Alex Katz im Museum Ostwall Dortmund - Die "perfekte Ausstellung" fürs Dortmunder U?

Von Oberflächen und Inhalten

In der erst zweiten Wechselausstellung des Museum Ostwall (MO) im Dortmunder U seit der Eröffnung 2010 spiegeln sich die großen Möglichkeiten wie auch Schwierigkeiten des Dortmunder U. Mit der Alex-Katz-Ausstellung „Der perfekte Augenblick“ hat das MO nun ein echtes Highlight nach Dortmund geholt, das aber vermutlich den Durst der Verantwortlichen nach einem „echten Besucher-Kracher“ wieder nicht stillen wird.

Der Direktor des MO, Kurt Wettengl, und Kuratorin Nicole Grothe dürften unter Druck von vielen Seiten gestanden haben, weil das Dortmunder U trotz ordentlicher inhaltlicher Arbeit weiter Probleme hat. Die erste Wechselausstellung „Bild für Bild“ des MO vor einem Jahr war leider besuchermäßig ein Flop - bei aller künstlerischer Brillanz der Werke.

Ob jetzt mit dem zwar bekannten, schön anzusehenden Alex Katz und seinen Comic-haften, reduzierten Portraits und Landschaften „die Leute in Fünferreihen Schlange stehen“ werden, wie es der Marketingleiter der Sparkasse bei einer Max Liebermann Schau erlebt hat? Für den Großsponsor der

Katz Ausstellung eine nachvollziehbare Denkweise, Kunst unter Kosten und Nutzen zu betrachten.
Auch Kulturdezernent Stüdemann hatte ja Ausstellungen angemahnt, die den Geschmack „der Leute“ treffen, damit aber vor allem gezeigt, wie verzweifelt man in Dortmund inzwischen ist.
Und jetzt präsentiert das MO also Alex Katz: Mutig ist das - und genau die richtige Wahl, weil sich hinter der bloßen Oberfläche seiner Bilder viel mehr verbirgt. Genau wie im U und im wahren Leben.
 

Unter dem Pflaster ein Strand?
Die Ausstellung „Der perfekte Augenblick“ im Museum Ostwall mit 170 Bildern des New Yorker Künstlers hätte auch „Die perfekte Oberfläche“ heißen können und damit gleich das Paradox der Katz‘schen Kunst benannt: Denn eine Oberfläche ist ja immer die Oberfläche von „Etwas“. In den besten Fällen zeigt eine Oberfläche ehrlich, was darunter liegt. Und das ist manchmal das große Nichts, manchmal ein ganzes Universum.

Die Bilder des 85-jährigen Katz werden von Farbflächen dominiert, alle Motive sind schön, aber flach und glatt, fast eindimensional – egal ob Gesichter, Paare, Tänzer oder eine Kuh. Katz reicht eine einzige Farbe, um einen Hafen (Harbor, 2008), einen Sonnenuntergang (Twilight, 2008), einen Strand (Daytona Beach Series, 1996) oder nächtliche Stimmung (New Year‘s Eve, 1992) darzustellen. Hintergründe, Details existieren auf vielen seiner Bilder nicht. Er will Perfektion zeigen, er will die Essenz eines Moments festhalten und dabei keine Geschichten erzählen.

 

Lange schauen um dahinter zu kommen
Katz' Malerei bleibt aber nicht an der Oberfläche stehen, sondern öffnet dem Betrachter einen Raum für die eigenen Assoziationen, Gedanken, Erinnerungen, für Details und Hintergründe, die er beim Malen

weglässt.
 In der Trilogie „Twilight“ zeigt Katz zum Beispiel den minimalen Licht- und Farbwandel eines Sonnenuntergangs: Vorn die schon schwarzen Baumwipfel, dahinter der sich verändernde Himmel. Das ist so einer dieser perfekten Momente, die aber in Katz‘s Fall ein Destillat vieler Sonnenuntergänge ist. Er konstruiert aus vielen Skizzen von einem immer gleichen Motiv ein einziges, perfektes.

Die Oberfläche seiner Bilder, die ausdruckslosen Gesichter oder in ihrer Reduzierung leblos wirkenden Naturdarstellungen zu durchdringen, um darunter doch ein Gefühl oder etwas Besonderes zu entdecken – das dauert eine Weile. Eine schöne Frau oder einen idyllischen See, keine besonderen Gesichtsausdrücke, keine Gegenstände, die auf einen Zusammenhang oder ein Geschehen verweisen. Seine Oberflächen tragen  Möglichkeiten in sich, auch wenn sie mitunter wirken, als habe Katz die Menschen und Orte gefriertrocknet und dann in aller Ruhe unter Auslassung von Details, Hintergründen oder Farbspektren gemalt.

 

Wiederholung des Immergleichen - bis zur Perfektion

Faszinierend sind seine Bilder in ihrer schablonenhaften Wiederholung von Motiven und Figuren, die jedoch im Detail eben keine stumpfe Wiederholung, sondern über die Variation des Immer-Gleichen eine Suche nach Perfektion darstellen – nach dem perfekten Augenblick. Die Herausforderung für den Besucher besteht darin, sich von der Kühle und Oberfläche nicht zurückstoßen zu lassen und sich die Bilder bloß als hübsche Dekoration über dem eigenen Sofa vorzustellen.

Katz ist von Werbetafeln oder Kinoplakaten beeinflusst, die ja nichts anders wollen, als den Blick des Kunden zu fangen, um eine Sekunde auf ihr Produkt zu zeigen. Katz' Bilder beginnen jedoch zu leben, je länger man sie betrachtet – Werbung und die mediale Oberflächen-Schau in Zeitschriften und Fernsehen verflacht aber in dem Moment, wo man genauer hinschaut.


Seine Bilder sind still, speziell und langsam, Studien voller Geduld und Tiefe. Sie können in ihrer Reduzierung und Fertigkeit wie ein Gegengift zu dem Marktschreierischen oder vordergründig Klugen, künstlich Verkomplizierten in der gegenwärtigen Kunstwelt wirken. Und nebenbei erfreut man sich an den Farben und Motiven, verliert sich in dem Platz, den der Künstler dem Betrachter lässt, auch wenn er seine ganze eigene Perfektion sucht.

 

Die Ausstellung Alex Katz "Der perfekte Augenblick" beginnt heute, 20. Januar und läuft bis zum 9. April im Museum Ostwall, 6. Etage im Dortmunder U

Fr, 20.01.2012 0

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25.03.2010

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