, als Pionier Costa Veiga den damaligen König Carlos I. bei privaten wie offiziellen Anlässen aufzeichnete; das erste Kino eröffnete 1904, die erste Produktionsgesellschaft wurde 1909 gegründet, als auch die ersten Dokumentarfilme gedreht wurden. Doch den Vorsprung verlor man in den 1910er und 1920er Jahren: Die chaotische „erste Republik“, die von linken wie rechten Revolten geprägt wurden, war eine wirtschaftlich turbulente Zeit, in denen einheimische wie ausländische Produktionsfirmen ebenso schnell aus dem Boden schossen wie sie nach einigen Jahren wieder eingingen. Pionier dieser Zeit war sicherlich José Leitão de Barros, der auch den ersten portugiesischen Tonfilm drehte.
Salazar
Die 1930er Jahre sahen den Beginn der faschistischen Salazar-Diktatur. Der gleichzeitig entstehende Tonfilm wurde zu Propaganda- und Zerstreuungszwecken benutzt, was sich vor allem in nationalistischen Historienfilmen niederschlug. Aber auch die „portugiesischen Komödien“ erlebten ihre goldene Zeit. Die Gründung einer portugiesischen Cinemathek, der italienische Neo-Realismus, die französischen Nouvelle Vague und das in Portugal völlig ignorierte brasilianische Cinema Novo fanden dagegen keine Entsprechung in Portugal. Eine eigene Filmkultur konnte im Klima der harten Zensur bis 1974 nicht entstehen: Jahrzehntelang gab es, wie in der gesamten Wirtschaft, Stillstand auf tiefstem Niveau, mit durchschnittlich vier Kinofilmen im Jahr, die weder zu Hause noch im Ausland zur Kenntnis genommen wurden; und mit nur 400 teils arg maroden Kinos, hauptsächlich in den Zentren Lissabon, Porto und Coimbra. Lediglich die Produktion kurzer Propaganda- und Lehrfilme blühte. Das prominenteste Festival des Landes setzte sich explizit mit dem „bäuerlichen, ökologischen und bukolischen Film“ auseinander. Wie Salazar selbst sagte: Die Portugiesen interessierten sich nur für die drei Fs, nämlich Fußball, Fado (die traurige Volksmusik) und Fatima (die Wallfahrtsstätte). Kein Kino, nirgends.
Der lange Weg nach unten
Nach 1974 waren die Hoffnungen gewaltig, und Filmemacher wie Manoel de Oliveira, Joao Mario Grillo oder Pedro Costa sorgten für Festivalteilnahmen in Venedig, Cannes oder Berlin, wobei Oliveira auch manchen Preis erhielt. Allein: Zu Hause ging alles vor die Hunde. Statt eines satten Aufschwungs zählte man Mitte der 1990er nur noch gut 250 Kinos, und als um die Jahrtausendwende die ersten offiziellen Zuschauerstatistiken veröffentlicht wurden, hatte der portugiesische Filme beim heimischen Publikum einen Marktanteil von 0,7%. Jahrelang wurden die erfolgreichsten einheimischen Filme von gerade mal 50.000 Menschen gesehen und schafften es nicht mal in die Top 50 der Verkaufs-Charts. Mitschuld an solch haarsträubenden Zahlen war der jahrzehntelange bürokratische Hickhack aus internen Grabenkämpfen, falschen Politikversprechen und Inkompetenz, der dazu führte, dass das Portugiesische Institut für Kinematographische und Visuelle Kunst (IPACA), das eigentlich Filmförderung und Promotion betreiben sollte, ständig aufgelöst und mal als Institut für Kino und Audiovisuelle Medien (ICAM) und mal als Institut für Kinemathographie (ICP) wiederbelebt wurde. Geld verdienten in diesem System nur Produzenten wie Paulo Branco und Alexandre Valente, die gelernt hatten, ohne staatliche Fördermittel zu produzieren und lukrative Auslandsverkäufe einzufädeln.
Eine späte Wende?
Einige wenige portugiesische Schauspieler haben es durch solche internationale Koproduktionen in den letzten Jahrzehnten zu Ruhm gebracht: Der sechssprachige Joaquim de Almeida ist als vermeintlich südamerikanischer Bösewicht in Hollywood-Großproduktionen sehr gefragt. Und Maria de Medeiros durfte schon mit Quentin Tarantino, Istvan Szabo, Philip Kaufman und Guy Maddin arbeiten und einen Goldenen Löwen als beste Schauspielerin in Venedig mitnehmen.
Portugiesische Regisseure oder Filmproduktionen haben dagegen weiterhin selten so große Auftritte auf der internationalen Bühne. Selbst nach den offiziell verkündeten Schreckensnachrichten von verschwindend geringen Zuschauerzahlen dauerte es fast ein Jahrzehnt, bis endlich auch der politische Wille da war, etwas an den maroden Verhältnissen zu ändern. Zehn Jahre nach seiner Ankündigung wurde 2009 endlich ein Nationaler Filmfond eingerichtet. Heute kämpft der portugiesische Film in immerhin gut 600 Kinos noch immer um einen nationalen Marktanteil von 2-3%, während der Kurzfilmer Joao Salaviza neulich die Goldene Palme in Cannes mitnehmen durfte. Alles beim Alten also? Im wahrsten Sinne des Wortes alles beim Alten: Der unermüdliche Manoel de Oliveira gilt als ältester immer noch aktiver Filmregisseur der Welt. Sein Regiedebüt lieferte er mit einem Dokumentarfilm 1931, und mit inzwischen unglaublichen 102 Jahren hat er immer noch jedes Jahr mindestens einen Film auf dem Plan. Wer auf der Berlinale 1981 einen Preis für sein Lebenswerk erhält und 2009 gleich nochmal, der hat wirklich Standhaftigkeit bewiesen. Sie sind nicht viele, die Portugiesen, aber sie sind zäh.
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